Haidhausen – zwischen Franzosenviertel, Herbergshäusern und Jugendstil

Viel lieber noch als nach Schwabing wäre ich damals nach Haidhausen gezogen. Sedanstraße, Metzstraße, Belfortstraße, Pariser Straße – in meinen frankophilen Ohren klang das wie Musik. Mit einer druckfrischen Magisterurkunde in französischer Literaturwissenschaft in der Tasche war ich dem Land von Balzac, Baudelaire & Co. seinerzeit sehr zugetan. Als ich das erste Mal durch das Viertel rund um den Orleansplatz bummelte, fühlte ich mich fast wie in Paris. Hochherrschaftliche Häuser mit wunderschönen Neobarock- und Neorenaissance-Fassaden, schmale Straßen mit Kopfsteinpflaster und jede Menge Straßencafés und Restaurants.

Das war nicht immer so. Bis in die Siebziger galt Haidhausen als „Glasscherbenviertel“. Erst nach einer umfangreichen Sanierung entwickelte sich das Handwerker- und Arbeiterviertel zum Szene-Kiez und machte in den Achtzigern dem guten alten Schwabing den Rang streitig. Während Letzteres zu jener Zeit eher durch die Kir-Royal- und Monaco-Franze-Klientel geprägt war, fanden rund um den Pariser Platz vor allem Künstler und Alternative ihr Zuhause.

Die berüchtigte „gentrification“ hat jedoch auch vor Haidhausen nicht Halt gemacht. Das Prenzlauer-Berg-Phänom findet man auch am östlichen Isarufer: Die Szene ist schon seit geraumer Zeit auf die andere Seite der Isar ins Glockenbachviertel abgewandert. Dafür ist die Zahl der Kinderwägen und Kinderläden in die Höhe geschossen, genauso wie die Mieten, die mittlerweile sogar die Bestlagen in Schwabing übertrumpfen.

Ich selbst habe auch schon öfters den Kinderwagen durch Haidhausen geschoben, den von meinem Patenkind und seinem älteren Bruder. Als „S-PANK“ – semi-professional aunt, no kids – kenne ich auch die Spielplätze im Viertel. Und die besten Cafés in der Nähe von Spielplätzen. Wenn ich mit der Mama und den beiden Jungs unterwegs bin, gehen wir gerne in den Preysinggarten. In dem traditionsreichen Wirtshaus, wo schon 1893 die Haidhausener Handwerker und Tagelöhner ihren Humpen Bier getrunken haben, gibt es heute frisch gebackenen Kuchen aus der Bäckerei Chocolatte in der Wörthstraße, Cappucchino für die Großen und Kindercappucchino, eine Rutsche und Platz zum Fußballspielen für die Kleinen. Sehr zum Leidwesen der Bewohner des Hauses nebenan, die regelmäßig vom Balkon herunter schimpfen, wenn es mal wieder zu laut wird.

wienerplatz_preysinggarten_zumkloster

Wenn es im Preysinggarten zu voll ist, gehen wir ein paar Meter weiter und suchen uns ein schattiges Plätzchen unter den Kirschbäumen vom „Zum Kloster“. Mit seiner hellen Holzvertäfelung ist die Traditionsgaststätte zwar auch innen ganz gemütlich, aber ich sitze lieber draußen und genieße das dörfliche Idyll. In diesem verkehrsberuhigten Teil der Preysingstraße hat man nicht das Gefühl, mitten in München zu sein. Das Kopfsteinpflaster, die historischen Herbergshäuser und das Holzhaus des alten Kriechbaumhofs, in dem heute die Jugendgruppe des Alpenvereins zu Hause ist, geben einem das Gefühl, in einem kleinen Dorf irgendwo im bayerischen Voralpenland zu sein.

In dieser Ecke von Haidhausen hat sich das alternative Flair der Achtziger nicht vertreiben lassen. Davon zeugen nicht nur Schilder wie „Töpferei“, „Kinderkeramikkurse“ und „Atelier für Glasgestaltung“ an den alten Herbergshäusern, sondern auch die hohe Dichte an Manufakturen jeglicher Couleur, Bioläden und Esoterikbuchhandlungen, die neben New-Age-Literatur auch Events zu schamanischer Heilkunst und medialem Wahrsagen im Angebot haben.

preysingstraße_haidhausen

Herbergshäuser findet man auch am Wiener Platz. In einem ist das „Celebrità“ untergebracht. Im Außenbereich des kleinen italienischen Restaurants trinke ich gerne am frühen Abend meinen Sprizz, beobachte das Treiben auf dem mit Maibaum und Marktständen bodenständig-bayerisch anmutenden Platz und schaue, wer alles so im Hofbräukeller ein und aus geht. Diese Institution, in der sich die Haidhausener ebenfalls schon anno 1894 zum Biertrinken einfanden, ist sommers wie winters eine beliebte Anlaufstelle für alle Schmankerlfans, besonders für Familien. Denn im Hofbräukeller gibt es Kinderbetreuung, in der kalten Jahreszeit in dem großen Spielbereich im Wirtshaus, im Sommer im hinteren Teil des Biergartens. Da können Mamas und Papas wunderbar entspannen, entweder bei einer kühlen Maß oder einem Caipi mit den Füßen im Sand im Barbereich vorne beim Eingang.

Seit Januar gibt es am Wiener Platz außerdem einen Ableger des „White Rabbit’s Room“ aus der Franziskanerstraße, den „Little Rabbit’s Room“. Wie bei dem großen Bruder, wird man in diesem kuscheligen kleinen Ladencafé in den Kaninchenbau von „Alice im Wunderland“ entführt. Zwischen weiß lackierten Baumstämmen, Bänken mit weißen Fellen und mit Teekanne, Uhr und Sprüchen aus dem Kinderbuch von Lewis Carroll verzierten Wänden kann man bei Zimtschnecken, Russischem Zupfkuchen, Müsli und anderen kleinen Leckereien wunderbar seinen Tag vertrödeln. Man kann hier auch shoppen, neben verschiedenen Ausgaben von „Alice im Wunderland“ gibt es eine kleine, aber feine Auswahl an skandinavischem Geschirr und Spielsachen.

littlerabbit-haidhausen-wienerplatz

Wenn man die Innere Wiener Straße weitergeht, lohnt ein Abstecher bei Bernard & Bernard. In der Crêperie, die heute von Philippe geführt wird, fühle ich mich immer an mein Auslandssemester im französischen Tours erinnert. Für die gehobene französische Küche reichte damals das Budget nicht, wenn wir außerhäuslich gegessen haben, gab es meistens nur Galettes. Die aus Buchweizenmehl zubereitete, bretonische Spezialität reicht jedoch völlig, um satt zu werden. Bei Bernard & Bernard gibt es sie in den unterschiedlichsten Variationen, mit Matjesfilet, Spinat oder Hackfleisch. Und ein süßer Crêpes mit Himbeeren oder zweierlei Schokolade als Nachtisch geht immer.

Meine Lieblingsadresse für graue, verregnete Tage ist nur ein paar Gehminuten entfernt: Das Müllersche Volksbad. Mit seiner Jugendstilarchitektur zählt das 1901 eröffnete Bad zu den schönsten Bädern Europas. Wenn man seine Bahnen in der Schwimmhalle zieht, dabei den Blick auf das wunderschöne Gewölbe richtet, im römisch-irischen Schwitzbad dampft oder umgeben von barocken Statuen und Brunnen in der kleinen Halle im wohl temperierten Wasser entspannt, fühlt man sich fast wie im berühmten Gellert-Bad in Budapest.

muellerschesvolksbad_haidhausen_front

Wer nach dem Saunagang noch fit ist: Direkt um die Ecke, am Anfang der Rosenheimer Straße, ist das Ver-o-Peso. Man muss Glück haben, einen Platz zu bekommen in der kleinen brasilianischen Bar, denn hier ist es immer voll. Kein Wunder, denn bei Valdemar gibt es „richtigen“ Caipirinha, aus edelstem, handgebranntem Zuckerrohrschnaps, der garantiert kein Kopfschmerzbeschleuniger ist. Und jede Menge anderer köstlicher Cocktails, die man gemütlich an der Bar schlürfen kann.

vero-peso-haidhausen

Ich habe noch ein paar andere Lieblingsanlaufstellen in Haidhausen. Wer schon mal in meinem Blog „traveling the world“ gestöbert hat, weiß, dass ich ein großer Indienfan bin. Wenn mein Lieblingsinder in Schwabing mal wieder ausgebucht ist, gehe ich gerne ins Satluj in die Wörthstraße. Seit ich den Besitzer mal gefragt habe, aus welcher Gegend Indiens er kommt, bin ich im Besitz einer „VIP-Karte“, die mich als Stammgast ausweist. Als ich letzte Woche mit einer Freundin dort war, hat er mich jedoch nicht erkannt. Egal. Ich komme gerne wieder, denn die Thalis sind so köstlich wie in Indien.

satluj_haidhausen

Vor allem im Sommer bin ich auch gerne im „Bermudadreieck“ zwischen Belfort- und Elsäßerstraße unterwegs, wenn man zumindest bis 22.00 Uhr in den Außenbereichen auf den breiten Gehsteigen sitzen darf. Das mache ich sehr gerne, sei es bei einer Margerita im Juleps, bei Datteln im Speckmantel im El Perro y el Griego oder bei Gorgorollo oder Tonnorollo im Mezzodi. Hier gibt es auch wechselnde Tagesgerichte, die Lasagne, die ich mir kürzlich als Belohnung für mein sonntägliches Sportprogramm gegönnt habe, war extrem köstlich. Und eingewickelt in eine der orangefarbenen Decken kann man das Ganze auch im Winter draußen genießen.

mezzodi-_haidhausen

Last but not least, meine Lieblingsadresse für einen gemütlichen Sonntagabend in spanischem Ambiente – das El Espagnol in der Pariser Straße. Seit fast zwanzig Jahren gibt es bei Theo feine Weine, die er direkt aus dem Weinanbaugebiet Ribera de Duero importiert, genau wie den leckeren Schinken. Sonntags abends ist Tapas-Abend, da hat man die Qual der Wahl zwischen 50 verschiedenen kleinen spanischen Spezialitäten. Mein Tipp: einfach öfters herkommen und sich durch die Karte probieren. Oder sich von Theo oder Bettina eine Empfehlung geben lassen.

elespagnol_haidhausen

So, jetzt habe ich auch Hunger bekommen. Mal sehen, was mein Kühlschrank so zu bieten hat. Ansonsten heißt es wohl: auf nach Haidhausen!

13 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. unbeding, es lohnt sich! es gibt noch viele andere schöne plätze, ecken und lokale, sushi im maria passagne, griechisches „surf & turf“ beim partygriechen „paros“ in der kirchenstraße, oder einfach vom wiener platz aus durch die straßen bummeln und die atmosphäre genießen. da der haidhausener sein auto auch nicht mehr wegbewegt, wenn er einmal einen parkplatz gefunden hat, kann man das auch unbehelligt vom verkehr tun!

  2. Hervorragende Idee!

    Viel besser als muenchenfenster!

    Macht weiter viele tolle Bilder. wir lieben das.

    Beste Grüße

    Peter bichler

  3. Hallo Alexandra,
    wurde bei dem Satz „Lieblingsinder in Schwabing“ hellhörig. Welcher ist das denn? Suche schon lange einen authentisches indisches Restaurant. Danke schonmal!

  4. Hallo Alexandra,
    wurde bei dem Satz „Lieblingsinder in Schwabing“ hellhörig. Welcher ist das denn? Suche schon lange einen authentisches indisches Restaurant. Danke schonmal!

    • Hallo Melanie, mein Lieblingsinder in Schwabing ist das Dhaba in der Belgradstraße, absolut köstlich :-). Seit neuestem auch in der Herzogstraße, aber das Ambiente gefällt mir im alten Lokal besser! Viele Grüße, Alexandra

  5. Pingback: Hotel Motel One München City Ost - HYYPERLIC.com

  6. Hallo,
    Schöner Text! Ich bin nur nicht ganz zufrieden mit der Einschätzung, dass die Szene vor geraumer Zeit von Haidhausen ins Golckenbachviertel gezogen sei. Geraume Zeit müsste dann vor ca. 20 Jahre gewesen sein. Vor 10-15 Jahren war – meine ich zumindest – die Hochzeit des Glockenbachviertels, dann setzte dort schon massiv die Gentrifizierung ein. Seither bewegt sich die Szene Richtung 3-Mühlenviertel, Schlachthofviertel und nach Untergiesing. Was meinst du?
    Gruß, Thomas

    • Hallo Thomas, freut mich, dass Dir der Artikel gefällt! Der Berliner würde wahrscheinlich auch das Dreimühlenviertel schon als gentrifiziert und als zu „Schickimicki“ erachten. Ich votiere für Giesing! War kürzlich dort unterwegs und habe eine paar ganz coole Lokale entdeckt. Und das Attentat Griechischer Salat spricht auch für sich :-). Viele Grüße, Alexandra

Kommentar verfassen