Obermenzing – das Dorf in der Stadt, vom Küchenfenster in den Hof

Mein Küchenfenster ist das Fenster zum Hof.
Obermenzing - Leben auf dem Dorf in der Stadt: Schloss BlutenburgWenn ich koche oder abspüle, sehe ich, was meine Nachbarn machen. Nein, ich beobachte sie nicht. Ich sehe sie zwangsläufig, weil das Nachbarhaus sehr dicht an meinem steht. Vergangenen Sommer zum Beispiel sägte der älteste Sohn einer Familie im Erdgeschoss mit einer elektrischen Säge zwei Stunden an einem zierlichen Apfelbaum. Anschließend rumpelte die Mutter mit der Biotonne durch den Garten, um den zerkleinerten Baum hineinzustopfen. Oder der alleinstehende Mann, Mitte 40, im ersten Stock, der sich um 23.00 Uhr seine Stirnlampe um den Kopf schnallt, um seine Balkonpflanzen umzutopfen. Und nicht zu vergessen der Nachbar aus dem Dachgeschoss, der  mit Zigarette im Mundwinkel und nur mit einer Pyjamahose bekleidet nachts auf dem Balkon steht und seine Fenster mit einer Mag-Lite-Taschenlampe bestrahlt, um zu prüfen, ob die Jalousien blickdicht sind.

Obwohl in Obermenzing überwiegend Einwohner mit einem Hochschulabschluss leben, ist es nicht annähernd so versnobt, wie man meinen könnte. Heute leben rund 23.000 Einwohner in dem Stadtteil, der gemeinsam mit Pasing den 21. Stadtbezirk bildet. Ursprünglich war Obermenzing eine ländliche Gemeinde – ein Dorf, in dem Fischer und Bauern lebten. 1892 begann August Exter mit dem Bau der Villenkolonie Neupasing I, acht Jahre später stellte die Terraingesellschaft Neu-Westend AG Neupasing II fertig. Immer mehr Bildungsbürger bezogen die Villen im Westen. 1938 wurde Obermenzing von den Nationalsozialisten zwangseingemeindet. Die ‚Hauptstadt der Bewegung‘ sollte eine der größten Städte des Reiches werden. Die alten Obermenzinger ärgern sich darüber bis heute. Obermenzinger sind eben keine Münchner.

Das Schloss im Dorf
Die grüne Lunge von Obermenzing ist der Durchblick – ein Park, in dem die Obermenzinger morgens um 6.30 Uhr eisern joggen, mit schwingenden Stöcken walken oder mit roten Plastiktüten hinter ihren Vierbeinern herstolpern. Auf dem Basketballplatz werfen Jugendliche Körbe, auf dem Bolzplatz schießen Jungs mit ihren Vätern ein paar Tore und auf den Tischtennisplatten tuscheln junge Mädchen. Unterhalb des Kletterbaums in der Mitte des Parks glänzen Fahrräder in der Sonne. Kinder klettern wie Äffchen in dem breiten Geäst und linsen durch die Baumkrone. Auf den Holzbänken hocken alte Männer, die in der linken Hand eine Flasche Bier, in der rechten einen Zigarillo und ihr Gesicht in die Sonne halten. Während ihre Gattinnen beim Kaffeeklatsch schnattern, verständigen sich die Männer nur alle sechs Minuten mit undefinierbaren Brummlauten.

Der Durchblick reicht von der S-Bahn-Linie S2 bis zum Schloss Blutenburg, dem Wahrzeichen von Obermenzing. Das Schloss wurde im 13. Jahrhundert als Wasserburg erbaut. Von 1866 bis 1957 pachtete es das Institut der Englischen Fräulein – ein Frauenorden, der sich für die Mädchenbildung einsetzte. Anschließend diente es den Schwestern des Dritten Ordens als Altersruhesitz und war da bereits nahe dem Verfall. Engagierte Bürger gründeten 1974 den „Verein der Freunde Schloss Blutenburg e.V.“, dem die umfangreiche Sanierung des Schlosses zu verdanken ist und die jährlich das Ramadama organisieren. Die aufwendigen Aus- und Umbauarbeiten wurden 1983 abgeschlossen. Schräg gegenüber der Blutenburg, hinter Bäumen versteckt, liegt das russisch-orthodoxe Kloster des Heiligen Hiob von Potschajew. Russische Mönche, die nach der Oktoberrevolution aus Russland geflohen waren, gründeten dieses Kloster 1926 in der Ostslowakei. In den 1940er-Jahren flohen sie erneut vor der Roten Armee nach Westen und gründeten ihr Kloster 1945 in München neu. Heute leben in diesem Kloster 10 Mönche, die jeden zu einem Gottesdienst und einem gemeinsamen Essen einladen.

Schweinebraten hält Leib und Seele zusammen
Wenn meine Freunde aus Norddeutschland zu Besuch kommen, pilgern wir zum Alten Wirt. Wir ziehen die schwere Eingangstür auf und schlüpfen durch die weinroten Vorhänge, die als Windfang dienen. Uralte Holzbohlen seufzen unter unseren Schritten. Dicke Mauern und dunkle Holzvertäfelungen strahlen Wärme und Gemütlichkeit aus. Das alte Gemäuer blickt auf eine gut 600-jährige Geschichte zurück. Denn: Der Alte Wirt ist das älteste Wirtshaus auf heutigem Münchner Stadtgebiet, mit dem schönsten Biergarten, den besten traditionellen Gerichten und den schlagfertigsten Bedienungen.

Die Nordlichter bestellen Schweinebraten mit Knödeln, Alsterwasser und eine „Watsch´n“. Weil sie das Wort so mögen. Und sie bekommen immer, was sie bestellen. Doch die Damen im Dirndl sind nicht nur schlagfertig, sie sind auch wie Mütter, die sich liebevoll um ihre Gäste kümmern. Wie jeder Stammgast habe auch ich meine Lieblingsbedienung. An Tagen, an denen ich erschöpft oder erfolglos (oder beides) bin, bringt sie mir eine Extraportion Soße und scherzt so lange mit mir, bis der Rest vergessen ist. An Tagen, an denen ich traurig bin, drückt sie mich an sich, flüstert mir „Des wiad scho´ wieda wean“ ins Ohr und schiebt mir dampfendes Essen unter die Nase. Schweinebraten hält halt doch Leib und Seele zusammen.

3 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Auch wenn ich selbst nur Besucher bin und kein Einwohner, empfinde ich Obermenzig auch immer als Dorf und habe ganz oft nicht im Entferntesten das Gefühl, in München zu sein! Und deshalb eine sehr treffende Beschreibung der Eigenheiten eines schönes Fleckchens!

  2. Leider geht der Charakter einer Gartenvorstadt langsam verloren. Durch die allgegenwärtige „Nachverdichtung“ werden die „Fenster zum Hof“ wohl zunehmen, schade! Ich selbst bin noch über Felder zur Grandlschule gelaufen, damals war Obermenzing wirklich ein Dorf. Am Alten Wirt gab es den Dorfanger mit einer uralten Linde und der Maibaum hatte noch viel Platz. Aber der Artikel spricht mir aus der Seele, denn, trotz allem lebt es sich hier prima und Obermenzing ist tatsächlich eine Oase in der großen Stadt

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