Sendling – im Wandel, aber trotzdem immer noch herrlich vertraut

Dass ich vor rund 18 Jahren nach Sendling gezogen bin, hab ich in erster Linie einer Wohnungsgenossenschaft zu verdenken, die mir kurz nach dem Abitur den Zuschlag für zwei Zimmer mit Bad zum Schleuderpreis gab. Phänomenale 300 Euro zahlte ich damals – auch zu dieser Zeit ein absoluter Sechser im Lotto. Dass ich die ersten Jahre mit Gas heizte, die Fenster und Wände praktisch nicht isoliert waren und das warme Wasser aus dem Boiler kam, störte mich als Student nicht. Ebenso wenig, dass mein Vater, der zum Glück Handwerker ist, das Badezimmer samt Dusche in eine Art Loggia einbauen musste.

Dank der vielen Genossenschaften halten sich die Mietpreise oftmals noch in Grenzen

Heute ist der ganze Block saniert und die Preise haben sich knapp verdoppelt, zudem wohne ich längst in einer größeren Wohnung. Für München ist die Miete immer noch ein außergewöhnlicher Deal.

Ob Garten- oder Eisenbahnerbaugenossenschaft – diese Arten von Wohnungsgesellschaft sind typisch für den Stadtteil. Woher kommt’s? Traditionell spielte Sendling mit Großmarkt, Schlachthof und Güterumschlagplatz am Südbahnhof für den klassischen Arbeiterjob eine große Rolle. Klar, dass da auch schon vor rund hundert Jahren günstiger Wohnraum hermusste. Und genau davon profitiert das Viertel auch heute noch. Im Gegensatz etwa zu Schwabing, Glockenbachviertel oder Haidhausen sind die Wohnungen hier deutlich seltener in Privatbesitz und die „Gentrification“ schreitet maßgeblich langsamer voran.

Die Gentrifizierung schreitet in Sendling deutlich langsamer voran als anderswo

Das verleiht dem Viertel, in meinem Fall der Gegend zwischen Harras und dem Heizkraftwerk, immer noch etwas ziemlich Gemächliches. Logisch: Craft Beer-Läden, Hipster-Cafés und Kaffee-Röstereien sprießen hier höchst selten aus dem Boden. Und wird mal eine Ladenfläche frei, ärgere ich mich immer wieder, dass statt einem Café oder einem Falafel-Laden das Büro einer Versicherung oder Steuerkanzlei reinkommt. Hin und wieder macht dann schon mal was Modernes auf, schließt aber manchmal mangels Nachfrage nach wenigen Monaten wieder die Pforten.

Der Flaucher – vor allem ein Sommer ein echtes Lebensgefühl

Sei es drum – es gibt genug, was dieses Viertel so lebenswert für mich macht. Allen voran sicher mein geliebter Flaucher. „Gehört der nicht strenggenommen zu Thalkirchen?“ wird nun der eine oder andere fragen. Wäre auch ok – mein Stammstrand an sonnigen Sonnentagen ist er dennoch. Auf der ersten Insel nördlich vom Steg gibt es eine Stelle, an der fällt der Rundumblick ausschließlich auf das glitzernde Wasser der Isar und das satte Grün der angrenzenden Wäldchen. Ein Gefühl, als wäre man in reinster Natur – und das mitten in der Stadt.

So ein Badeparadies wie heute war die Isar an der Stelle nicht immer. Grillen und sich sonnen konnte man zwar schon vor 18 Jahren, die Wasserqualität war jedoch ganz und gar nicht mit der von heute zu vergleichen. Hat man da mal aus Versehen einen kräftigen Schluck erwischt, wurde einem hinterher schon mal etwas flau im Magen. Zudem hat die noch nie da gewesene Renaturalisierung vor einigen Jahren dafür gesorgt, dass man nicht nur auf der Höhe von Flauchersteg und Tierparkbrücke perfekt entspannen kann, sondern auf der gesamten Strecke bis hinauf zum Deutschen Museum.

Wie man so einen Sommertag am Flaucher am besten abrundet? Mit einem Besuch im gleichnamigen Biergarten zum Flaucher natürlich. Jeder hat ja unter den Münchner Biergärten seinen ganz persönlichen Favoriten. Dies ist zu 100 Prozent meiner. Toll draußen sitzen – das kann man natürlich auch im Viehhof. Wenngleich der für dieses Jahr nicht mehr zur Verfügung steht, sondern erst wieder ab der kommenden Saison im nächsten Jahr. Aber – und die kennen nur wenige Münchner – nur einige Meter gibt es mit der Vesperia in der Fleischerstraße eine tolle Bar, bei der es sich auch im Herbst und Winter lohnt vorbeizuschauen.

Potenzial als Sendlinger Hotspot: der Gotzinger Platz mit seiner Gastronomie

Was sich in den letzten 18 Jahren in Sendling unglaublich gemacht hat, ist der Gotzinger Platz. Vor einigen Jahren mussten die Gastronomen und Händler an der Sortieranlage vom Rondell des Platzes praktisch von einem auf den anderen Tag raus, weil das alte Gebäude als einsturzgefährdet galt. Heute hat sich der Platz nicht nur „darappelt“, er blüht regelrecht auf! Recht neu am Platz ist mit dem Saluki eine richtig nette und ebenso unkonventionelle Pizzeria eingezogen. Und nur wenige Meter weiter gibt es mit dem Un po‘ di tutto eine Aperitivo-Bar, die seit kurzem sogar bis 22 Uhr geöffnet hat, was für Sendling eher ungewöhnlich ist. Den frischesten Fisch gibt es nebenan bei „Unser Fischmarkt“.

Immer noch fester Bestandteil und gleichzeitig noch besser ins Viertel integriert: Der Großmarkt

Doch es sind nicht nur die teilweise neuen Läden und Lokale, die das Leben im Viertel verglichen mit den Neunzigern heute noch um einiges lebenswerter machen als je zuvor. Neben der Isarnaturalisierung haben die Sendlinger nämlich vor allem von den veränderten Gegebenheiten auf dem Gelände vom Münchner Großmarkt profitiert. Von meiner Wohnung aus schaue ich nicht nur auf die Türme vom Heizkraftwerk, sondern auch auf die ehemalige Wendezone der Lkw aus ganz Europa, die den „Bauch der Stadt“ täglich belieferten.

Und die kamen bis vor rund 15 Jahren morgens ab ca. 5 Uhr beinahe Stoßstange an Stoßstange hereingefahren. Zudem wuselten dutzende von kleinen Gabelstaplern schon vor Anbruch des Tages über das Gelände. Hin und wieder weckte mich sogar ein quietschender Güterzug, der frühmorgens auf dem Gleisende zum Halten kam. Auf der Brücke, über die er auf seinen letzten Metern über die Lagerhausstraße rollte, wartet heute die MS Utting darauf, zur angesagten Kneipe und neben der Gruam zu einem weiteren Anziehungspunkt des Münchner Partyvolks zu werden.

Chance für einen ungewöhnlichen Zuwanderer – das Habitat Mauereidechse

Dort, wo einst die Güterzüge zum Halten kamen und die LKW mit den Gabelstablern um die Wette fuhren, ist heute fast himmlische Ruhe eingekehrt. Eine Chance es sich hier bequem zu machen hat kürzlich die sogenannte Mauereidechse bekommen. Die kam wohl vor vielen Jahren mit den Obstpaletten aus dem Süden in der Großmarkthalle an. Heute ist sie vom Aussterben bedroht, was einige findige Tierschützer auf den Plan rief.

Die erkämpften der mediterranen Eidechse nämlich ein eigenes „Habitat“, damit sie sich wieder vermehren bzw. ansiedeln kann. Heißt für den geplanten neuen Bau der Großmarkthalle, dass sie diesen hintersten Teil des betreffenden Habitats nicht einnehmen darf und vorher enden muss. Ob das Experiment in Sachen Echse glückt, ist noch offen.

Falls ja, hoffe ich, dass sich die Eidechse in meinem Viertel ebenso wohlfühlen wird wie ich seit all den Jahren. Gestern hab ich jedenfalls schon eine in meinem Hof gesehen…

2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Mit den Wohnbaugenossenschaften ist es hier bei uns im Münchner Norden ähnlich. Ich hatte vor 20 Jahren das Glück, als Taxler eine günstige 40 Quadratmeterwohnung zu bekommen. Als Familie haben wir dann hier in der gelichen Gegend und gleichen Genossenschaft eine größere Wohnung bezogen. Geschichtlich ähnlich wie Sendling ist Milbertshofen, Harthof ein altes Münchner Arbeiterviertel.

  2. Pingback: Hommage an Sendling | Flaucherblog

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