Zuagroast aus Hessen: Warum ich mich jetzt in München dahoam fühle

@pano

Aus dem Nähkästchen eines „Nicht-Münchner-Kindl´s“
„Bist Du sicher?“ – Das waren die ersten drei Worte meiner Freundin, als ich vor einer gefühlten Ewigkeit verkündete: „Hey, ich zieh nach München!“ – Ich hatte ein tolles Job-Angebot und sagte mir : warum denn nicht!  „Überleg´ Dir das doch nochmal: diese Münchner mit ihrem „MIA SAN MIA“-Gedöns!“,  warnte sie als überzeugtes „Hesse-Mädsche“. Vergeblich – denn das war anno 1996. Seither bin ich als Exil-Hessin nach wie vor überzeugt:  Meine „Einwanderung“ in die  Bayernmetropole war die beste Entscheidung meines Lebens! München schreibt sich auf die Brust: „Weltstadt mit Herz“ – und das stimmt: Diese Stadt hat ein Herz für „Neuankömmlinge“ – ein Herz für solche Saupreißn wie mich! Allerdings schlägt dieses „Herz für Zuagroaste“ nicht immer gleich im kardiologisch-korrekten Takt. Somit lernt man als Zuagroaste schnell: „nicht ärgern – nur wundern“.

Meine „Best Of“ Erlebnisse – Sowas gibt´s nur in München! In der Bäckerei
Von meiner ersten Wohnung in Trudering war es nur ein Steinwurf zu einem alteingesessenen Traditionsbäcker entfernt: toll, dachte ich, hier gibts noch echtes Handwerk! Doch als ich energisch „Vier Brötchen bitte!“ über die Theke rief – kam nur ein brummiges „Des ham mer ned“  zurück. Ich schaute wohl extrem eingeschüchtert, denn die alte Dame fügte rasch mit unterdrücktem Lächeln hinzu: „Schauns, Semmeln heißt des bittschön!“ Nie wieder habe ich Brötchen gesagt – im Gegenteil – dieses Erlebnis hat sich tief in meine Großhirnrinde eingefräst: Ich sage sogar „Semmeln“, wenn ich in Frankfurt, Köln oder sonstwo bin – nur da sagt keiner was, die denken sich sicher ihren Teil …

Auf der Rolltreppe
Gut gelaunt, gedankenversunken und nichts böses im Sinn, ging ich vom Stachus Untergeschoss auf die XXL Rolltreppe hoch Richtung Einkaufsparadies. Mittendrauf und voll dabei lies ich mich Richtung Frischluft hochrollen, bis ich plötzlich wie in einem Drill-Instructor Camp lautstark angewiesen wurde: „Sie da, wissens ned: „Rechts Stehen, Links Gehen“! okay okay, ist ja schon gut – kein Thema – dann bleib ich halt auf der linken Rolltreppen-Überholspur und befördere mich als aktiver Mitläufer schnell und kalorienverbrennend Richtung Fussgängerzone – hier gibts dann sicher ´ne Sitzbank zum Verschnaufen.

Im Restaurant
Als Neu-Münchner ist man überwältigt welchen Wurst-Kult diese Stadt pflegt: Würstl, Wollwurst, Weisswurst…  Ich werde nie vergessen, wie ich vor vielen Jahren im Andechser saß – wohl noch mit typischem Neu-Zuagroaste-Flaum im Gesicht und zum ersten Mal eine Weisswurst verspeiste. Und zwar genau so, wie ich es im zarten Alter von drei Jahren gelernt hatte – schön brav mit Messer und Gabel. Als plötzlich vom Nebentisch ein Mid-Age-Bartträger rüberrief:  „Aua! Aufhören! so wie Sie das essen – das tut mir ja in der Seele weh!“ Bevor ich kapierte, was er meinte, setzte er sich neben mich und erklärte mir in einer „Willi-wills-Wissen“-Didaktik den Mikrokosmos des Weisswurst-Verzehrs. Doch ich wollte mir all die verschiedenen Zuzzel-/Schäl- oder Sonstwas-Varianten der korrekten Verköstigung gar nicht einprägen, denn ganz ehrlich: Schmeckt mir nicht. Ist wie Tofu im Naturdarm. Seither bin ich bei einem Weisswurst-Frühstück dann eben einfach mal der Aushilfs-Vegetarier: Brezn reichen völlig !

So riecht München
In kaum einer Stadt gibt es solch eine Geruchsvielfalt: In den Biergärten, im Sommer an der Isar oder auf der Wiesn – hier wird man überwältigt von der faszinierenden Geruchsmischung aus Steckerlfisch, Steaks vom Grill, frisch gezapftem Bier und frittierten Auszognen (also jene Gebäckart, die in heißem Fett ihre eigenartige Gestalt annimmt). Ja, und dann gibt es noch den U-Bahn-Mundgeruch! Ich gehe jede Wette ein, dass man mit verbundenen Augen einen U-Bahn Eingang finden kann, wenn man sich nur auf seine Nase verlässt! Das ist aber nicht unbedingt als „Mief“ oder „Muff“-Geruch gemeint, denn wie mir ein Kumpel – auch ein zuagroastes Nordlicht verriet – ist dieser Geruch gar nicht so unangenehm: er mag dieses Duftgemisch aus Bremsbelag, Öl und Unterwelt! Ich kann nur sagen – im Vergleich zum Mundgeruch der Berliner U-Bahn ist die Münchner Underground-Linie eine Wellness-Landschaft.

Die andere Seite: Was sagt ein echtes Münchner Kindl über uns Zuagroaste
Ein sehr guter Freund von mir, der „APM“, wie man ihn nennt, gehört zur seltenen Spezies der wahrhaft Einheimischen und der sagt und rät uns folgendes: „Servus Zuagroaste ! Aber bittschön vehrte Wiesn-Visumsbesitzer, hoits um Gottswuin eia Mei und probierts as erst gor ned aus des nochzumsong. Wei, nix kon a Hiesiger weniger daknausern, oiswiar an Preißn, der moant, dasa olle zoang muaß wia guad er boirisch redn ko. Do drahts uns wirkli de Zehenägl nauf. Des is scho amoi da erste und gräßte Fehla, den wos fast olle mochan. Sakrament, mia redn doch aa ned preißisch, bloß wie ma etzad mit vieravierzg Sitze z´Berlin im Bundesdog drinnasitzn. Und dass in Hamburg de Leit von da Fria bis aufd Nacht „Moin“ sogn wundert uns doch a ned – weils uns einfach wurscht is. De Moin is in München nur oans: da weiche, mollige Doag in da Mittn vo ana Semme. VO ANA SEMME!!! Ned „Brötchen“. Und zum Thema Wurscht fang i erst gor ned o, weil mit de Würscht, oiso da Weißwurscht, da machans sowieso olle ois foisch. Kocha bis platzn, aufn Grill nauf, paniern, Mit Messa und Gowe essn und und und – und des ois am bestn aa no um fümfe am Nammidog – Oba: a Wurscht, hauptsach es schmeckt.“

So! Noch Fragen? Nö! Wichtig ist mir auf jeden Fall mal eines:  Von den rund 1,4 Millionen Einwohnern sind im täglichen Job-Alltag gefühlt nur ein Bruchteil „Echte Münchner“ – aber all die „Zuagroasten“ wären doch längst schon nimmer hier in dieser wundervollen Stadt, wenn aus dem „MIA SAN MIA“ – Gefühl nicht längst auch ein „MIA SAN IHR“ Gefühl geworden wäre! Daher steht für mich fest: München hat die „Kraft der zwei Herzen“:  Eins für die Münchner Kindl und eins für uns Zuagroaste! Weitere Tipps für Neumünchner findet Ihr hier.

11 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Klasse geschrieben u sehr treffend – in einigem find ich mich wieder… Vor ca. 4 Jahren bin ich als Zuagroaste nach München gekommen u kann nur bestätigen: die beste Entscheidung überhaupt.

  2. Nichtsdestotrotz ist München nicht das Bayern das Tradition im engeren Sinne kennt, wer Bayern kennen will muss abseits wohnen von Metropolen wie München. Muss sich in anderen Gefilden begeben, muss verstehen was Bayern wirklich ausmacht. Harte Arbeit und Empathie für die Menschen. Kein billiger Kommerz, das sage ich als Münchner der woanders lebt, als er Zuhause ist.

  3. Als geborener und überzeugter Münchner („Münchner Kindl“ klingt mir zu sehr nach Kommödien-Stadl) finde ich den Blog sehr sympathisch. Ich mag „Zuagroaste“ mit dieser offenen Einstellung unheimlich gerne – im Gegensatz zu jenen einfältigen Neulingen, die überrascht davon sind, dass man irgendwo anders spricht, fühlt und agiert als in Buxtehude, Castrop-Rauxel oder Bad Winsen an der Luhe.
    Nur APM sollte sein Bairisch (so schreibt man’s traditionell) leicht überarbeiten, das sieht manchmal eher Österreichisch aus („Vo ana Semme“ heißt eindeutig „Von a Semme“). Aber auch er: Inhaltlich sehr sympathisch.
    MIR SAN IHR g’foit ma guad, oder besser g’sogd: MIR SEID’s IHR!

  4. Lieber Ralf, ich hab’s mir jetzt gefühlte 23 mal vorgesagt und komme zu dem Schluss, dass du recht hast… Vermutlich würde ich spontan gefragt sogar „in da Mittn von da Semme“ sagen. Kommt vermutlich von den zahllosen Skiausflügen zu unseren tiroler Nachbarn. Die sind und ja samt den Südtirolern in vielen Dingen ähnlicher, als bereits die Franken. Aber was mich so ein bisserl hinterfotzig freut ist noch was: ich habe einen Buchstabensreher drin (ganz aus versehen): „Mia redn doch aa ned preissisch, bloß WIE ma etzad z’Berlin?…“ Sollte natürlich „nur WEIL wir jetzt in Berlin…“ heißen. Kannt ma grod moana, dass mei guade oide Freindin mei Texterl schee brav ummikopiert hod, oba so ganz dagneist hotsas vielleicht doch ned… Macht aba nix, weil sie is a ganz a guade Haut und wenn olle Zuagroastn so warn ois wia de! Mei war des schee…

  5. „ick schmeiß mir weg“ – so oder so ähnlich würden meine derzeitigen Mitbürger den Blogeintrag kommentieren. Ich, eine waschechte Bayerin, hat den Schritt in die Ferne gewagt – rein beruflich natürlich – und gelte nun in Berlin als Einwanderer mit Migrationshintergrund. Gut, fällt hier nicht weiter auf… Wie unterschiedlich die Ansichten über den Weißwurstäquator hinaus oder auch hinein sind, erlebe ich fast tagtäglich. Sei es die Überholspur der Rolltreppe, die man sich freischaufeln muss (gut, hier nutzt der größte Tritschler auch generell die linke der 3 – 4 Fahrspuren) oder den kleinen Dolmetscher, ohne den man beim Bäcker / Fleischer = Metzger, verhungern würde. Mein Willkommenserlebnis in der Hauptstadt: „Einen Krapfen bitte!“ – ich stand vor eine Vitrine voller Krapfen und muss mir als Antwort geben lassen „haben wir heute nicht!“. Ich dachte mir, will die mich verarschen?? Ich wich auf die Gebärdensprache aus und deutete auf das pudrige runde Ding vor meiner Nase. Sie daraufhin: „Einen Pfannkuchen also!“. Scheinbar hatte ich einen 3? Gesichtsausdruck, ein netter Herr (vermutlich auch a Zuagrosta mit ein paar Jährchen Vorsprung) war auf jeden Fall so freundlich für mich zu übersetzen. Nun weiß ich, dass ein Krapfen in Berlin kein Krapfen und auch kein Berliner sondern ein Pfannkuchen und in HH ein Pfannkuchen ein Berliner ist. Mein Fazit nach dem Erlebnis: I wui wieda hoam! 😉

  6. Ich mag “Zuagroaste” mit dieser offenen Einstellung unheimlich gerne – im Gegensatz zu jenen einfältigen Neulingen, die überrascht davon sind, dass man irgendwo anders spricht, fühlt und agiert als in Buxtehude, Castrop-Rauxel oder Bad Winsen an der Luhe.

  7. Vielen Dank für diesen wunderschön geschriebenen Artikel. Ich hab sehr gelacht, weil ich 100% die gleichen Sachen als „Zuagroaste“ erlebt habe und mich heute so sehr mit München identifiziere.

  8. Köstlich geschrieben !!! Liebe Frau Hilss, ich gratuliere Ihnen zu diesem gelungenen, humorischen Artikel, der viele verschiedene feine Beobachtungen mit einem lächelnden Augenzwinkern zu einem Ganzen verpackt. Sollte ich, was eigentlich undenkbar ist als überzeugte Kölnerin, mal in die Verlegenheit geraten, nach München zu ziehen, werde ich mir diesen Artikle gerne wieder anschauen. Ich habe gelernt, möchte man in München nicht verhungern, merke man sich den Begriff “ Semmel“, nicht Brötchen. Das kann ich mir gut merken, Meine Eselsbrücke dazu als waschechte „Preißin“: “ etwas „versemmeln“.
    Doch das hört ein Bäcker Münchens sicherlich nur sehr ungern, schmecken doch seine “ Semmeln“ sicherlich alles andere als “ versemmelt“ :)))).

  9. Pingback: 10 Tipps für Neumünchner, wie und wo man nette Leute kennenlernt › Blog muenchen.de - Geschichten aus unserer Lieblingsstadt

  10. Hey, ganz toller Artikel. Ich stehe nämlich grade vor der Entscheiund meinen neuen Arbeitsvertrag anzunehmen oder nicht. Einerseits habe ich total Lust auf eine neue Stadt und die Verändeung und andererseits werde ich ziemlich von meinen Zweifeln verfolgt… es ist noch zum verrückt werden. Hattest du auch diese Zweifel vor deinem Umzug?

    Liebe Grüße aus Aachen

Kommentar verfassen