Verborgene Schätze: Das Andenken Väterchen Timofejs

„Komm mit, ich zeig dir was!“, sagt er, nimmt meine Hand und zieht mich mit sich. Wir sind im Olympiapark, genießen den traumhaften Herbsttag in der Sonne, ratschen, lachen und jetzt das. Neugierig lasse ich mich mitziehen. Wir laufen den Andechserhügel runter und sind auf einer Fläche, die ohne das Sommer-Tollwood irgendwie nackt wirkt. Vor Kurzem war der Platz noch von Kinderlachen erhellt – ein Zirkus hatte hier seine Zelte aufgeschlagen, es gab ein kleines Karussell und anderes Amüsement für den Nachwuchs. Heute ist hier: Nichts.

Verwundert gucke ich ihn an, doch er grinst nur und zieht mich weiter mit sich, bis wir vor einem Tor stehenbleiben. Es ist offen und lädt zum Hineingehen ein. Im Baum hängt ein Schild: Ost-West-Friedenskirche.

Verwundert blicke ich auf darauf. Eine Kirche? Hier? Mitten im Olympiapark? Nun sind Heiligtümer und Kirchen in Bayern ja an jeder Ecke zu finden, was für Zugezogene wie mich manchmal verwunderlich ist. In einem Park, der dem höchsten aller sportlichen Feste gewidmet ist, habe ich damit jedoch nicht gerechnet.

Meine Frage, was das sei, erwidert er mit einem ungeduldigen Blick und diesem schelmischen Grinsen, das ich schon kenne. Er setzt es auf, wenn er mir wieder was zeigen kann, in seiner Heimat- und Lieblingsstadt München. Ich habe irgendwann angefangen, ihn meinen bayerischen Integrationsbeauftragten zu nennen, erklärt er mir doch gerne, wie die Bayern und die Münchner ticken, auf welcher Seite ich meine Dirndlschleife tragen sollte, und übersetzt geduldig, wenn jemand gar zu stark bairisch spricht, und ich hilflos dastehe, weil ich nichts verstehe.

In der Welt Väterchen Timofejs

Wir durchqueren das Tor und sofort wähne ich mich in einer anderen Welt. Ruhe überkommt mich, und irgendwie fühlt es sich an, als sei ich in eine frühere Zeit versetzt worden. Rechts steht ein altes Haus mit kleinen Fenstern. Es wirkt niedrig, und ich bin mir sicher, dass ich mir den Kopf an der Decke stoße, wenn ich es betrete. Links ist eine Laube, und ein Baum, in dem Schnuller hängen, daneben auf einem Tisch eine Marienstatue. „Herzlich Willkommen“, sagt er. „Du befindest dich jetzt im Reich Väterchen Timofejs und seiner Frau Natascha.“

Der russische Eremit

Väterchen Timofej war ein russischer Eremit und gilt offiziell als der älteste Münchner. Er verstarb im Jahr 2004 im Alter von 110 Jahren. Von seinem Leben und dem seiner Frau zeugt das Museum, das ehemalige Wohnhaus und natürlich – die Kirche.

Die Ost-West-Friedenskirche

Den Auftrag für den Bau einer Kirche habe Väterchen Timofej in einer Vision gehabt, heißt es. Die Muttergottes selbst soll ihm in den Wirrungen der letzten Kriegsjahre erschienen sein und habe ihm aufgetragen, nach München zu gehen und eine Basilika zu bauen, für den Frieden in Ost und West. Das hat er gemacht, mit dem Bauschutt des zweiten Weltkrieges, aus dem auch der Aussichtshügel im Olympiapark entstanden ist. Die Decke der Kirche ist mit Stanniolpapier aus Schokoladenpackungen verkleidet, die aus Carepaketen stammen. Überall hängen Bilder von Heiligen und immer wieder welche von seiner Auftraggeberin, Maria, die Muttergottes.

Es ist still in der Kirche, nachdem er mir diese Geschichte erzählt hat. Davon, wie Väterchen Timofej mit seiner Frau Natascha in München zunächst unter Brücken schlief, bis sie auf dem Oberwiesenfeld, dem ehemaligen Flughafengelände, eine neue Heimat fanden, sich ein Haus und die Basilika bauten, eine Kapelle, sich einen Gemüsegarten anlegten, Bienen züchteten und Hühner, ein kleines Paradies erschufen – ohne dafür Genehmigungen einzuholen. Der Tatbestand der Schwarzbauten wäre den beiden beinahe zum Verhängnis geworden. Als München den Zuschlag für die Olympischen Spiele 1972 erhielt, sollten diese genau dort stattfinden, wo sich Väterchen Timofej und seine Frau ihre neue Heimat errichtet hatten. Doch – und unwillkürlich muss ich lächeln, als ich es höre – zeigte sich hier wieder der Eigenwillen der Münchner, die inmitten der für Zugezogenen manchmal schwer nachzuvollziehenden Eigenheiten, einen ganz besonderen Sinn für ihre verborgenen Schätze haben: Es hagelte nämlich von allen Seiten Proteste. Und so wurde das Gelände für die Olympischen Spiele verlegt.

Und wir, wir können deshalb auch heute noch diese Ruheoase besuchen, den Ort des Friedens zwischen Ost und West, einen Schatz inmitten Münchens.

Adresse:
Ost-West-Friedenskirche
Spiridon-Louis Ring 100
80809 München

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