Münchner Stadtteile im Porträt: Schwabing, von Lenin bis Chai Latte

Blick auf die Leopoldstraße Foto: Annette Göttlicher
Mein Schwabing ist kein Stadtviertel, sondern ein Lebensgefühl. Und das hat sich im Laufe der Zeit natürlich immer wieder verändert. Die markanteste Neuerung der vergangenen Jahre: die deutliche Zunahme von Mama-Yoga-Studios, stylischen Kindermode-Geschäften und edlen Kinderwagen-Läden. Chai Tea Latte am Kurfürstenplatz Erinnert sich noch jemand an das alte „Zum Zum“, eine Kneipe am Kurfürstenplatz? Die sah aus, als sei versehentlich eine Kulisse für einen 70er-Jahre-„Derrick“ stehen geblieben. Oder als würde gleich der Monaco Franze übernächtigt und verkatert aus der Tür treten. Eine merkwürdige Gaststätte war das, sehr schäbig und sehr abgerockt. Heute residiert dort ein San Francisco Coffeeshop, und statt eines Weißbiers gibt’s dort einen Chai Tea Latte mit Sojamilch. Bis vor zehn Jahren war mein Schwabing – und das meint hauptsächlich die Gegend rum um den Elisabethmarkt, den Kurfürsten- und Hohenzollernplatz bis vor zur Leopoldstraße – eine weitgehend kleinkindfreie Zone. Aufgefallen ist mir das damals eher nicht. Im Gegenteil: Erst als dann ab der Jahrtausendwende zunehmend mehr Frauen mit Kinderwägen auf den Straßen zu sehen waren, dachte ich: Ja, stimmt eigentlich – wo in München leben denn überhaupt die Familien? Schwabing jedenfalls, und da gibt mir die Statistik recht, ist tendenziell noch immer eher ein Single- bzw. ein Double-Income-No-Kids-Stadtviertel: In knapp 55 Prozent der Haushalte lebt nur eine Person, und in weiteren knapp 30 Prozent wohnen lediglich zwei.

Alltag in der Herzogstraße
Vermutlich sind auch die jungen Familien, die nach der Jahrtausendwende in die sorgfältig renovierten Jugendstilhäuser in die Kaiserstraße, Franz-Joseph-Straße oder Elisabethstraße gezogen sind, eher wohlhabend. Die Statistik vermeldet nämlich, dass das durchschnittliche Netto-Haushaltseinkommen in Schwabing 2009 bei 4.169 Euro lag, was deutlich über dem Münchner Gesamtdurchschnitt ist. Trotzdem habe ich noch immer das Gefühl, dass mein Schwabing ein gemischtes Wohnviertel geblieben ist. Das normale Leben ist hinter den aufgehübschten Fassaden vielleicht mittlerweile nur etwas schwerer zu finden. Noch immer gibt es mancherorts schräge Läden wie aus den 60er-Jahren, in denen ich niemals einen Kunden sehe. Im hinteren Teil der Herzogstraße, vor dem winzigen Café Schöntag (www.cafe-schoentag.de), sitzen ganz normale Studenten in der Sonne. Und vorm Schwabinger Wassermann (www.schwabinger-wassermann.de) oder beim Mittagstisch im k-v-r in der Viktoriastraße (www.k-v-r.de), dem ehemaligen Rolandseck, sehe ich immer wieder die seit Jahren vertrauten Gesichter der alteingesessenen Schwabinger Bohème. Die sich im übrigen bis heute immer noch gern am Nachmittag in der Friesischen Teestube am Pündterplatz trifft (www.friesische-teestube.de).

Genuss in der Kaiserstraße
Auch meine Lieblings-Enoteca liegt hier: Im Passaparola (www.passaparola-muenchen.de) ist die Pizza zwar ein bisschen teurer als anderswo, schmeckt dafür aber auch wie in Italien. Übrigens hat der international bekannte Industriedesigner Ingo Maurer – ja, genau, der Erfinder der Campari-Lampe! – seinen Showroom im Hinterhaus. Selbst einen Biergarten hat unser Viertel, und einen ziemlich schönen noch dazu: den Kaisergarten, eine Schankwirtschaft in einem dottergelben Bürgerhaus neben der backsteinernen Ursulakirche (www.kaisergarten.com). Da kann man unter uralten Kastanien sein Wiener Schnitzel oder seinen Kaiserschmarrn genießen – und sieht abends schon mal den OB mit seiner Frau vorbei flanieren, die hier ganz um die Ecke wohnen. Schade für den OB – und für mich – übrigens, dass im Sommer 2009 das „Heppel & Ettlich“ aus meinem Gesichtskreis und der Kaiserstraße verschwunden ist, eine legendäre Kleinkunst- und Kabarettbühne, 1976 gegründet. Nun residiert es über dem „Drugstore“ in der Feilitzschstraße, aber das ist irgendwie nicht dasselbe. Denn das Viertel östlich der Leopoldstraße, also die Straßen rund um den Wedekindplatz, sind für mich noch immer ein bisschen zu fest in der Hand der Dönerbuden, Spiele-Center, Tattoo- und Piercing-Läden. Sehr bedauerlich, denn vor hundert Jahren lag genau dort das Epizentrum der legendären Schwabinger Künstlerszene.

Revoluzzer und Hipster
Ganz zu schweigen von den echten Revoluzzern, die in meinem freigeistigen Stadtviertel ebenfalls einst Unterschlupf fanden – etwa die Aufständischen der 1919 niedergeschlagenen bayerischen Räterepublik, Erich Mühsam und B Traven. Oder Wladimir Iljitsch Uljanow Lenin, der der hier als „Herr Meyer“ von 1900 bis 1902 eine Zeit lang abtauchte. Oder Leo Trotzki im Winter 1904/1905. Doch leider ist die große Ära Schwabings, dass muss man ehrlich sagen, lange vorbei. Die Revoluzzer und Hipster sind längst weitergezogen: Wer heute cool sein will, wohnt am Roecklplatz oder im Schlachthofviertel. Oder gleich in Berlin-Friedrichshain. So sehe ich im Café Münchner Freiheit (www.muenchner-freiheit.de) auch eher Konstantin Wecker sitzen als Jonathan Meese. Angeblich will ja Pep Guardiola, der derzeit hippste Münchner, nach Altbogenhausen oder Starnberg ziehen. Ich finde das wunderbar. So bleibt mein kleines, gemütliches Schwabing wenigstens auch weiterhin von durchgeknallten Paparazzi verschont. 

9 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. DasZum Zum war doch so eine versiffte Imbissbude . Glaube habe da mal Currywurst gegessen.
    Eine Legende war hingegen Das Piper .
    Der Dauerhit und jede halbe Stunde. aufhelegt … war dort Rock and Roll Part 2 von gerry Glitter.

  2. Shopping in der Hohenzollernstr habr ihr vergessen! Macht viel mehr Spaß als am Marienplatz. Nicht so überlaufen,keine Touris,tollere Läden. Hallhuber Stefanel Bartu und danach ins Dodici,Hzollstr 12

  3. Wo bleiben die Hinweise auf kleine Läden? Für Mütter ist Lilli&Millou am Kurfürstenplatz toll, auch Das Kinderzimmer in der Kurfüstenstraße und das Julies in der Belgradtrs. UNd fürs selber-Einrichten der Erwachsenenwohn- und Schlafzimmer zimmer das Sinneswahn und das Africa House, beide in der Hohenzollernsts

  4. Mein Stadtteil seit über 40 Jahren. Ums Zum Zum ist es nicht schade, das war ein Schandfleck für den Kurfürstenplatz. Verstehe aber auch nicht, wie man in diesem Coffeedings 5 Euro für einen Kaffee im Plastikbescher ausgeben kann statt ihn billiger und besser gegenüber im Venezia zu trinken.

  5. gibts eigentlich den farben karg noch in der hohenzollern ecke römer strasse … ich dem haus bin ich aufgewachsen .. lebe nun seid 2007 in nrw und vermisse mein münchen … leider komm ich auch zeitlich nicht dazu mal wieder runterzufahren 🙁

  6. Hallo TomTom.
    nein, den Farben Karg gibt’s nicht mehr – aber ich erinnere mich noch sehr gut an das Geschäft! Seit ein paar Jahren ist da ein Friseur drin namens „New Hair“. Und dementsprechend wurde der Laden umgebaut: große, bodentiefe Fenster etc.
    Direkt gegenüber war ja immer einer Parfümerie, erinnerst du dich auch an die? Da ist jetzt ein Bäcker drin, entweder ein Höflinger oder ein Wimmer, ich weiß nicht genau.
    Die Hohenzollernstraße hat sich eigentlich nicht so wahnsinnig verändert in den letzten Jahren, aber man merkt es dann doch an solchen Kleinigkeiten. Die altmodischen, alteingesessenen Läden wie der Malbedarf sind eines Tages dann eben verschwunden…
    Viele Grüße nach NRW!

  7. ich finde das shoppin in der hohenzollerstr auch am besten.da findet man immer neue artikel und die neusten trendprodukte.

  8. Ja das stimmt. Marienplatz ist mir echt viel zu stressig zum Einkaufen. Da gibts viel bessere und ruhigere Alternativen.

  9. Ich kann mich „München“ da nur anschließen, ich liebe die Hohenzollernstraße, aber nicht nur wegen des shoppens, auch wegen der Cafes und der mittelalterlichen Taverne.
    Grüße,
    Sabrina

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