Federengel und Weihnachtsgurken: Unterwegs zu den Mysterien des Münchner Christkindlmarkts: Gruppenfoto

Federengel und Weihnachtsgurken: Unterwegs zu den Mysterien des Münchner Christkindlmarktes

Weihnachtsmärkte gibt es eine ganze Menge in München, doch nur ein „Original“ – der Münchner Christkindlmarkt am Marienplatz. Er ist nicht nur der älteste der Stadt, sondern wohl auch der bayerischste mit seinen traditionellen Ständen, wo es von nostalgischem Weihnachtsschmuck bis zu Modeln und Kletzenbrot alles gibt, was das Weihnachtsherz höher schlagen lässt. Mit 15 Bloggern haben wir uns aufgemacht, die Geheimnisse des Münchner Christkindlmarktes zu erkunden, dessen Ursprünge bis ins 14. Jahrhundert zurückreichen und der 1972 anlässlich der Olympischen Spiele in München erstmalig seine Pforten am Marienplatz öffnete.

Was hat es mit Engelsämtern auf sich? Was verbirgt sich hinter Klaubauf, Klöpfeln und Kletzenbrot? Was ist eine Weihnachtsgurke? Und was hat Mariä Empfängnis mit dem Backen von Weihnachtsplätzchen zu tun? Den Geschichten unserer Gästeführerin Susanna über längst vergessene Adventsbräuche lauschend, haben wir bei unserer Entdeckertour acht Standlbetreiber besucht. Los ging es im Prunkhof des Neuen Rathauses am Glühweinstand der Christbaumspendergemeinde.

Christbaum, Münchner Stadtkrippe und Adventskalender

Der Christbaum am Marienplatz wird jedes Jahr von einer anderen Gemeinde in Bayern gespendet. Die Erlöse aus dem damit verbundenen Verkauf von Glühwein fließen in Projekte in der jeweiligen Gemeinde. Die Warteliste ist lang, zwischen 15 und 20 Jahren dauert es, bis man an die Reihe kommt. Die Stadt Burghausen, die dieses Jahr den Weihnachtsbaum gestiftet hat, hatte Glück und musste nur 15 Jahre warten. Der Christbaum ist eine 24 Meter hohe serbische Fichte und wurde 1969 von einem Paar im Salzachtal anlässlich ihrer Hochzeit gepflanzt.

Vor der Münchner Stadtkrippe, einer altbayerischen Weihnachtskrippe von 1953, deren Figuren zum Teil orientalische, zum Teil alpenländische Tracht tragen, lassen wir uns den leckeren Glühwein schmecken. Wir lernen, dass die Adventszeit ursprünglich eine Fastenzeit war, in der weder gefeiert noch getanzt werden durfte, dass der Adventskalender eine Erweiterung des Adventskranzes ist, der früher aus Holz bestand und mit 24 Kerzen bestückt war, und dass der Adventskalender aus Papier mit Schokolade hinter den Türchen seinen Ursprung in München hat. Er wurde wohl erstmalig vom Münchner Verleger Gerhard Lang 1908 gedruckt. Ebenfalls interessant: in Bayern schmückte man die weihnachtliche Stube früher gerne mit einem „Paradeisl“, einem Gebilde aus Äpfeln, Holzstäben und Kerzen, das zu einer Pyramide aufgeschichtet wurde.

Engelsämter: Flauschige Federengel im FC-Bayern-Look

Eng mit der Adventszeit verbunden waren die sogenannten Engelsämter. Um fünf Uhr morgens ging man in die Kirche, die nur von Kerzen beleuchtet war, und zelebrierte eine Andacht anlässlich der Verkündigung des Engels Gabriel, dass Maria und Joseph ein Kind erwarten. Ganz besondere Engelsfiguren finden wir an Stand 15 bei Michaela Lindner, nämlich sogenannte Federengel, die in liebevoller Handarbeit gefertigt werden. Neben Federengeln mit weihnachtlichen Motiven wie Nussknacker, Glöckchen, Kometen und Backblechen fertigt Michaela auch Motive für Berufe oder Hobbies. Strickende Engel findet man bei ihr ebenso wie FC-Bayern-Engel. Den Stand gibt es übrigens schon seit Beginn des Münchner Christkindkmarktes, jedes Jahr gibt es Engel in neuen Designs.

Nostalgischer Christbaumschmuck: Von Jugendstil bis Weihnachtsgurke

Weiter geht’s zu Stand 57, dem Figurenstandl von Karolin Schmid und Andreas Jilek. Bunt ist der Weihnachtsschmuck, zum Teil nostalgisch, zum Teil skurril. Einige Figuren finden ihre Inspiration im Jugendstil. Die Formen, die die Standlbetreiber dafür nutzen, stammen noch aus dieser Zeit oder sind sogar noch älter. Wir lernen: es gibt nichts, was man nicht an Christbaum hängen kann, angefangen von kleinen Hasen und Krokodilen über Bienen und Walfische bis hin zu Weihnachtsgurken. Wer will da noch schnöde Christbaumkugeln und Lametta?

Woher die Tradition der Weihnachtsgurke stammt, weiß man nicht so genau, angeblich wurde sie in Thüringen erfunden. Sie wird gut versteckt zwischen dem „normalen“ Schmuck am Weihnachtsbaum aufgehängt, die Kinder müssen sie suchen und wer sie zuerst entdeckt, wird mit einem extra Geschenk belohnt. Die älteste schriftliche Erwähnung eines Weihnachtsbaums stammt übrigens aus dem 16. Jahrhundert, seit dem 18. Jahrhundert wurde er immer beliebter und auch in Kirchen aufgestellt.

Nikolaus: Spielzeugfiguren und Christbaumschmuck aus Zinn

Der Nikolaus, er gilt als Wohltäter der Kinder, die seit dem 17. Jahrhundert am 6. Dezember mit Nüssen, Äpfeln und Lebkuchen beschenkt werden. Früher auch mit Spielzeugfiguren aus Zinn, die wir an Stand Nummer 9 bei Gunnar Schweizer finden. Neben Anhängern in traditionell-weihnachtlichem Design wie Miniatur-Christbäume gibt es auch allerlei Kurioses, angefangen von roten High Heels über glitzernde Einhörner bis zu einem Abbild des Film-Fisches Nemo. Die Schweizers produzieren übrigens schon seit 1796 Zinnfiguren und Zinnweihnachtsschmuck.

Mariä Empfängnis: Der klassische Backtag

Am 8. Dezember wird Mariä Empfängnis gefeiert, das ist der Tag an dem Anna ihre Tochter Maria empfangen hat. In Bayern war Mariä Empfängnis bis 1912 sogar ein Feiertag, man hatte Zeit, Vorbereitungen für die Weihnachtsfeiertage zu treffen. Damit war der 8. Dezember traditionell auch ein Backtag, Vanillekipferl, Spekulatius und Zimtsterne kamen in den Ofen. Traditionelle Springerle und Spekulatiusmodeln aus Keramik und Holz und eine Fülle an Ausstechformen finden wir an Stand 24 bei den Kuschels, die seit 30 Jahren ihren Stand auf dem Münchner Christkindlemarkt haben und über 700 verschiedene Plätzchenformen anbieten. Richtig kunstvoll sehen sie aus, die Modeln, die Motive reichen von Foralem über Hirsche und Einhörner bis zur Münchner Frauenkirche. Die Formen werden auf den Teig gedrückt, beispielsweise auf den Anis-Eierschaumteig, aus dem Springerle gemacht werden, oder auf Spekulatiusteig. Der Name Springerle rührt wahrscheinlich von „Aufspringen“, das heißt dem Aufgehen des Teigs beim Backen. Übrigens haben im Mittelalter auch Mönche solche Plätzchen gebacken.

Weihnachtsvergnügen: Einkuscheln in molliges Lammfell

Die Vorweihnachtszeit ist auch die Zeit, in der wir es uns gerne Zuhause gemütlich machen, wenn wir nicht gerade bei winterlichen Aktivitäten wie Eisstockschießen, Schlittschuhlaufen oder Glühweintrinken draußen unterwegs sind. Wer für Beides etwas mollig-warmes sucht, schaut am besten bei den Laurichs an Stand 78 vorbei. Hier gibt es kuschelige Produkte aus Lammfell, von Handschuhen über Mützen bis zu putzigen Hüllen für Wärmflaschen.

Am „Hexenhäusl“: Kletzenbrot, Klabauf und Krampusse

Am Stand 133, dem “Hexenhäusl“, probieren wir Elisenlebkuchen und Pfeffernüsse, erfahren, dass den verwendeten Gewürzen einst eine heilende Wirkung nachgesagt wurde, und hören mehr über die Tradition des Kletzenbrots und die besonderen Nächte der Adventszeit wie Klöpfel- und Losnächte. Kletzen, das sind gedörrte Birnen, die mit anderen Trockenfrüchten, Nüssen und Gewürzen zu einem Brot gebacken wurden, das man an Heiligabend anschnitt. Die Kletzenbrote wurden traditionell am 21. Dezember gebacken. Das ist auch der Thomastag, an dem man schlachtete und Mettenwürste herstellte, die nach der Christmette verspeist wurden.

Der 21. Dezember ist auch der „Lostag“, an dem unverheiratete Mädchen einen Hausschuh zur Wohnungstür warfen. Zeigte die Spitze des Pantoffels in die gute Stube, lockte eine baldige Hochzeit. Dann gibt es noch die Klöpfelnächte, die an die Herbergsuche von Maria und Josef erinnern. Junge Männer zogen von Tür zu Tür und klopften an die Fenster. Ein wenig gruselig geht es bei Bräuchen wie Klaubauf und den Krampusläufen zu. Man sieht: viel Geheimnisvolles und eine gute Portion Aberglaube prägte einst die Vorweihnachtszeit in Bayern. Interessanter Fakt: zur Zeit des ersten bayerischen Königs waren viele der Adventstraditionen als Mystizismus verschrien und verboten.

Der Weihnachtskarpfen oder eine Flammlachssemmel

In vielen Familien wird er traditionell immer noch an Heiligabend gegessen – der Weihnachtskarpfen. Heiligabend galt früher als letzter Tag der Fastenzeit, es wurde auf Fleisch verzichtet, stattdessen kam Fisch auf den Tisch. Wir beenden unsere Erkundungstour auf dem Münchner Christkindlmarkt schließlich auch mit Fisch, genauer gesagt mit auf dem Buchenfeuer gegartem Flammlachs am Stand 140 bei der Fisch Hüttn auf dem Sternenplatzl. Der kommt wahlweise in der Semmel, mit einer Ofenkartoffel oder in einer Suppe und schmeckt einfach köstlich.

Noch mehr vom Münchner Christkindlmarkt auf Münchner Blogs

Auf diesen Blogs könnt Ihr noch mehr nachlesen über unsere Entdeckertour auf dem Münchner Christkindlmarkt am Marienplatz:

Die Liste wird laufend ergänzt. Wenn Ihr bei Instagram, Twitter und Facebook den Hashtag #muenchnerchristkindlmarkt eingebt, findet Ihr weitere Impressionen unserer Entdeckertour.

Was die Teilnehmer auf Instagram, Twitter und Facebook gepostet haben, findet Ihr in einer Zusammenfassung auf Storify (Ansicht am besten mit Google Chrome).

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.