Nackerte, Zamperl, Weißwurst & Co

Im Hofbräuhaus c Hofbräuhaus/BBMC Tobias Ranzinger

Jeder kennt sie: die typischen München-Klischees. Unsere Autorin Margot Weber hat die Top Five dieser Isar-Gerüchte mal einem Realitätscheck unterzogen.

1. Der englische Garten ist voller Nackerter!
Früher stand es als „Nicht versäumen!“-Tipp in jedem Reiseführer: Studenten, Studentinnen, Familien, Hippies und Alt-68er – halb München läge in den Sommermonaten hüllenlos im Englischen Garten im Gras. Was dazu führte, dass scharenweise Touristen auf der Suche nach ein bisschen Live-Nudismus zwischen Monopteros und Kleinhesseloher See umherirrten. Ich selber habe, als ich Ende der 80er-Jahre nach München zog, diese Anhänger der Freikörperkultur noch in großer Zahl erlebt. Doch schon damals waren die FKK-Fans – weit mehr Männer als Frauen übrigens ­– fast alle um die 40. Die Zeit vertrieben sie sich mit Frisbee-Spielen, was nur begrenzt erfreulich anzusehen war. Doch das ist lange her. Mittlerweile sind die Spät-Hippies alle um die 70. Im Englischen Garten sind sie schon ein paar Jahre nicht mehr. Und der Studi von heute sonnt sich lieber in Bikini oder Badehose. Sorry, liebe Touristen! Fazit: Stimmt nicht (mehr)!

2. Ein echter Münchner zuzelt seine Weißwurst!
Kleine Übersetzung für Zuagroaste: „zuzeln“ bedeutet auf hochdeutsch „aussaugen“. Eine uralte bayerische Tradition. Das Problem ist allerdings: Nicht nur Neu-Münchner finden das heutzutage eher unästhetisch anzusehen. Die Konsequenz: Immer mehr einheimische Wirte beobachten, dass bei der Weißwurst mittlerweile fast alle Gäste freiwillig zu Messer und Gabel greifen und die Wurst beherzt der Länge nach aufschneiden. So zuzelt beispielsweise der Wiesn-Wirt Christian Schottenhamel („Löwenbräukeller“) selber auch nicht. Seine Erfahrung zudem: „Unter meinen Gästen ist es unpopulär geworden.“ Metzgermeister Werner Braun, Obermeister der Metzger-Innung Dachau-Freising, gibt übrigens Weißwurst-Seminare, auf denen er unter anderem die zeitgemäße Art und Weise des Weißwurst-Essens lehrt. Wie die aussieht? Die Wurst seitlich anstechen, diagonal anschneiden und schließlich mit der Gabel aus der Haut drehen („Kreuzschnitt“). Doch egal, ob Sie nun zuzeln oder schneiden: an Guadn! Fazit: Das war einmal…

3. In München gibt’s immer weißblauen Himmel!
Und in Hamburg regnet es Hund und Katz! Und in Berlin ist es wegen des kalten Ostwinds zwischen November und Februar jeden Tag eisgrau und bitterkalt! Ja, so sind sie, die Klischees. Nicht totzukriegen. Allerdings: Manchmal stimmen die gefühlten Wahrheiten auch mit der Realität überein. München sei in der Tat sonniger als Hamburg oder Berlin, sagen die Meteorologen. Aber nur ein bisschen: Im Durchschnitt scheint die Sonne an der Isar täglich 15 Minuten länger als an der Elbe und 20 Minuten länger als an der Spree. Fazit: Naja, immer? Aber zumindest mehr als anderswo!

4. München ist eine „Zamperl“-Metropole! Angemeldet sind in der Stadt rund 32.000 Hunde. Der Tierschutzverein schätzt die Zahl der Zamperl in Stadt und Landkreis hingegen sogar auf rund 45.000, was der Wahrheit eher näherkommen dürfte. Aber: Ist das nun viel oder wenig? Sagen wir mal so: In Hamburg sind offiziell knapp 70.000 Hunde registriert, und die Dunkelziffer dort dürfte noch weit höher liegen. Übrigens: Woher das Wort „Zamperl“ kommt? Sprachwissenschaftler vertreten mittlerweile die These, dass es über die Alpen an die Isar kam, genauer gesagt: aus Italien. „Zampa“ bedeutet „Pfote“, und „Zamperl“ sind, wenn man es ganz genau nimmt, insofern natürlich nicht alle Hunde, sondern nur die kleinen und lebhaften. Fazit: Echte „Zamperl“ gibt’s natürlich nur an der Isar – weit mehr Hunde allerdings in Hamburg!

5. Echte Münchner gehen nicht ins Hofbräuhaus! Lange Zeit war das tatsächlich so. Und das begann schon mit dem Platzl davor, denn auch der war für viele Münchner No-Go-Area – heruntergekommen und schmutzig. Dann, 2003, zog Sternekoch Alfons Schuhbeck dorthin. Er übernahm zunächst die „Südtiroler Stuben“, schließlich das Orlandohaus. Mittlerweile betreibt er hier, im historischen Herzen der Stadt, einen Eissalon, einen Schokoladenladen, einen Teeladen, seinen Partyservice, die Orlando Bar sowie eine Kochschule und einen Gewürzladen. Das Platzl wurde schick. Und im Hofbräuhaus vollzog sich der Generationswechsel 2004, also fast zeitgleich: Damals traten die Brüder Wolfgang und Michael Sperger die Leitung an, entrümpelten die Speisekarte, ersetzen die volkstümliche Musik durch authentische Volksmusik und schafften zweifelhafte Show-Events wie Bierkrugstemm-Wettbewerbe gleich ganz ab. Wer schafkopfen will, ist hingegen gern gesehen.

Das Motto: Zurück zu den Wurzeln als ur-münchnerisches Traditionsbierhaus. Und das Resultat? Seit einigen Jahren wächst die Zahl der Stammgäste und Stammtische beständig. 130 Stammtische zählen die Spergers mittlerweile und verweisen stolz auf etwa 3500 Stammgäste. Die seien, so die Brüder, das „Herz des Hauses“. Jeder Stammgast hat seine Stammgast-Ehrenkarte und seinen eigenen HB-Bierkrug. Und damit sich die Münchner bei ihnen wieder so richtig wohlfühlen können, werden auch ganz bewusst Rituale aus alten Zeiten wieder zum Leben erweckt. So ist es neuerdings am Stammtisch Brauch, seine Maß nicht mit barer Münze, sondern, wie in den Anfängen des herzoglichen Brauhauses, mit Bierzeichen zu bezahlen. Fazit: Sowas von falsch!

13 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Sehr schön – ob Zuzln, Kreuzschnitt oder sonstige Varianten der Weißwuaschdverzehrung 🙂
    Ob in englich, deutsch oder japanisch.

  2. Hallo!
    Sehr schöner Artikel – vielen Dank!
    Dennoch muss ich mich als waschechte Münchnerin etwas dazu äußern:
    Dass Schuhbeck das gesamte Herz von München in einen gigantischen Kommerztempel verwandelt hat, sollte eigentlich nicht als besonders schön dargestellt werden! Es gibt kein live- Kabaret mehr, dafür Gewürze aus aller Herren Länder….was bitte hat denn das mit München zu tun?? Schuhbeck hat aus dem Platz einen neutralen Ort gemacht, der leider austauschbar ist – sehr schade!!
    Schuhbeck ist in München omnipotent anwesend, egal ob im Fernsehen oder im Radio oder in der Buchhandlung oder….
    Gerade in diesem sehr sensiblen Teil der Stadt, den wirklich fast alle Touristen besuchen, wäre ein authentisches Stück München wesentlich wünschenswerter!
    Übrigens: das Hofbräuhaus hat einen ganze entzückenden „Mini“-Biergarten – der ist wirklich eine Empfehlung wert!!

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