„Was, schon wieder Silvester?“

Eigentlich bin ich ja ein ausgeprägter Silvestermuffel. Am liebsten würde ich diesen Tag – und Neujahr gleich dazu – ausfallen lassen und direkt mit dem 2. Januar weitermachen. Ich habe mir schön häufiger vorgenommen, einfach mal in Silvesterstreik zu treten, mich auf mein Sofa zurückzuziehen und das Feuerwerk tief und fest zu verschlafen. Das höchste der Silvester-Gefühle wäre, mit zwei alten Bekannten, James und Miss Sophie, auf das neue Jahr anzustoßen und eine Runde „Dinner for One“ zu schauen. Meinem Vorsatz bin ich bislang noch nie nachgekommen. Spätestens Ende November schleicht sich dieser Termin gedanklich immer näher an mich heran, um dann in der Adventszeit zwischen Glühwein und Thüringer Bratwurst zuzuschlagen: „Du hast ja noch gar keine Pläne für Silvester!“ Hilfe!

Dabei gibt es in München 1001 Möglichkeit, den letzten Abend des Jahres zu verbringen. Gefühlt sind die Wiesn-Zelte gerade erst abgebaut und die Kirchweih-Gans verspeist, wenn den Speisekarten der Lokale die Silvestermenüs beilegt werden und die Aushänge am Eingang und an der Tür zum WC darauf hinweisen, man möge doch bitte rechtzeitig reservieren. Man hat die Qual der Wahl: Opulentes, achtgängiges Gala-Dinner mit „Geflüster der Wanderfische in Safrangelée mit grünem Spargel und Winterportulak“ und festlich-eleganter Garderobe, romantisches Candle Light-Dinner mit dezenter musikalischer Untermalung, bei der man ganz sanft ins neue Jahr hinüberswingt oder -jazzt, oder Motto-Dinner, wo man im Charleston-Fransen-Kleidchen stilecht vor der Kulisse der Golden Twenties diniert und darauf wartet, dass der große Gatsby durch die Tür tritt.

Das ist natürlich noch nicht alles: Die Clubs der Stadt rüsten auf für eine durchtanzte Nacht, die Symphoniker und Philharmoniker stimmen ihre Geigen für ihre Silvesterkonzerte und der 9000-Liter-Kessel im Innenhof des Isartors wird nochmal ordentlich mit Rum, Rotwein und Zucker befüllt. Dort können an Silvester alle Nostalgiker, die keinen Sekt mögen, bis 3 Uhr in der Früh bei der „größten Feuerzangenbowle der Welt“ und Liedern von Heinz Rühmann ins neue Jahr feiern.

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Zum Glück muss ich mir in diesem Jahr keine Gedanken über meine Abendgestaltung machen, denn mir flatterte schon frühzeitig eine Einladung für eine Privatparty ins Haus. Ein Freund von mir verwandelt das Büro seines Verlags im Mediaworks-Gelände in eine Partymeile. Aber es kann ja nie schaden, sich für den Fall der Fälle zu rüsten. Sollte sich doch noch kurzfristig Besuch aus anderen Flecken Deutschlands ansagen, habe ich mir schon mal Gedanken zu einem Programm gemacht.

Besuchergruppe I: Eltern oder Verwandte aus Regionen jenseits des Weißwurstäquators.

Hier würde ich zum Auftakt ein schönes, bayerisches Lokal wählen. Zum Beispiel den Kaisergarten in Schwabing. Das Ambiente ist urig, aber dennoch modern, genauso wie die Küche. Gebeizter Saibling mit Wirsing und Quitte und Ochsenfilet mit schwarzem Trüffel klingt solide und innovativ zugleich. Das könnte sogar Onkel Heinz aus Münster schmecken. Dazu ein frisch gezapftes Ayinger oder ein feines Tröpfchen aus Österreich und Mitternacht kann kommen.

Vielleicht suchen wir uns aber auch ein Lokal, das näher an einer der Isarbrücken liegt, um einen besseren Blick auf das Feuerwerk zu haben. Zum Beispiel das Wirtshaus in der Au. In diesem schönen Renaissancebau aus der Gründerzeit, wo einst schon Karl Valentin sein Bierchen getrunken hat, wird ein kleines, aber feines Silvestermenü serviert. Wer es etwas unprätentiöser haben möchte, kann auch ganz normal à la carte essen, vielleicht einfach eines der leckeren Knödelgerichte. Da hier schon ab 17:00 Uhr der Tisch gedeckt wird, bietet sich das Traditionshaus in der Lilienstraße auch als Ausgangspunkt für einen Konzertbesuch im Gasteig an. In der Philharmonie lassen um 20:00 Uhr die Münchner Symphoniker und der Zauberer Ed Alonzo unter dem Motto „Last night oft the year“ die Korken knallen. In der Black Box dreht sich ebenfalls ab 20:00 Uhr alles um Männer mordende Frauen und Frauen mordende Männer, musikalisch wartet eine bunte Mischung aus Tonfilmschlagern, Kabarettchansons und Balladen.

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Bevor das Wirtshaus in der Au um Mitternacht seine Pforten schließt, kann man sich hier noch schnell seinen Punsch abholen. Zum Feuerwerk geht es dann auf die Ludwigsbrücke, die nächtliche Kulisse mit dem Müllerschen Volksbad ist mit Feuerwerk sicherlich noch beeindruckender als sonst. Wenn der Verwandtenbesuch schon nach Hause möchte, aber man selber noch fit genug ist: In die Muffathalle ist es von dort nur einen Katzensprung! Da gibt es für jeden Geschmack etwas: Von Elektropop über Indie und Funk bis zu Electroswing und Globalbeats. Und den obligatorischen Mitternachtswalzer im Hof.

Besuchergruppe II: Der Szenegänger aus Berlin.

Der findet Silvestermenüs vielleicht eher spießig, liebt dafür Konzerte in kleinen Kellerclubs und wilde Partys. Das Glockenbachviertel würde für ihn vielleicht noch einigermaßen als Szene-Kiez durchgehen. Auch der Szenegänger muss sich vor der langen Nacht stärken. Es gibt sicherlich solidere Grundlagen als Sushi, aber das Sushi & Soul ist zumindest eines der wenigen Lokale ohne Silvester-Tamtam mit aufwendigen Menüs. Außerdem hat die Karte neben Sushi noch einiges mehr zu bieten. Man kann hier ganz unkompliziert seine Bento-Box essen, sich mit einem japanischen Whiskey, beispielsweise einem „ichiro’s choice kawasaki“ von 1976, einem Sakeninja oder einem Kyoto Fizz auf den Abend einstimmen. Falls der Gast aus Berlin nicht satt wird oder kulinarisches Heimweh bekommt, kann man zu späterer Stunde noch auf eine Currywurst im Bergwolf vorbeischauen. Der hat an Silvester bis 23:00 Uhr geöffnet. Vielleicht ist die Bergwolf-Wurst sogar besser als die von Konnopke in Berlin und man sammelt ein paar Bonuspunkte, falls man beim späteren Clubbing am Türsteher mal nicht vorbeikommt.

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Wir steuern zunächst das Milla in der Holzstraße an. In dem Live-Club, der an eine Kegelbahn erinnert und unter dem früher der Westermühlbach entlangplätscherte, stehen ab 23:00 Uhr Soul und R&B auf dem Programm, mit „Optimal tanzt den Wolf“. Falls der Gast sich etwas „schräg“ fühlt, liegt das nicht an dem übermäßigen Konsum japanischer Whiskeys, sondern an der leichten Schräge des Raums. Gehört genauso zum Milla wie die Flohmarktmöbel und der Holztresen, der aus der alten Theke der Schwabinger 7 zusammengezimmert wurde.

Vielleicht ziehen wir später noch weiter, in den guten alten Ksar Club zum Beispiel, oder wir gehen Zum Wolf in die Pestalozzistraße. Wobei ich nicht ganz sicher bin, ob Wolf seine kleine Wohnzimmerbar, in der bis letztes Jahr noch die Teddybar zu Hause war, an Silvester wirklich geöffnet hat. Seine Mitstreiter, Wolfgang „Balu“ und Corinna, legen an diesem Abend jedenfalls im Milla auf. Leider war telefonisch niemand erreichbar. Egal, ansonsten zeige ich meinem Besuch das bunte Sammelsurium aus chinesischen Lampions, Plüsch-E.T., gemusterter Tapete und sonstigem Nippes eben ein anderes Mal und wir gehen stattdessen noch ins Zoozie’z.

Das ist zwar nicht so szenig und skurril wie Wolfs Kuriositätenkabinett, aber wenn nach Mitternacht die letzte Rakete in der Isar versunken ist, wird am Baldeplatz zumindest wild das Tanzbein geschwungen. Dieses Jahr unter dem Motto „Golden Twenties Ballroom like Gatsby“. Wie es scheint, haben sich wohl einige Kneipiers in München von Leonard di Caprio und „The Great Gatsby“ inspirieren lassen, im Lazy Moon im Filmcasino wird ebenfalls im Zwanziger-Jahre-Glamour-Style gefeiert …

Die Besuchergruppe III ist ziemlich leicht zufrieden zu stellen: Der Teenagertochter meiner alten Schulfreundin und ihrem Freund drücke ich einfach meine Wohnungsschlüssel in die Hand und schicke sie in die Kultfabrik. Oder in die Milchbar in die Sonnenstraße. Da können die beiden Turteltäubchen 17 Stunden lang Silvester feiern. Und wenn die Party morgens um 9:00 Uhr dann doch einmal vorbei ist, warte ich zu Hause mit dem Katerfrühstück. Wobei, erst mal sehen, wie lange meine eigene Party so geht.

Last but not least habe ich auch noch etwas für die Besuchergruppe IV in petto, die Studienfreundinnen, die inzwischen in Städten wie Düsseldorf, Hamburg und Frankfurt leben. Da darf es auch ein wenig szenig zugehen, aber es müssen nicht unbedingt die neuesten Trend-Locations sein. In Erinnerung an frühere Besuche in München würde ich mit den Ladies in die Bar Centrale gehen. Wo man sonst im Barbereich wie in einer Taverne an einem der Stehtische seinen Aperol Sprizz trinkt oder hinten im Lounge-Bereich leckere Pasta isst, heißt es es am 31. „La Bella Vida A San Silvestro“. Nach einem köstlichen italienischen 5-Gänge-Menü mit traditioneller italienischer Linsensuppe, Ravioli mit Maroni und einigem mehr ist dann ab 22:30 Uhr Partytime. Bestimmt haben wir Lust, noch weiter zu ziehen. Wir versuchen es einfach mal im P1. Hier lautet die Devise „The same procedure as every year, James“. Wenn wir bei unserer Garderobe die richtigen Farben gewählt haben – schwarz, weiß oder silber heißt der Dresscode – stehen die Chancen auf Einlass auf die „Dinner for P1“-Party vielleicht gar nicht mal so schlecht.

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Apropos „The same procedure as every year”: „Dinner for One” feiert dieses Jahr seinen 50. Geburtstag! Der Kultsketch wurde 1963 das erste Mal für das Fernsehen aufgezeichnet, vom NDR. Wer rein gar keine Lust auf ausschweifende Partys oder Silvester-Galas hat, mag vielleicht einfach im Amerikahaus am Karolinenplatz vorbeischauen. Dort heißt es am Silvesterabend jeweils um 18:00 Uhr und 19:30 Uhr Bühne frei für Miss Sophie, Mr. Pommeroy, Admiral von Schneider und Sir Toby. Wer schon immer wissen wollte, was es mit der jungen Miss Sophie und ihren vier Galanen auf sich hatte, findet in dem Zusatz-Sketch „Breakfast for Three“ sicherlich die Antwort.

Eigentlich wollte ich ja für unser Partybüffet einen italienischen Nudelsalat beisteuern. Vielleicht sollte ich den Speiseplan nochmal überdenken und auf Schellfisch, Hähnchenbrust und Mulligatawny-Suppe umschwenken. Wusstet Ihr, dass das eigentlich eine indische Suppe ist und übersetzt so etwas wie „Pfefferwasser“ bedeutet? Habe ich auf meiner Indien-Reise, über die ich in „traveling the world“ blogge, allerdings nirgendwo auf der Speisekarte gefunden … Falls jemand an Silvester sein eigenes „Dinner for One“ nachkochen möchte, hier gibt es das Mulligatawny-Rezept.

Und hier sind noch weitere Silvestertipps auf muenchen.de.

9 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Die meisten Gastronomielocations werden bei normalen Betrieb die Pforten schon früh schließen, wenn dort keine Silvesterparty geplant ist. Für gewöhnlich schließen sie schon um 11. Aber es kommt natürlich auf die Lage, die Location und den Öffnungszeiten an. Für Silvester werden dann eher Bars , Clubs oder andere Feierorte durchmachen. Falls Ihr noch nicht wisst, wo ihr feiert, dann sind hier auf http://muenchen-sehen.com/2013/12/12/silvester-2013-in-munchen-wo-feiern/ einige persönliche Empfehlungen von mir. Guten Rutsch.

  2. VielenDank für den netten Überblick über die vielen Möglichkeiten, die München an Silvester biete. jetzt ist ja das neue Jahr schon wieder ein paar Tage alt, aber Silvester kommt ja mal wieder. Mir geht es übrigens genau so wie dir, ich möchte Silvester auch immer gerne ausfallen lassen. Dem Feurwerk habe ich mich auf jeden Fall jedes Jahr partout verweigert.

  3. Pingback: Silvester in München › Münchner Momente. Das Blog des offiziellen Stadtportals.

  4. Die Zeit vergeht… und jetzt sind es noch ein bisschen mehr als zwei Monate, dann ist es schon wieder so weit.

    Werde dieses Mal übrigens sogar in München sein. Zum ersten Mal – bin schon sehr gespannt, was mich erwartet.

    LG
    Ole

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