Hidden Treasures: Das Dorf im Dorf

Ich laufe durch kleine Wege. Links und rechts von mir stehen Häuser. Eins neben dem anderen, die Türen grün gestrichen, davor stehen Blumenkästen. Ich folge den grünen Rohren, die mir in dreieinhalb Meter Höhe den Weg weisen. Den Weg zur Nadistraße.

Neo Nadi war ein italienischer Sportler, der von 1894 bis 1940 gelebt hat. Sechs Mal hat er bei den Olympischen Spielen Gold gewonnen im Florett- und Säbelfechten. Das erste Mal 1912 in Stockholm mit gerade mal 18 Jahren. Danach wurde er nur noch das Wunderkind des Fechtens genannt.

Warum ich ausgerechnet den grünen Rohren folge? Ich weiß es nicht. Vielleicht, weil grün eine meiner Lieblingsfarben ist. Blau hätte mich in die Connollystraße geführt, benannt nach James Connolly, dem ersten Olympiasieger der Neuzeit (1896).

 

Dem olympischen Geist auf der Spur

Wo ich bin? Im Olympischen Dorf, das anlässlich der Olympischen Spiele 1972 in München gebaut wurde. Heute ist es eine eigene Wohnsiedlung. Eine Mischung aus hohen Wohnanlagen, kleinen Häusern und Bungalows. Entworfen, als „Stadt in der Stadt“, erscheint es mir eher wie ein eigenes Dorf in unserem großen Dorf München.

Über 6.000 Leute wohnen heute im Olympischen Dorf, darunter viele Familien. Es gibt kleine Läden, Cafés, eine Grundschule und einen Kindergarten. Ich frage mich, ob der Geist der Sportler noch in den Wohnungen zu spüren ist, traue mich aber nicht, jemanden zu fragen.

Schließlich lande ich am Nadisee – Münchens kleinstem Badesee. Im Wasser ist niemand, obwohl es ein heißer Tag ist, und auch ich hänge nur meine Füße rein, genieße die Ruhe und kühle mich etwas ab.

Derweil erkunden meine Freunde den Keller des Olympischen Dorfes – eine riesige Tiefgarage, die das Straßensystem darstellt. Denn die Oberfläche ist komplett autofrei: Ein Traum für alle Kinder, die in den Straßen einfach spielen können, ohne auf Autos achten zu müssen. 

Meine Freunde schließen auf, und wir laufen weiter.

Im Wirrwarr der Gassen

Längst haben wir uns in den kleinen Gassen des Dorfes verloren, die Rohre weisen uns nicht länger den Weg, stattdessen lassen wir uns treiben, saugen den Duft der Vergangenheit ein, studieren die Schilder an den Häusern, und fragen uns, wer die Sportler hinter den Namen sind, die auf Tafeln an den Häusern befestigt verewigt wurden.

Wir erreichen das ehemalige Frauendorf. Kleine Bungalows, die heute von Studenten bewohnt werden. Sofort stechen uns die bunten Bemalungen ins Auge. Die Villa Bavaria ist hier zu finden, Mogli und Balu probieren es mit Gemütlichkeit, eine eigene, kleine Galerie mit Kunstwerken ist zu sehen, Einhörner, Palmen, Simba und seine Freunde – alles ist bunt und farbenfroh und schön. Die Studenten können ihre Häuser selbst bemalen, und viele haben ihrer Kreativität freien Lauf gelassen.

Asiatische Touristen laufen mit offenem Mund durch die kleinen Gassen, und auch wir kommen aus dem Staunen nicht heraus.

Ausschnitte aus unserem Besuch im Olympischen Dorf von Snapchat. Folgt uns für mehr München-Inhalte: muenchen_de

18 Quadratmeter groß sind die Bungalows, inklusive Balkon – das verrät uns einer der Stundenten. Er erklärt uns außerdem, dass sie die Häuser nicht überstreichen müssen bei ihrem Auszug, sie aber neu bemalen dürfen, wenn sie einziehen. Seines beispielsweise habe er nicht selbst verziert, sagt er, und wir alle grinsen, als wir auf die Hello Kitty Bemalung seines Bungalows gucken.

Schließlich verlassen wir das Olympische Dorf wieder, laufen den Weg der Sportler durch den Park Richtung Olympiastadion, stellen uns vor, die Fackel zu tragen und damit einzulaufen, während die Mengen uns zujubeln.

Ich werfe noch mal einen Blick zurück auf die Gebäude mit ihren begrünten Terrassen, die langsam hinter den Bäumen verschwinden, sich mit all ihrer Pracht und Buntheit verstecken, unsichtbar machen vor den Augen der Spaziergänger. Dann geht es weiter durch den Park, am See vorbei, und in meinem Kopf ploppt der Gedanke auf: München – du wunderbare Stadt voller geheimer Juwelen!

Anfahrt Olympisches Dorf
Am besten mit dem Radl kommen oder mit der U3 bis Olympiazentrum fahren und dort den Schildern folgen.

Fotocredits: Maximilan Ehlers & Stefan Meier

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