Young at heart – Jazz zum Mitmachen in München

Wer als Tourist in München nach Jazz-Highlights Ausschau hält, wird mehrfach fündig: „Unterfahrt“, „Bayerischer Hof“, „Gasteig“ – hier gastieren Top-Acts. Auch sonst gibt es in München veritablen Live-Jazz, sogar mehr als man denkt. In der „Jazzbar Vogler“ oder im Kaffee Giesing, in Clubs wie dem „Rausch und Töchter“ oder in Kulturzentren wie dem „Giesinger Bahnhof“. Sogar in Münchens Biergärten wird die schräge Musik mit den vielen Blue Notes auf gute Nachbarschaft zu Blau-Weiss-Zünftigem präsentiert: Das „Wirtshaus zum Isarthal“, die „Hirschau“ – a bisserl Jazz geht immer. Einge dieser Bühnen haben auch Sessions im Programm, wer sich traut, darf also mitspielen. Ein Opening-Chorus von Elvira Steppacher.  

Playground Jazz soll Altherrenmusik sein? Pah! Ein Besuch im Live Club Milla und man schwört: Jazz ist für Hipster. Für junge Frauen, die wie Angela Avetisyan auf High Heels Trompete spielen, ab und an die dunklen Pony-Fransen aus dem Gesicht streichen, aber keinen Deut ihrer musikalischen Intensität verlieren. Und lässig-konzentrierte Jungs, darunter im Publikum solche, deren Flaum erst seit kurzem verdient, rasiert zu werden. Tagsüber größtenteils Studenten, gehen die Jazz-Cats am Abend streunen, genauer experimentieren, loopen, freestylen. Die Studierenden des Jazz-Instituts der Hochschule für Musik und Theater fanden in der Holzstraße 28 einen perfekten Spielort, Sogeffekt inklusive. Der Boden des bachbettbreiten Kellers hat ein starkes Gefälle – sehr zur Freude von Bookerin Mira Mann: „Bei uns im läuft der Fokus des Publikums zwangsläufig auf die Bühne zu. Das fördert die Konzentration.“ Die Sängerin und Bassistin einer Noise-Rock-Band, weiß, wovon sie spricht. Sie ist überzeugt, dass auch Pop-Musik Anspruch haben und Mehrwert erzeugen kann, weil Pop auf aktuelle Themen reagiert, jedoch: „Jazz erzeugt viel stärkeren Respekt vor Musik, das hört man nicht nur so nebenbei. Davon profitieren auch unsere anderen Angebote.“ Und die sind vielfältig und ideenreich – angefangen von Konzerten, über Song-Slams bis hin Lesungen mit Bluesrock. Für Mira Mann beginnt Anspruch beim Programmheft – das Artwork der kleinen Kunstwerke entsteht aus der Szene für die Szene. Aus Überzeugung traut sie sich, 180 Stehplätze für Jazz Konzerte anzubieten, statt mit 120 Sitzplätzen einen gefühlt ‚Gut besucht‘-Eindruck zu erzeugen. Obwohl Jazz beileibe kein Selbstgänger ist, die letzte „Modern Jazz“-CD Release Party von Organ Explosion war ausverkauft. Am Ende gab’s – was sonst – standing ovations.

www.milla-club.de  
Versuchslabor Das Bürgerhaus Glockenbachwerkstatt e.V. liegt in der Blumenstraße 7, unweit der Münchner Luxusimmobilie „TheSeven“ in der Müllerstraße 7. Wie passend, bei so viel „7“ denkt der Jazzer doch gerne mal an den „Septakkord“, ohne den jeder Blues, Urgrund des Jazz, undenkbar wäre. Vermutlich ist es reiner Zufall, dass arm und reich hier so nah beieinander liegen, aber ein Blues-Thema wäre es allemal. Die Glockenbachwerkstatt, kurz „Glocke“, bietet reichlich Möglichkeiten, musikalisch einzusteigen, etwa bei der Fish´n Blues-Session, wo nicht nur Blues, sondern auch Fisch zubereitet wird, bei der Hip Hop Open Mic-Session, bei der ambioSonics-, Balkanlounge-, DingDong- oder eben bei der Jazz-Session (jeden 3. Freitag im Monat). Sessions, besonders, wenn Unbekannte aufeinander treffen, haben was von Fallschirmsprüngen. Die Musiker zählen ein und verlassen sich drauf, dass jeder richtig abspringt für ein ad-hoc-Konzert ohne Übe-Netze. Wenn alles passt, wird man Teil musikalischer Schwerelosigkeit, wenn nicht, wenigstens Zeuge eines mutigen Experiments. Wer richtig gut abhebt, wer virtuos Loop um Loop schafft und wer schon nach einem Chorus die Reißleine ziehen muss, entscheidet nicht zuletzt der Applaus des Publikums. Jeder Session geht eine Vorgruppe voraus. Pianist Sebastian Osthold: „Wir wollen experimentell sein, aber nicht dilettantisch.“ Und setzt nach: „Auf gar keinen Fall elitär.“ Die Jazzszene hier ist gut gemischt mit Teens, Twens und Thirtysomethings. Und allen, die sich jung genug fühlen, um nach einer gefühlt endlosen Session, zur Arbeit anzutreten. Mit oder ohne Katerfrühstück, in Hütten oder Palästen.

www.glockenbachwerkstatt.de  
Freudenreich Im Laimer INTERIM swingen Profis und Dilettanten regelmäßig zum Himmel. In gewisser Hinsicht jedenfalls, denn seine hervorragende Akustik verdankt das INTERIM dem lieben Gott. Jeden zweiten Donnerstag im Monat findet hier, in der Agnes-Bernauer-Straße 97, die Jamsession des Jazz Clubs München e.V. statt. Der Hallenbau, einst ein landwirtschaftliches Gebäude des Laimer Schlössels, wurde 1913 durch den Münchner Baumeister Theodor Fischer für die vielen protestantischen Zuwanderer als Kirche auf Zeit geplant. 1956 war es aus mit dem Lobpreis im Provisorium, die gesangsstarken Christen feierten den Herrn fortan in der Paul-Gerhardt-Kirche. Beraubt um seine sakrale Funktion, hielt sich das INTERIM mehr oder weniger aufrecht, erst als profane Gaststätte, danach als Tischtennishalle. 1980 die Wiedererweckung durch neue Begeisterte: Der Bürgertreff Laim e.V, eine engagierte Gemeinschaft, unterhält seither ehrenamtlich eine rege Kulturarbeit: Theater, Kabarett, Malerei, Tanz, Live-Musik. Schon die erste Veranstaltung hob den Jazz aufs Schild. Dieser Musik sind auch Elfriede und Franz Freudenreich seit langem erlegen. Obgleich reich an Jahren und Erfahrung, blieben sie geradezu beseelt vom Eifer jugendlicher Jazz-Missionare. Franz Freudenreich als Jazz-Gitarrist und Elfriede, seine Frau, als 1. Vorsitzende des Jazz Club Münchens e.V. „Einsteiger willkommen“ ist dank der Freudenreichs jedenfalls kein Lippenbekenntnis. Getreu der Maxime, dass auf der Bühne nur besser wird, wer dort spielt, schafft das gesamte INTERIM-Team eine Atmosphäre, in der sich auch Anfänger wohlfühlen. Das INTERIM zieht Musiker aller Stile und Altersklassen an. Auch Jüngere, wiewohl seltener. Hier kommt es vor, als junges Ding zu gelten, obwohl man die 40 lange überschritten hat. Egal, nach einem großartigen Konzert bei Saxophon-Meistern wie Leszek Zadlo in die Session einzusteigen oder volles Risiko etwas ausprobieren – das geht nicht überall. Freundlich, aufmerksam und sehr höflich reagiert das Publikum im INTERIM. Ist es die Milde des fortgeschrittenen Alters oder der Lohn jahrzehntelanger Achtsamkeit, selbst ärgste Anfängerfehler zu ignorieren, um das Gelungene zu würdigen? Der Applaus kommt, scheint’s, von erhobenen Herzen. Halleluja!

www.Interim-kultur.de Übrigens: auch in der „Unterfahrt“ gibt es jeden Sonntag eine Session, in der „Jazzbar Vogler“ jeden Montag, im Umfeld der Träger musikalischer Aus- und Weiterbildungsangebote natürlich auch. Welche in- und Outdoor-Sesssionorte müssten noch genannt werden? Next Chorus, please…      

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