Untergiesing – von Mühlen, Löwen und Tempelrittern

Muenchen Untergiesing Templer Orden Schloss KlosterUm ehrlich zu sein: Von Untergiesing wusste ich nicht viel. Ich kenne dort niemanden, habe weder Verwandte noch Freunde, die dort wohnen und so komme ich so gut wie nie in die Gegend südlich der Humboldtstraße bis hinunter in die Birkenau.

An einem Samstagnachmittag im August habe ich diese Wissenslücke endlich schließen können: Stattreisen bietet in einem Programm einen historischen Streifzug durch Untergiesing an – das wollte ich mir nicht entgehen lassen. Trotz Regenschauer und mäßigem Wetter waren wir vier Stadtinteressierte, die sich von Renate Schmidt, einer erfahrenen Münchner Stadtführerin, zwei Stunden zu den Besonderheiten des Viertels führen ließen. Angefangen von der sprichwörtlichen „Giasinger Heiwog“ an der Claude-Lorrain-Straße bis zum „Templer-Schlössel“ in der Birkenau.

Die „Giasinger Heiwog“
An der nördlichen Ecke des Schyrenbades stand sie, die Giesinger Heuwaage. Vor über Hundert Jahren wurde hier der Münchner Heumarkt abgehalten, die Pferdefuhrwerke kamen, schwer mit Heu beladen vom Land und wurden samt Ladung auf der Heuwaage gewogen. Die Waage war leider ziemlich ungenau, weshalb bald die sprichwörtliche Rede von der Giesinger Heuwaage war. Wer zu hören bekam: „Deine Uhr geht nach der Giesinger Heuwaage“, der wusste, dass er extrem unpünktlich erschienen war.

Das ehemalige Gebäude der Heuwaage steht noch heute etwas unscheinbar hinter Bäumen versteckt. Bis zu seiner Sanierung 2006 wurde das Gebäude als Kassenhäuschen des Schyrenbades genutzt. Das Schyrenbad ist auch das älteste Münchner Freibad. Um 1847 wurde das Bad – anfangs nur für Männer – eröffnet. 30 Jahre später durften auch Damen dort zum Schwimmen gehen und 1938 wurde es schließlich zum Familienbad.

Sport gehört zu Giesing nicht nur wegen des Freibads und wegen des Fußballvereins „1860 München“. 1869 wurde in Untergiesing der erste Radrennverein gegründet, der am Schyrenplatz sogar illegale Radrennen veranstaltete.

Ein paar Meter neben dem Schyrenbad steht ein markanter Wohnturm. Der ehemalige Hochbunker wurde vor einigen Jahren in ein Wohngebäude umgebaut. Um das Gebäude wohnlich zu nutzen, mussten die 2,40 Meter dicken Wände um einen Meter dünner geschliffen werden. Eine enorme Arbeit – doch das Ergebnis kann sich sehen lassen.

Bierbrauerei und Kleinhäusler
Giesing war eine Kleinhäuslersiedlung in der Gänsemäster, Federnhändler, Fiakerfahrer und Kleinstgewerbetreibende ihr Zuhause hatten. Wer in Untergiesing bauen wollte, musste sich schon damals an eine strenge Bauordnung halten: Erdgeschossbebauung plus Dachgeschoss mit zwei bis drei Fenstern, die zur Straße zeigen mussten. In der Birkenau, gleich neben dem beliebten griechischen Restaurant „Lucullus“, kann man diese alte, heute unter Denkmalschutz stehende Bebauung noch erkennen.

In der gleichen Straße befindet sich auch die kleine Garagenbrauerei „Giesinger Bräu“, die nach traditionellen Verfahren kuriose Biersorten wie die „Untergiesinger Erhellung“ braut. Aus Garagengröße ist die Firma dank ihrer guten Biere herausgewachsen und so wird der Betrieb im Herbst nach Obergiesing ziehen. In der Nähe der evangelischen Kirche gibt es dann die „Erhellung“ im eigenen Wirtshaus samt Biergarten.

Löwenhochburg und Genossenschaftsbau
Auf der anderen Seite der Bahntrasse, die das Viertel seit 1871 grob durchschneidet und auch heute noch für eine recht laute Geräuschkulisse sorgt, kommt man auf den seit 2012 Jahren neu gestalteten Hans-Mielich-Platz. Der Platz wirkt etwas kühl und wenig einladend, auch wenn es jede Menge Sitzbänke gibt. Bei der Neugestaltung des Platzes wollten die Architekten diese Sitzbänke optisch hervorheben und ließen sie rot lackieren – ein grober Schnitzer in der blauen Löwenhochburg Giesing. In einer Nacht-und-Nebel-Aktion griffen handwerklich begabte Löwenfans zu Farbe und Pinsel und lackierten die Sitzbänke blau. Der Streich ging damals durch die Presse, das Baureferat erstattete Anzeige wegen Sachbeschädigung. Blau blieben die Bänke jedoch nicht, heute sind sie in einem neutralen Braunton gestrichen.

Ehemalige Genossenschaftswohnungen prägen auch heute noch das Straßenbild des Viertels.
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war die Wohnungsnot in München so groß, dass sich engagierte Bürger zusammenschlossen und Genossenschaften bildeten. In der Gerhardstraße wurden die ersten Genossenschaftswohungen gebaut, die Wohnblöcke verfügten über Infrastruktur: Jeder Block hatte sein Wirtshause, kleine Kramerläden und Handwerkerwerkstätten. Mit zwei Zimmern und einer Wohnküche musste auch kinderreiche Familien auskommen.

Entlang des Giesinger Auer Mühlbachs
Der Auer Mühlbach, der auch durch Giesing fließt, war früher ein stinkender Fabrikfluss, in den die Abwässer der angrenzenden Betriebe eingeleitet wurden. Untergiesing war im 19. Jahrhundert ein Industriegebiet: Es gab eine große Lederfabrik mit Ledergerberei, die ordentlich die Luft verpestete, es gab metallverarbeitende Fabriken, eine Eisengießerei und einige Mühlen, von der erst 2008 die letzte geschlossen wurde.

Auch das älteste erwähnte Gebäude in Untergiesing war einmal eine Mühle. Die Bäckermühle wurde erstmals 957 urkundlich erwähnt. Das markante Mühlengebäude wurde in den 70er Jahren abgerissen und ein großes, dunkles Bürogebäude dafür errichtet. Das einzige Zeugnis der alten Bäckermühle ist heute ein kleines Stromkraftwerk. Wo Jahrhunderte lang Mühlräder angetrieben wurden, erzeugen seit 1986 Turbinen Öko-Strom.

Von Schlössern und Tempelrittern
Folgt man dem kleinen Fußweg, der den Mittleren Ring unterquert, vorbei an einem sehr hübschen Spielplatz, kommt man auf dem Paula-Herzog-Weg in die Birkenleiten. Wo einst viele Birken standen, sind heute Wohnbauten aus den 60er und 70er Jahren zu finden. Umso erstaunlicher, dass zwischen den Wohnungen ein kleines, rotes Schlösschen steht: Schloss Winkelsberg, erbaut Mitte des 18. Jahrhunderts vor den Toren Münchens, einst in gräflichen Besitz, dann dem kurzfürstlichen Kellermeister übergeben. Heute befindet sich in dem Schlösschen eine Tierklinik.

Am anderen Ende der Straße, in der Birkenleite 35, die nächste Untergiesinger Kuriosität: Ein hinter schweren Schmiedeeisernen Toren gelegenes, verwunschenes Schlösschen mit einem riesigen, 87 Meter hohen Glockenturm. Täglich um 15 Uhr erklingen die 20 Glocken weithin hörbar mit dem schönsten Geläut Münchens – so zumindest die Meinung der Anwohner. Was aussieht wie eine Kulisse aus einem Ritterfilm, ist der Deutsche Hauptsitz des Templerordens. Ja, genau DER sagenumwobene Tempelritter-Orden, um den sich auch heute noch viele Legenden ranken. Im 11. Jahrhundert zu Zeiten der Kreuzzüge entstanden und schnell zu Wohlstand gekommen, wurden die Tempelritter bereits im 14. Jahrhundert wieder vom Pabst verboten – zu Unrecht, wie Historiker heute herausgefunden haben. Der Konvent, in dem Mönche und Nonnen gemeinsam wohnen, hüllt sich in Schweigen und gibt sich auch heute noch geheimnisvoll. Was jedoch kein Geheimnis ist: Täglich findet an dem Gebäude eine Armenspeisung statt, die sehr gut angenommen wird.

Ein paar Meter weiter, dem Auer Mühlbach flussaufwärts folgend, kommen wir zur letzten Station unseres zweistündigen Streifzugs durch Untergiesing: Der ehemaligen Krämermühle aus dem Jahr 1863. Erst 2008 stellte die Mühle ihren Dienst ein, das große Gebäude wurde umgebaut und neben anderen Nutzern zog eine kleine Kaffeerösterei ein. Ein idealer Ort um die Eindrücke Untergiesings auf sich wirken zu lassen und eine Tasse Kaffee zu genießen – natürlich frisch gemahlen.

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