Wie kinderfreundlich ist München: Kind mit Herz aus Sand

Wie kinderfreundlich ist München?

Wie kinderfreundlich ist München: Kind mit Herz aus SandNur 15 Prozent der Deutschen würden das eigene Land als kinderfreundlich bezeichnen, stellte vor einigen Tagen eine Studie des „Instituts für Zukunftsfragen“ fest. Damit ist Deutschland in puncto Kinderfreundlichkeit das Schlusslicht Europas. Wohlgemerkt, in der Studie ging es nicht um Fakten wie Kinderbetreuung, Entgegenkommen der Arbeitgeber, was flexible Arbeitszeiten und Teilzeit angeht, es ging auch nicht um Vergünstigungen oder Erleichterungen für Familien, sondern lediglich um das Gefühl, wie im Lande mit Kindern – und dadurch auch mit deren Eltern – umgegangen wird. Auf verschiedenen Plattformen gab es angeregte Diskussionen zu diesem Thema, auf der Facebook-Seite der Bayern-3-Frühaufdreher beispielsweise ging es hoch her: Mütter und Väter aus ganz Bayern übertrafen sich gegenseitig mit aus dem Leben gegriffenen Beispielen für erlebte Kinderunfreundlichkeit.

Ich muss zugeben, ich war ein bisschen erschrocken und fragte mich, selbst Mutter von zwei Kindern (1 und 4 Jahre alt): Wie geht es mir denn damit, hier, in meiner Heimatstadt, in der meine Kinder geboren sind und aufwachsen? Wie kinderfreundlich ist München? Wie fühlt es sich an, wenn man hier jeden Tag mit zwei Kleinkindern unterwegs ist? Vielleicht liegt es daran, dass München bekanntlich die nördlichste Stadt Italiens ist, aber ich kann mich der allgemeinen Kinderfeindlichkeitsklage nicht anschließen. Im Gegenteil. Mittlerweile kommt es vor, dass ich ab und zu mal ohne meine Kinder unterwegs bin, und dann wünsche ich mir oft, sie wären dabei, denn mit ihnen begegnen mir die Mitmenschen eindeutig freundlicher. Bevor ich Kinder hatte, habe ich nie mit fremden Menschen auf der Straße, im Geschäft oder in der U-Bahn ein Wort gewechselt, außer, es fragte mich jemand nach dem Weg zum Schlosskanal oder wir tauschten sachliche Informationen à la „vier Euro fünfundneunzig“ aus.

Seit meiner ersten Entbindung unterhalte ich mich täglich mit Leuten, die ich nicht kenne, neunzig Prozent davon sind ältere Damen, von denen ich mittlerweile einige schon kenne, vielleicht, weil wir jetzt zu ähnlicheren Zeiten draußen herumlaufen als früher. Und sie sind wirklich alle, alle nett zu meinen Kindern und zu mir. Beim Metzger gibt’s immer ein Radl Wurst und an der Fleischtheke meines Stamm-Supermarkts sogar ein Wienerle, obwohl ich dort fast nie etwas kaufe. Fast immer hält mir jemand die Tür auf, wenn ich mit dem Kinderwagen hindurch möchte, und in der U-Bahn geben die Leute fast immer freiwillig eine Seitenwand frei, damit ich den Buggy dort hinstellen kann. Apropos U-Bahn. Waren Sie schon mal in Berlin oder Paris? Möglicherweise mit Kinderwagen? Na, dann wissen Sie ja, was für ein Kinder- bzw. Mütterparadies München ist. Überall Rolltreppen und Aufzüge, die fast immer funktionieren und nur zur Wiesnzeit manchmal etwas streng riechen. Und falls doch mal Lift und Rolltreppe gleichzeitig streiken, findet sich immer jemand, der einem hilft, den Kinderwagen hinunter- oder hinaufzuschleppen.

Lediglich Busfahren finde ich mit zwei Kindern ein wenig anstrengend, was aber hauptsächlich daran liegt, dass man auf den Buslinien signifikant mehr Kurven ausgeliefert ist als bei S-Bahn, U-Bahn und Tram. München, ein Kinderparadies? Ich musste wirklich nachdenken, bis mir eine Begebenheit aus den letzten Wochen einfiel, die nicht so positiv war. Ich war mit meinem kleinen Sohn im Supermarkt, er hatte kurz vorher ordentlich gegessen und so dachte ich mir nichts dabei, ihm einen Strunk mit Bananen zum Festhalten zu geben. Trotz Sättigung überfiel ihn die unbändige Lust auf eine der gelben Kurvenfrüchte, was ein Crescendo von fordernden „Nane, Nane!“-Rufen zur Folge hatte, die sich in ein wütendes Gebrüll gesteigert hatten, als wir endlich die Kasse erreichten. Erklären Sie mal einem Anderthalbjährigen, dass man die Dinger erst bezahlen muss! Die Kassiererin war nicht begeistert. „I versteh ja, dass a Kind Regeln braucht, aber bittschön ned hier, wo i arbeit!“ schrie sie gegen meinen Sohn an. Ich wollte gerade das Argument mit dem Bezahlen in die Waagschale werfen,  da mischte sich eine Kundin von der Nebenkasse ein, selbst dreifache Mutter, und nahm mich in Schutz. Während die Damen sich noch über Kindererziehung im Allgemeinen und Südfruchtforderungen im Besonderen unterhielten, legte ich mein Geld abgezählt hin und floh mit Sohn und Nanen aus dem Supermarkt.

In Cafés und Restaurants herrscht meiner Erfahrung nach auch meistens Kinderfreundlichkeit. Fast überall gibt es Kinderstühle, was ich als Hinweis darauf werte, dass man es als mindestens akzeptabel ansieht, dass Menschen unter einem Meter Körpergröße hier essen. Auch Kindermenüs findet man in den meisten Gaststätten, oft gibt es sogar Spielzeug oder Malsachen. Klar, wenn ich mit zwei Kleinkindern zum Essen gehe, wähle ich lieber den Italiener um die Ecke als das französische Fischlokal mit dem Michelin-Stern, und vielleicht gehe ich um 18 Uhr dort hin statt nach neun Uhr abends, wenn der Nachwuchs schon todmüde vor sich hin quengelt. Aber ist es nicht allgemein so  – wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus? Meine Kinder dürfen Kinder sein, sie dürfen laut sein, kreischen und toben und fast jeden Schmarrn machen, der ihnen einfällt. Aber nicht immer und überall.

Im Laden, in der U-Bahn, im Restaurant und in der Stadtbibliothek müssen sie sich so benehmen, dass sie niemanden stören und nichts kaputt machen. „Bitte“ und „danke“ sind obligatorisch – das gilt übrigens auch für mich, wenn mir jemand eine Tür aufhält. Wenn man seine Kinder einigermaßen im Griff hat und den Mitmenschen freundlich begegnet, wird man in 99 Prozent der Fälle von ihnen genauso behandelt, so meine Erfahrung. Ab und zu bin ich übrigens auch mit drei Kindern unterwegs, wenn ich die Tochter einer Freundin dabei habe. Sie ist blond wie meine Kinder und könnte gut als große Schwester der anderen beiden durchgehen. Die Reaktionen der Menschen, die mir begegnen, sind anders. Immer noch freundlich, aber in manchem Blick lese ich eine Mischung aus Bewunderung und Mitleid, manchmal auch die unausgesprochene Frage, ob ich wohl keine anderen Hobbys habe. Aber das ist eine andere Geschichte, und die soll ein andermal erzählt werden.

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