Weil es Liebe ist

Oktoberfest Muenchen Wiesn Liebe LebkuchenherzIch mag keine organisierte Fröhlichkeit. Keine Menschenmassen. Schon gar nicht, wenn sie außer Kontrolle geraten. Überfüllte U-Bahnen sind mir genauso zuwider wie Besoffene, und Kotzepfützen rangieren auf meiner Ekelskala noch vor Hundehaufen. Ich kann nichts Positives finden an nächtlichem Gegröle unterm Fenster, an bepieselten Hauseingängen, Landhauskleidern, Damen-Trachtenhüten, Fake-Lederhosen und Unmengen von italienischen Wohnmobilen, die die Münchner Seitenstraßen zuparken.

Jedes Jahr sage ich mir, dass ich diesmal bestimmt nicht rausgehe. Dass die Dirndlschürze ungebügelt bleibt und der Dirndl-BH im Schrank. Rechne mir aus, wie viel Geld ich mir spare, wie viele Ibuprofen und Gehirnzellen. (Ich kann nämlich ohne Alkohol lustig sein, gelegentlich, aber sicher nicht auf der Wiesn.)

Und überhaupt, als Mutter von zwei Kindern bin ich aus dem Alter raus, in dem ich – in meinen wilden Zeiten bis zu elf Mal in zwei Wochen – am Massenbesäufnis teilnahm. Kleinen Kindern kann man das Ganze ja eh nicht zumuten. Die vielen Menschen, die Lautstärke, die totale Reizüberflutung und die Reduzierung von Geselligkeit auf gemeinschaftliches Bierkrugleeren. Das Münchner Oktoberfest ist riesig, laut, grell, ordinär, primitiv und immer ein bisschen klebrig. Die Wiesn macht schmutzig, arm und Kater.

Und dennoch.
Dieses Gefühl, wenn ich Ende September zum ersten Mal auf der Rolltreppe von der U-Bahn-Station Theresienwiese hinauffahre und hinter den ganzen Leuten, die das vor mir tun, langsam die Fahrgeschäfte auftauchen und der Sound der Wiesn an meine Ohren dringt. Stimmengewirr, Karussellansagergeknödel und Popmusik. Wenn mir dann der Duft der gebrannten Mandeln, vermischt mit dem von halben Hendln, in die Nase steigt und die Abendsonne hinter dem Armbrustschützenzelt hervorblinzelt. Dann weiß ich wieder, wo ich daheim bin und wo ich hingehöre.

Vielleicht kommt es ja daher, dass ich mitten in der Wiesnzeit geboren wurde, mittags an einem warmen, sonnigen Herbsttag und in der Klinik, die der Theresienwiese am nächsten ist. Auf jeden Fall muss es Liebe sein. Sonst würde ich mir diesen Wahnsinn nicht seit 35 Jahren jeden September wieder aufs Neue antun.

Und jetzt muss ich rasch meine Dirndlschürze aufbügeln …

2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Liebe Anette,

    ich habe deinen Beitrag gelesen und mir gedacht, das könnte fast ich sein, die das schreibt. Zwar bin ich deutlich weiter entfernt von der Theresienwiese geboren – dafür habe ich meine beiden Kinder ganz in der Nähe auf die Welt gebracht. Und ich besuchte die Wies´n noch nicht seit 35 Jahren – bin aber scheinbar auf dem besten Wege dort hin.
    Jeden morgen auf dem Weg ins Büro sehe ich bereits Anfang August jedes Jahr die Zelte wachsen und die Fahrgeschäfte in die Höhe steigen. Und jedes Mal denke ich mir: Ich hoffe, ich überstehe die Zeit ohne ärgerliche Zwischenfälle auf dem Weg zum Bahnhof und weiter nach Hause. Und weiter denke ich mir, dass ich mir auf gar keinen Fall ein neues Dirndl kaufen werde, weil es sowieso nur im Schrank verstauben würde..weil ich auf gar keinen Fall dieses Massenbesäufnis, dieses Fröhlichsein auf Knopfdruck mitmachen werde.

    Tja… und jedes Jahr aufs Neue stehe ich als eine der ersten auf der Bank und singe und tanze und bin fröhlich… ohne Knofpdruck, sondern aus Überzeugung.

  2. Geht mir genauso, zwar Rechts der Isar geboren, sag ich mir auch schon seit 30 Jahren: „I geh des Jahr ned aufd Wiesn!“, aber trotzdem war ich jedesmal draußn. Seit 25 Jahr mit der Lederhosn vom Großvater…… Dieses Jahr aber konnt ich ihm des nicht mehr antun und bin wieder in gaaanz normaler Bekleidung rausgegangen. Sollen die anderen im „Gwand“ rumlaufen, sich lächerlich mach und gegenseitig vollkotzen! Trotz allem: Wiesn ist genetisch im Münchner veranlagt! Raus also und Spaß haben!

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