Zwischen Glockenbach, Gärtnerplatz und den drei Mühlen

Leider ist meine gute Freundin Caro letztes Jahr aus dem Glockenbachviertel weggezogen. Die Adresse in der Pestalozzistraße – zwischen Aroma Kaffeebar und der ehemaligen Teddy Bar, wo jetzt Wolfgang und Wolfgang im Zum Wolf Bier bei schummrig-rotem Licht und Blues-Musik Bier in gekühlten Steinkrügen ausschenken – war immer die perfekte Anlaufstelle, um die zahllosen Cafés, Bars und Restaurants in dem szenigen Viertel unterhalb der Thalkirchener Straße zu erkunden. Ich hatte damals kurzzeitig damit geliebäugelt, die Wohnung zu übernehmen. Der Vermieter hat jedoch beschlossen, die Miete mal eben um ein Drittel zu erhöhen. Ein Klassiker für die Gegend, die zusammen mit dem benachbarten Gärtnerplatzviertel zu den in Deutschland am besten erforschten Stadtvierteln in Sachen Gentrifizierung gehört. Den Künstlern, die vor zwanzig Jahren von Haidhausen über die Isar hierher zogen, folgten die Kreativen und die hippen, gutverdienenden Szenegänger, die das Bild des ehemaligen Arbeiter- und Handwerkerviertels heute prägen.

hanssachsstraße

Wenn ich in die Pestalozzistraße gezogen wäre, wäre ich wahrscheinlich aus dem Viertel nicht mehr weggekommen. Die Aroma Kaffeebar, wo man bei den frühlingshaften Temperaturen schon jetzt im März auf den kleinen Holzstühlen auf dem Gehsteig das Geschehen auf der Straße beobachten kann, wäre mein zweites Wohnzimmer geworden. Ich hätte Ende Juni nicht mehr mit meinen Flohmarktkartons aus Schwabing anreisen müssen zu meinem geliebten Hofflohmarkt, um im Hinterhof an unserem Freundessammelstand Dinge an den Mann oder die Frau zu bringen, die niemand braucht: alte Bücher und CDs, eine dtv-Lexikonreihe von 1990, mit Blumen verzierte Marmeladentöpfchen von Tante Christel, Kristallblumenvasen von Tante Hertha, ausgemusterte, batteriebetriebene Discmen und Analogfotoapparate, auf sich die mit riesigen Taschen bewaffnete Schnäppchen- und Kuriositätenjäger schon vor dem offiziellen Startschuss stürzen. Das eingenommene Geld reinvestierten wir spätestens mittags nebenan in der Aroma Kaffeebar in Cappucchino und Sandwiches, um uns für den Nachmittagsansturm zu stärken.

Alter Südlicher Friedhof – Münchens „Père Lachaise“

Eine Jogging-Strecke hätte ich auch schon gehabt. Als meine Freundin erzählte, dass sie immer auf dem Alten Südfriedhof laufen geht, dessen Mauern direkt an die Hinterhöfe der Pestalozzistraße grenzen, fand ich das zunächst ein wenig morbide. Ich habe dem Friedhof, auf dem früher Pesttote begraben wurden und der vergangenes Jahr seinen 450. Geburtstag gefeiert hat, nie sonderliche Beachtung geschenkt, obwohl ich schon unzählige Male am Eingang am Stephansplatz vorbei gegangen bin. Erst letztes Jahr habe ich mir endlich einmal die Zeit genommen, die älteste Grünfläche Münchens und eine der bedeutendsten Ruhestätten Europas näher in Augenschein zu nehmen. Hier liegen sie begraben, die Persönlichkeiten aus Wissenschaft, Politik und Kunst aus dem 18. und 19. Jahrhundert, die vielen Münchner Straßen und Plätzen ihren Namen gegeben haben: Die beiden großen Baumeister Friedrich von Gärtner und Leo von Klenze, die Erfinder Georg Friedrich von Reichenbach und Franz Xaver Gabelsberger, der Architekt Arnold Zenetti, der Historienmaler Wilhelm von Kaulbach und viele mehr. Auch der Maler Carl Spitzweg liegt hier begraben. Als zugereiste Preußin lernte ich nicht nur etwas über Münchner Stadtgeschichte, sondern auch über das Leben im Königreich Bayern: Königlich-Bayerische Kommerzienräte liegen neben Königlich-Bayerischen Blumenfabrikanten, Telegrafen-Oberingenieure neben Hofoper- und Kammersängern. Dazu kommen die unzähligen Privatiers nebst Privatiersgattinnen. Und die Buchdruckereibesitzerwitwen. Professorinnengattinen. Und die Hofschauspielerin Mathilde, die offenbar nicht verheiratet war.

kasparbausewein

mathilde

Glockengießerei und Europas größter Floßhafen

Die Pestalozzistraße hieß früher übrigens Glockenstraße, wegen der alten Glockengießerei, der das Viertel seinen Namen verdankt. Von den vielen Bächen, die sich durch das ehemalige Überschwemmungsgebiet der Isar schlängelten und die für den Transport der Waren der hier ansässigen Bäcker, Müller und holzverarbeitenden Betriebe genutzt wurden, zeugen heute meistens nur noch die Straßennamen wie „Am Glockenbach“ oder „Westermühlstraße“. An manchen Orten wie dem Milla prägen sie auch die Beschaffenheit der Räumlichkeiten – unter dem Club mit dem leicht schrägen Boden floss früher der Westermühlbach.

Anstelle der Glockengießer, Holzverarbeiter und Mühlenbetreiber finden sich jetzt hier Designer-Boutiquen, hippe Cafés und trendige Restaurants. Seit meine Freundin weggezogen ist, bekomme ich meine Szentipps von meiner Frisörin Selma. Die hat zwar ihren Salon bei mir in Schwabing, wohnt aber schon seit Jahr und Tag im Glockenbachviertel und weiß immer, wo etwas neues aufgemacht hat. Für einige der alten und neuen Szenetreffs fühle ich mich allerdings inzwischen zu alt. Als ich am Freitag Abend mit einer Freundin in der Lotus Lounge in der Hans-Sachs-Straße zum Essen war – wir hatten Jorak Pad Ped, gebratenes Krokodil mit rotem Curry, Zitronenblättern und frischem Gemüse und Gang Kieoan Gai, Hühnchenfleisch in Kokosmilch mit grünem Curry, beides sehr zu empfehlen! – und wir danach in Erinnerung an alte Zeiten im KSAR-Club in der Müllerstraße vorbeischauten, haben wir den Altersdurchschnitt deutlich gesenkt. Es sind eher die Twentysomethings, die sich hier und in den umliegenden Bars einfinden. Die sich auf der gegenüberliegenden Straßenseite beim Kickern in der Bank verausgaben, wo angeblich auch Christian Ude schon einmal zum Kickerturnier angetreten ist.  Die in der Werkstattatmosphäre der Loretta Bar an den gelben Bistro-Tischen ihren Moscow Mule aus der Blechtasse trinken oder vor dem ehemaligen Oma-Café an der Blumenstraße Schlange stehen, das seit gut zehn Jahren die „Disco Bar“ Café am Hochhaus beherbergt.

Da bleibe ich bei meinem nächsten abendlichen Besuch im Viertel nach dem Essen lieber etwas länger sitzen und gönne mir vielleicht noch einen Nachtisch, zum Beispiel in der Cordobar an der Ecke Klenze- und Ickstattstraße, die mit ihren hübschen, andalusischen Fliesen tatsächlich auch in Cordoba oder in Sevilla stehen könnte, und wo es nach den köstlichen Datteln im Speckmantel, dem gratinierten Ziegenkäse mit Apfelspalten und dem Jamon Serrano immer noch Platz für eine Crema Catalana und einen Espresso gibt. Oder auf der Terrasse meines Lieblingsvietnamesen im Viertel, dem Annam, wo ich gerne meine Sommerfrühlingsrollen selber bastle. Wie im Urlaub in Südfrankreich fühle ich mich ein paar Hundert Meter weiter, im La Bouche. Wo früher einmal ein Milchladen mit angeschlossener Wohnung war, gibt es heute feinste französische Küche. Auch wenn der Gastraum auch heute noch eine heimelige Wohnzimmeratmosphäre versprüht, verspeise ich als Frischluft- und Outdoor-Fan meinen Salat mit Ziegenkäse oder mein Risotto am liebsten an einem der Tische draußen.

cordobar

anam

Ein paar Meter wartet das Schokoladenschlaraffenland: Als bekennender Chocoholic drücke ich mir jedes Mal die Nase platt an den Schaufenstern der Chocolaterie Götterspeise. Neben feinsten Schokoladenspezialitäten gibt es hier auch köstlichen Kuchen, den man an einem der kommunikativen Stehtische im Café-Bereich genießen kann. Meine Himbeer-Tarte war eine Wucht!

goetterspeise

himbeertarte

Man kommt in dieser Ecke aus dem Essen gar nicht mehr heraus. Für Liebhaber der bayerischen Wirtshauskultur gibt es direkt gegenüber das Faun, für Sushi-Fans ein paar Meter weiter das Sushi & Soul. Was ich noch nicht wusste: In den Achtzigern war im heutigen Sushi & Soul der „Ball der einsamen Herzen“ beheimatet, wo die Singles der Stadt bei Tanzmusik und Tischtelefon ihr Herzblatt finden konnten. Später wurde es zum Ballhaus, angeblich die erste Kneipe in München mit japanischem Essbereich.

faun

Rund um den Gärtnerplatz – Wohnzimmerkneipen mit Berlin-Flair

Das Glockenbachviertel endet eigentlich an der Fraunhoferstraße. Nachdem die Klenzestraße aber fast bis zum Isartor geht, weite ich meine Betrachtung des Viertels auch über die offiziellen Grenzen hinaus, denn das Quartier am Gärtnerplatz hat mindestens genauso viel zu bieten wie der große Bruder nebenan. Im Hungrigen Herz, direkt an der U-Bahn-Haltestelle Fraunhofer-Straße, hole ich mir gerne einen Cappuccino – auch wenn man in dem Ladenlokal mit Spezialitätenverkauf gemütlich sitzen kann meistens „to go“ im „Herzbecher“, mit dem ich mich an die Isar setze.

hungrigesherz

coffeetogo

In der Reichenbachstraße kann man mehrere Abende verbringen, ohne dass es einem langweilig wird. Im Trachtenvogel kann man unter Kuckucksuhren und Hirschgeweihen auf durchgesessenen Sofas in den Abend hinein „daddeln“ oder im Vorraum auf einer der breiten Fensterbänke das Treiben auf der Straße beobachten. Wohnzimmeratmosphäre, allerdings im Sechziger-Jahre-Retro-Stil, gibt es auch im „Für Freunde“, wo man übrigens auch als Fortysomething noch vorbeischauen kann, ohne sich uralt zu fühlen. Eine Institution ist das Holy Home, direkt am Gärtnerplatz, in das mich früher häufiger ein Freund mitgenommen hat und wo sich die Leute im Sommer ihr Bier gekauft haben, um den Abend auf den Stufen des Gärtnerplatztheaters zu verbringen. Mir ist diese kultige Kneipe erst jetzt im Vorbeigehen wieder ins Bewusstsein gekommen, vielleicht schaue ich demnächst mal wieder rein. Auf den Stufen des Theaters kann man nämlich derzeit nicht sitzen. Das auf Geheiß von König Ludwig II. 1864 erbaute Schauspielhaus wird bis voraussichtlich 2016 renoviert und ist derzeit eine Baustelle, ein kleiner Minuspunkt für das das Anbiete am Gärtnerplatz.

trachtenvogl

holyhome

gaertnerplatztheater

Es klappern die Mühlen am rauschenden Bach

Ebenfalls  nicht eindeutig dem Glockenbachviertel zuzuordnen ist das Dreimühlenviertel. Niemand weiß genau, ob hier nicht eigentlich schon Sending ist oder man sich nicht im Schlachtfhofviertel befindet. Der Geschichte und dem Flair nach gehört es für mich eher zum Glockenbachviertel. Das Viertel, das eigentlich kein Viertel ist, weil es nur aus ein paar wenigen Straßen besteht, ist nach dem Dreimühlenbach benannt, der früher entlang der ehemaligen Mühlen „Kaiblmühle“, „Aumühle“ und „Brudermühle“ floss. Zwar muss man mit dem Bus herkommen oder von der U-Bahn ein ganzes Stück laufen, aber ein Ausflug hierher lohnt sich allemal.

Ich bin ein großer Fan des Café Zimt. Nicht erst seit meinem Besuch auf einer Zimtplantage auf Sri Lanka streue ich über alles mögliche dieses aromatische, fein-süßliche Pulver – Cappucchino, Müsli, Milchreis oder nordafrikanische Gerichte. Im Café Zimt ist der Name Programm. Nachdem ich am Samstag mit meinen Freundinnen zu einem späten Frühstück dort war und die legendären Zimtschnecken leider aus waren, habe ich mich für einen Zimtpfannkuchen entschieden. Meine Begleiterinnen probierten den Rosmarinkuchen, die Mousse-au-Chocolat-Beeren-Tarte, die Kürbissuppe und die Foccacchia.

cafezimtaußen

zimtpancake

kuchencafezimt

Leider waren wir zu satt und es war auch noch zu früh, um bei Monsieur Hu oder im Coco de Mer nahtlos weiter zu essen. Ich musste jedoch zumindest einen Blick in die Speisekarte des Seychellen-Restaurants werfen, um mich für meinen nächsten Besuch im Dreimühlenviertel inspirieren zu lassen. Fisch esse ich eigentlich nur, wenn ich am Meer bin, aber bei Garnelen-Mango-Curry mit Zwiebeln, Tomaten und Chutney oder Meeresfrüchte-Curry in pikanter Kokosmilchsauce mit gewürfeltem Fischfilet, Grünschalmuscheln, Garnelen, Oktopus und Calamari würde ich eine Ausnahme machen!

monsieurhu

cocodemer

In den kommenden Wochen steht bei mir erst einmal die indische Küche auf dem Programm. Wer mich auf meiner Reise durch Nordindien begleiten will, schaut einfach mal auf einem Blog „traveling the world“ vorbei. Bis bald!

1 Kommentar Schreibe einen Kommentar

  1. Das Glockenbachviertel ist wirklich eins der schönsten in ganz München. Es ist echt schön hier das Leben genießen zu können!

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