Wo München noch ein Dorf ist: Entdeckungen in den Vierteln Perlach, Ramersdorf, Sendling

München offenbart sich an einigen Orten noch als Dorf. Wo kann man in der Stadt Dorf-Flair und damit eine Portion Entschleunigung am schönsten erleben?

Perlach

Der Bach plätschert und die Vögel zwitschern, während Du gemütlich an historischen Bauernhäusern mit bunten Fensterläden entlang schlenderst. Gerade hast Du einen Traktor abbiegen sehen. In den typisch bayerischen Wirtshäusern sieht man Leute in Tracht und Gamsbart sitzen. Seitlich zweigt eine enge Gasse ab und nah der kleinen Barockkirche findet gerade ein winziger Bauernmarkt statt. Man kennt sich, grüßt und hält gerne einen kleinen Plausch. Du denkst, Du bist in einem bayerischen Dorf? Fast richtig. Das ist Altperlach. Ein gefühltes Dorf, aber auf Münchner Stadtgebiet.

Gleich vorweg: Altperlach ist meine neue Wahlheimat. Nirgendwo sonst habe ich das dörfliche München so lebendig erlebt. Hier ist das Lebenstempo noch gemütlich. Wenn ich abends von einem Arbeitstag nach Hause komme, fühle ich mich wie im Urlaub. Man kann einfach durchatmen. Die Einwohner identifizieren sich mit ihrem Perlach, ihrem Dorf. Es gibt typisch ländliche Strukturen wie z.B. ein reges Vereinsleben. Umso unglaublicher ist es, dass Perlach bereits 1930 in München eingemeindet wurde.

Mein Lieblingsort im ehemaligen Dorf ist der Pfanzeltplatz mit seinem idyllischen Hachinger Bach und den vielen Bäumen. Besonders mag ich ihn am Samstagmorgen, wenn ich das gemütliche Flair des kleinen Bauernmarktes in mich aufsauge, während ich dort einen Kaffee trinke.

Ramersdorf

Nah an der Grenze zu Perlach liegt ein wunderschön erhaltenes Ensemble dörflicher Architektur: der markante Zwiebelturm der Wallfahrtskirche Maia Ramersdorf, ein schöner Maibaum und eines der ältesten Wirtshäuser Münchens mit einem malerischen Biergarten. Die Wallfahrer machten bereits in früheren Zeiten in der sog. „Pierzäpflerei“ Halt, wenn sie zur Kirche pilgerten. Ramersdorf gehört zu Bayerns ältesten Wallfahrtsorten. Es ist älter als München und wurde bereits im 11. Jahrhundert n.Chr. urkundlich erwähnt. Doch man vermutet, dass bereits im 8. Jhdt. an der heutigen Stelle ein Kirchenbau stand.  Die meisten Münchner dürften die ins Auge fallende Kirche von der Auffahrt auf die Autobahn A8 kennen. Wenn man von außerhalb nach München kommt, weiß man beim Anblick des imposanten Kirchturms nicht, ob man nun in einem Dorf oder in einer Millionenstadt gelandet ist. Es empfiehlt sich, im alten Dorfkern Ramersdorfs einmal auszusteigen und das Innere der Kirche zu bewundern: klein, aber extrem fein. Die barock- goldene Pracht mit vielen schönen Details und Kunstschätzen ist überwältigend und ein oft übersehenes Juwel.

Sendling

Rund um den Stemmerhof sieht Sendling trotz moderner Shops noch wie ein Dorf aus.

Der Stemmerhof war der letzte Milch erzeugende Bauernhof im Münchener Stadtgebiet. Noch bis Anfang der 90er Jahre weideten dort Kühe. Heute findet man dort einen Bioladen, Bistros und kleine Geschäfte vor. Auf der Stemmerwiese – eine Oase in der Großstadt –  sieht es immer noch sehr idyllisch aus. In Sendling gibt es einen Kulturverein, der sich hingebungsvoll um das kulturelle Erbe kümmert. Hier gibt es Fotoausstellungen und andere Aktivitäten. Auch das alte Sendling stellt ein wunderbar ästhetisches Ensemble dar: Kirche, Maibaum und eben der Stemmerhof.  Man kann sich kaum vorstellen, dass ganz nah der belebte Harras liegt und der dichte Verkehr der stark befahrenen Plinganserstraße vorbeibraust.

Am Ende meiner kleinen Erkundungstour kehre ich inspiriert in den beschaulichen Innenhof des Café Schuntner ein, das es schon seit 1947 gibt. Nach meiner Auszeit in so viel dörflicher Idylle fällt es gar nicht leicht, wieder in die Hektik der Millionenstadt einzutauchen. Aber Vielfalt ist das, was München ausmacht. Sie ermöglicht mir auch als Eingeborene, immer wieder Überraschungen zu erleben.

Wo wird für Euch in München die dörfliche Vergangenheit am schönsten lebendig? Erzählt gerne mehr über Eure Erfahrungen in einem Kommentar.

9 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Ich mag Perlach auch sehr, finde es aber unfassbar und sehr sehr schade, dass für den Neubau an der Ecke Sebastian-Bauer-Straße / Schneckestraße das alte Bauernhaus abgerissen wurde. Da hängt man Schilder mit Jahreszahlen an die Häuser und ist stolz auf seinen alten Ortskern und gibt ihn gleichzeitig so leichtfertig her. Hätte man nur die Scheune und den Stall abgerissen, wäre genug Platz für einen Neubau gewesen – das alte Bauernhaus hätte man dann schön herrichten können.
    Auf Google Street View sieht man das Haus noch – inkl. dem Schild „Bachschneiderhaus 1857“ 🙁

  2. Das dritte Bild oben, das vermutlich den Stemmerhof im Winter zeigen soll, ist nicht das schöne Anwesen in Sendling, sondern ein ehemaliges Bauernhaus in Perlach: dort wo sich Holzwiesen- und Schmidbauerstraße treffen, bei der Einmündung der Hofmarkstraße. Auch ein schönes Bild!

  3. In Hadern lässt u.a. die Heiglhofstraße mit mehreren ehemaligen Bauernanwesen und der St.Peter-Kirche noch etwas dörfliches Flair erahnen

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