Samstags auf dem Viktualienmarkt – wo München ein Dorf ist

Ausgerechnet, denke ich, als ich morgens das Radio anstelle und höre, dass ich für meine kleine Expedition einen Tag gewählt habe, an dem die Innenstadt fest in den Händen feierwütiger FC Bayern-Fans sein würde. Dabei hatte ich mir für diesen Samstag fest vorgenommen, endlich einmal das zu tun, was ich in all den Jahren in München noch nie gemacht habe. Mich schon in aller Herrgottsfrühe aufmachen zum Viktualienmarkt. Beobachten, wie die Marktleute ihre Stände aufbauen, die Atmosphäre des erwachenden Tages genießen, bevor auf diesem morgens und abends so beschaulichen Fleckchen die Massen einfallen. Mich mit einem Frühstück stärken, um mich dann treiben zu lassen, zwischen den Gemüse- und Obstständen, zwischen Münchner Originalen und Touristen, für die ein München-Besuch nicht vollständig ist, ohne den Viktualienmarkt besucht zu haben.

Also nichts wie los. Aus der Herrgottsfrühe wird zwar kurz vor halb neun. Aber ich komme noch rechtzeitig, um den Markt beim Erwachen zuzuschauen. Dort, wo sich die Fußballfans wenige Stunden später dichtgedrängt bei einer Maß, Schweinswürstl und Ochsenbraten die Zeit vertreiben würden, bis auf dem Marienplatz die Meisterschale überreicht wird, herrscht noch gähnende Leere. Auf den Tischen und Bänken des Biergartens sind noch Pfützen vom Regen der letzten Nacht. Nebenan, beim Kleinen Ochsenbrater und in Münchens kleinster Gaststätte, wird bereits gefegt, die Stühle werden aufgestellt, die Tische dekoriert. Man erwarte heute deutlich mehr Gäste, berichten die Kellner, und habe sich gut gewappnet, damit das Bier und das Fleisch nicht ausgehen. Zum Leidwesen von Eva-Maria, die mit ihrem Mann in der Nacht mit dem Autozug von Hamburg angereist ist, hat die Küche leider noch geschlossen. Sie hatten hier auf ein deftiges Frühstück gehofft, der Ochsenbrater ist ihre Lieblingsanlaufstelle, wenn sie in München sind.

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Die Zeichen stehen auf Spargel – Lieblingsrezepte der Standverkäufer

Auch ich wollte eigentlich direkt mit einem Frühstück beginnen, aber tatsächlich haben um diese Uhrzeit die meisten Stände mit Gastronomiebetrieb noch zu. Also drehe ich erst einmal eine kleine Runde und hole mir ein wenig Appetit. Käse aus ganz Europa, exotische Früchte, mediterrane Spezialitäten, frisches Obst und Gemüse, knusprig gebackenes Brot – es gibt hier nichts, was es nicht gibt. An den Gemüseständen stehen die Zeichen voll und ganz auf Spargel. Und Erdbeeren. Ein Paradies für mich. Schade, dass ich abends schon zum Essen verabredet bin, sonst hätte ich sicherlich etwas Leckeres zum Kochen eingekauft. Das werde ich sicherlich bei nächster Gelegenheit nachholen, um die neuen Spargelrezepte auszuprobieren, die ich von den Standverkäufern bekommen habe.

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Thomas vom Obsthof Bucher, das ist der Stand vom Bodensee mit der blauen Ente, empfiehlt mir den Babyspargel. Der sei wunderbar zart und man könne sich mit wenig Aufwand eine köstliche Mahlzeit zaubern. Einfach in der Pfanne langsam goldbraun anbraten, ein wenig Salz und Zucker dazu und fertig. Wer mag, brät noch ein wenig Bacon dazu an oder isst den Spargel zu einem guten Stück Fleisch. Soße brauche man keine bei einem guten Spargel, allenfalls zerlassene Butter, so Thomas. Spargel ist derzeit auch das Lieblingsessen von Marianne, die immer Freitags und Samstags ihrer Freundin am Stand von Alfred Graf Obst und Gemüse aushilft. Bei ihr komme gerade jeden Tag Spargel auf den Teller, ebenfalls am liebsten in der Pfanne gebraten. Dicke Soßen wie eine Hollandaise gibt es bei ihr nicht, die würden nur den Spargelgeschmack übertünchen. Wer unbedingt eine Soße zu seinem Spargel essen möchte, sei mit einer leichten Soße aus fettreduzierter Sahne und Sherry gut bedient.

Frühstücksstammtisch mit Joseph, dem Star vom Viktualienmarkt

Jetzt wird es aber definitiv Zeit für ein Frühstück. Ich steuere Karnoll’s Back- und Kaffeestandl an, bei einer frischen Ausgezogenen und einem Kaffee genieße ich die Sonnenstrahlen an einem der mit Wachstuch gedeckten Stehtische. Eigentlich mag ich ja überhaupt keinen Filterkaffee, aber in dieser Umgebung schmeckt er irgendwie anders. Besser. Und er sei so schön günstig hier, meint die Dame am Nebentisch. Sie sei jeden Morgen hier, seit fünf Jahren. Würde immer dieselben Leute treffen. Mittlerweile sei die Frühstücksrunde auf gut 15 Personen gewachsen. Die meisten wären aus der Vorstadt, kämen ebenfalls jeden Morgen hierher, um Kaffee zu trinken und zu reden. Über die Dinge, die einen im Alltag bewegen, über „Hochzeiten, Krankheiten, Todesfälle“. Jeder sei herzlich willkommen, ich könne auch sehr gerne öfters kommen. Wer weiß, vielleicht schaue ich an einem der nächsten Samstag wieder einmal in der Runde vorbei. Die ist inzwischen so groß geworden, dass auch mein Tisch in Beschlag genommen wird und ich mit einbezogen werde in die Gespräche, in der auch die neuesten Schlagzeilen diskutiert werden: „Hast du schon gelesen, in Moosach haben sie einen Schädel gefunden!“, „Sei froh, dass du ihn nicht gefunden hast!“

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Dann kommt Joseph, der „Star vom Viktualienmarkt“, der mit großem Hallo begrüßt wird. Joseph wohnt im Glockenbachviertel, da sei er bekannt wie ein bunter Hund, erfahre ich. Im wahrsten Sinne des Wortes, denn Joseph ist ein Mops, der aufgeregt hin und her flitzt und seiner Besitzerin immer wieder entwischt. Ich lerne bei dieser Gelegenheit, dass es nicht nur Buggys für Babys, sondern auch für Hunde gibt. Doch Joseph läuft lieber als im Buggy zu fahren, erzählt seine Besitzerin. Spätestens, wenn sie an der Frauenstraße ankommen, werde er ganz unruhig, denn dann wisse er ganz genau, wo es hingeht. Joseph und sein Frauchen – im übrigen beide stylisch zurecht gemacht, wie es sich für echte Glockenbachler gehört zurecht gemacht, er mit blauweißem Hundehalsband, sie in orangefarbener Daunenweste und orangefarbenen Turnschuhen – sind auch Stammgäste hier bei Karnoll’s. Ich versuche, Joseph vor die Linse zu bekommen, doch er entwischt immer wieder. Ich sollte es mit einer Wurst vom Metzgerstand probieren, heißt es. Irgendwann hat Joseph ein Einsehen und posiert für mich. Ich verabschiede mich von der Kaffeerunde und bekomme noch einen Tipp, von welcher Stelle ich am besten den Maibaum fotografieren kann für diesen Artikel. Eine wirklich nette Truppe!

Bei der „Bäckerliesl“ und den Kulissen von „München 7“

Ich schlendere weiter, mein Blick bleibt hängen an einem roten Schild, „Bäckerliesl“. Ich habe Glück und Elisabeth Forstner, die Chefin, steht selber hinter dem Tresen. Seit 1950 verkauft die inzwischen über Achtzigjährige hier bayerische Brotspezialitäten. Am 2. Mai habe sie damals als Verkäuferin hier angefangen, erinnert sich Elisabeth, die trotz ihres Alters nicht ans Aufhören denkt. Sie liebe es hier zu sein, auf dem Viktualienmarkt, auf den sie nichts kommen lasse. „Das ist mein Leben“. Ihre Stammkunden kennt sie alle mit Namen und sie kennt auch deren Vorlieben, beispielsweise wer ein extra dunkel gebackenes Brot möchte. Einer ihrer Stammkunden ist gerade hier, er klinkt sich in unser Gespräch ein. Er kenne die Liesl schon von Anfang an, sie seien zusammen alt geworden, scherzen die beiden. Er würde immer dasselbe hier kaufen, verrät sie mir später mit einem Augenzwinkern. Im Übrigen kaufe auch Bastian Schweinsteiger des öfteren sein Brot hier ein. Und der ein oder andere Schauspieler, zum Beispiel Andreas Giebel.

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Das ist mein Stichwort. Als Krimifan muss ich natürlich in dem Innhof vorbeischauen, der als Kulisse für „München 7“ dient. Der Viktualienmarkt hat sozusagen eine Hauptrolle in der Krimiserie von Franz X. Bogner, in der Andreas Giebel alias Xaver Bartl als „Sheriff vom Marienplatz“ und sein Kollege Florian Karlheim alias Felix Kandler im 7. Revier für Recht und Ordnung sorgen. Wie ich bei der Bäckerliesl erfahre, starten im Juni die Dreharbeiten für die neuen Folgen. Dann verkauft Monika Gruber alias Moni Riemerschmidt wieder Gemüse in dem grünen Häuschen, wo sonst Kartoffeln verkauft werden, direkt neben dem Teestand, dem Teaflower. Dann fetzt sie sich wieder mit ihrer Konkurrentin Christine Neubauer alias Elfie Pollinger, die ihren Stand auf der anderen Seite des kleinen Platzes hat. Das Teaflower wird übrigens als Kulisse mit eingebaut. Zwar behindern die Dreharbeiten ein wenig den normalen Geschäftsbetrieb, weil alles abgeriegelt wird, aber es mache ja auch Spaß, dabei zu sein, meint die Besitzerin des Teestandes. Außerdem habe das Ganze auch einen positiven Nebeneffekt, denn ein Teil der Crew kaufe mittlerweile ihren Tee hier ein.

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Eine gute Idee, ich könnte auch mal wieder einen neuen Tee ausprobieren. Bei der großen Auswahl an feinen Bio-Tees fühle ich mich jedoch etwas überfordert. Lieber einen Golden Nepal Second Flush, einen Badamtam Flugtee oder einen Tarry Souchong Lapsang? Ich erwähne, dass ich gerne indischen Tee trinke und werde an Kevin verwiesen. Der sei gerade erst von einer mehrmonatigen Indienreise zurückgekommen und könnte mir da bestens helfen. Was für ein Zufall. Ich erzählte, dass ich auch mehrere Monate durch Indien gereist sei und erst gerade erst wieder für drei Wochen dort war. Wir tauschten unsere Erfahrungen aus, über dreitägige Zugfahrten in Bummelzügen, die Teeplantagen im kühlen, grünen Munnar und das Chaos im staubig-heißen Neu-Delhi. Ich kaufte schlussendlich keinen indischen Tee sondern einen Grüntee aus Japan. Ich bin gespannt, wie er mir schmeckt.

Wo sind die Gamsbartträger mit der Krachledernen?

Ich bin zwar eigentlich noch satt vom Frühstück, aber ich war ja auch zum Schlemmen hierher gekommen und außerdem ergeben sich immer wieder interessante Gespräche, wenn man irgendwo länger verweilt und man kann so herrlich die Leute beobachten. Also mache ich einen Zwischenstopp bei der Münchner Suppenküche und löffelte eine köstliche Kürbiscurryapfelsuppe. Ein Gedicht! Und wer hier alles herumläuft. Mein Blick bleibt an einem Achtzigerjahreverschnitt hängen, mit graukariertem Sakko, rotem Hemd, bis zum Brustansatz geöffnet, so dass man auch das Goldkettchen sieht, getönter Pilotenbrille und Fönfrisur. Ein Augenschmaus!

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suppenküche

Nur die Gamsbartträger in Krachledernen vermisse ich bisher. Die seien eher im Biergarten zu finden, sagt die Dame aus Haidhausen, die sich mit ihrem giftgrünen Kiwisaft vom Saftstand nebenan zu mir setzt. Dafür treffe ich auf Robert, FC Bayern-Fan aus der Nähe von Würzburg, der sein Trikot mit einer feschen Krachledernen kombiniert und mit seinen Freunden noch in den Englischen Garten will, bevor die Meisterfeier startet. Apropos Fußballfans: In der Zwischenzeit ist der Biergarten zum Bersten voll, rote Trikots soweit das Auge reicht. Besonders gefallen mir die von den Jungs aus Hannover, die ihre eigene Meisterschüssel dabei haben, und die von den Herren am Rand des Biergartens, die auch extra für mich posierten. Man hätte auch bestimmt noch einen Platz für mich am Tisch gehabt, doch ich will noch ein bisschen „Schickimicki-Flair“ atmen, um noch ein paar Vorurteile über das Klientel auf dem Viktualienmarkt zu schüren.

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Anstatt auf einen Nymphenburgsekt im gleichnamigen Zelt entschließe ich mich zu einem Besuch bei Fisch Witte. „If it swims, we have it“ – trotz des verlockenden Mottos beschränke ich mich auf ein Getränk, denn nach einem spontanen Cappuccino- und Florentiner-Boxenstopp mit einer Freundin bei Espresso am Markt bin ich inzwischen mehr als pappsatt. Die Florentiner mit weißer Schokolade sind übrigens eine Wonne! Wobei ich schon ein wenig damit liebäugelte, zur Feier des Tages mal ein paar Austern zu schlürfen. Aber ohne Tisch vielleicht nicht so ganz zu empfehlen und ohne Reservierung geht Samstags um 14.00 Uhr bei Fisch Witte gar nichts. Ich finde aber noch ein Stühlchen vor der Austernbar. Hier kann ich in Ruhe meine Weißweinschorle trinken und den Gesprächen lauschen.

cappuccino

austernbar

Hier wird das Klischee lebendig! Man blinzelt hinter Designersonnenbrillen in die Sonne, kramt in der Designerhandtasche nach dem Designerlippenstift. Überlegt, ob man die Wohnung wohl für 900.000 Euro oder doch nur für 770.000 loswerden wird, ob man nicht doch lieber in einen anderen Fonds investieren soll. Beschwert sich über die pubertierenden Kinder der Freunde, die sich im Skiurlaub in Zermatt so daneben benommen haben. Ich werde kurzzeitig abgelenkt, als ein mindestens siebzigjähriger Herr in bunt bedruckten Designersneakers vorbei läuft. Das gibt es auch nur hier, auf dem Viktualienmarkt, mit seinem bunten Kaleidoskop aus Schickeria und Normalos, Rauhaardackeln und Möpsen, Touris, Münchner Originalen und Zugereisten wie mich. Warum war ich nicht schon öfters hier?

Lieber Viktualienmarkt, du hast eine neuen Fan!

Lieber Viktualienmarkt, es tut mir leid, dass ich dich bisher immer so stiefmütterlich behandelt habe, das wird sich ab sofort ändern! Wenn man sich ein wenig Zeit nimmt, stellt man fest, wie gemütlich es doch zugeht bei dir, wie auf einem Wochenmarkt auf dem Land, trotz des geschäftigen Treibens. Ich werde sicherlich bald wiederkommen. Schließlich habe ich ja noch eine Einladung von der Kaffeerunde bei Karnoll’s. Außerdem habe ich noch lange nicht alle Köstlichkeiten probiert, die es bei dir gibt. Mir fehlt zum Beispiel noch der Holunderapfelsaft am ältesten Saftstand und eine Rosswurst bei Kaspar Wörle. Und dann ist da noch das Käseparadies bei Lupper. Bis bald!

Mehr Infos über den Viktualienmarkt findet Ihr bei muenchen.de!

P.S. Wer nachlesen möchte, welche Köstlichkeiten ich auf meiner Indien-Reise gespeist habe, schaut einfach mal bei www.travelingtheworld72.de vorbei!

7 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Toll recherchiert, das macht gleich Lust auf einen Kaffee bei Karnoll, eine lecker Suppe und eine neue Folge…denn über den Viktualienmarkt gibt es noch so einiges zu berichten 🙂

  2. Herrlich, ich liebe es auf dem Viktualienmarkt 🙂 Es herrscht dort eine ganz eigene Stimmung, ganz anders als z.B. auf dem Fischmarkt in meiner Heimatstadt Hamburg. Es ist wunderbar: so gemütlich, ein bisschen provinziell und dennoch irgendwie sehr demokratisch und bunt – München eben.

  3. Pingback: Wohnen in der Stadtmitte: Zwischen Marienplatz und Hofbräuhaus › Münchner Momente. Das Blog des offiziellen Stadtportals.

  4. Als ich noch jährlich nach München kam, war der Viktualienmarkt Kult für mich.
    Musste mindestens einmal dort gewesen sein.
    Schmunzelnd über Alexandra Latteks Bericht sitze ich nun hier, denn ich kenne
    den Fischmarkt in Hamburg auch. Meine Seele schlägt für beide Städte.

  5. Was für ein wunderbarer Beitrag. Ich fahre auch oft sehr früh nach München und sehe zu, wie der Viktualienmarkt geöffnet wird. Nichts ist entspannender als dort zuzusehen, vor sich natürlich eine Tasse Cappuchino.

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