Foto: Nagy/Presseamt München

Münchner Lebensgefühl

Vor ein paar Wochen hat mich ein Freund aus Berlin gefragt, was ich an München so schön finde. Spontan habe ich ihm geantwortet: „Das Lebensgefühl.“ Doch das reichte ihm nicht. Er wollte Fakten, besondere Orte, Erlebnisse – etwas Handfestes eben. Und weil er nicht locker ließ, habe ich ihm meine ganz persönliche Liste von Orten, Veranstaltungen und Begebenheiten zusammengestellt, die für mich im Laufe eines Jahres das Münchner Lebensgefühl ausmachen:

 

Montags Einkaufen in der Fußgängerzone

Eine Erhebung beweist, was alle Münchner längst wissen: Die Fußgängerzone in München ist samstags die am stärksten frequentierteste Einkaufsstraße in ganz Deutschland. An einem durchschnittlichen Samstag laufen 15 000 Passanten pro Stunde durch die Kaufingerstraße. Das ist auch der Grund, warum ich dort möglichst nur montags vormittags zum Einkaufen gehe. Dann sind nämlich die 15 000 Passanten vom Samstag an ihrem Arbeitsplatz oder in der Schule und gemeinsam mit noch ein paar anderen, azyklisch arbeitenden Menschen lässt es sich dann ganz entspannt durch die Geschäfte bummeln.

 

In der Trambahn mit fremden Menschen granteln

Die Münchner sind grantig – behaupten viele Nichtmünchner. Manchmal stimmt das auch, aber meistens haben wir einen guten Grund, grantig zu sein. Und den erfährt man recht schnell, wenn man in der Trambahn sitzt und ganz ungezwungen ins Gespräch kommt. Dann kann ich mich gemeinsam mit wildfremden Menschen über die Verspätungen im öffentlichen Personennahverkehr aufregen, jammere über das schwüle Wetter und die gesteckt volle Trambahn. Und wenn man dann dem allgemeinen Frust ein bisschen Luft gemacht hat, fühlt man sich beim Aussteigen gleich viel besser.

 

An einem Samstag im Mai: Hofflohmarkt in Schwabing

Ich liebe Flohmärkte und bislang war der Riesenflohmarkt auf der Theresienwiese mein Favorit unter den Münchner Flohmärkten. In diesem Jahr war ich zum ersten Mal in Schwabing auf dem Hofflohmarkt und jetzt weiß ich – die Schwabinger sind richtige Flohmarkt-Enthusiasten. Einmal im Jahr sperren sie ihre Hinterhöfe auf, räumen alles, was sie nicht mehr brauchen in den Hof oder vor das Haus und verbringen zusammen mit ihren Nachbarn, Bekannten und mit der vorbei flanierenden Flohmarktkundschaft einen launigen Tag. Der angenehme Nebeneffekt: Man lernt tolle Wohnhäuser kennen, nette Leute und wenn man sehr großes Glück hat, findet man neben netten Krimskrams im Vorbeigehen – ganz unter der Hand natürlich – auch noch eine neue Wohnung.

 

Die Eisbachwelle an einem heißen Sommertag

Nagy/Presseamt München

Der Eisbach im Englischen Garten

Einer der buchstäblich coolsten Spots in München ist an einem heißen Sommertag die Eisbachwelle. Von der kleinen Brücke an der Prinzregentenstraße aus hat man den besten Blick auf die Münchner-Surf-Szene. Viele lässige Jungs und ein paar sehr coole Mädels werfen ihre Bretter in die stehende Welle und versuchen sich so lange wie möglich zu halten, bis irgendwann jeder in das eiskalte Wasser abtauchen muss. Sieht easy aus, ist aber wirklich nichts für Anfänger. Gemeinsam mit anderen Nicht-Surfern hänge ich meine Beine ein paar Meter weiter unten in den Eisbach und frage mich, wie man bei der Wassertemperatur mit dem ganzen Körper untertauchen kann.

Nachmittags im Biergarten am Chinesischen Turm

Einen Katzensprung von den Eisbach-Surfern entfernt, liegt einer meiner liebsten Biergärten in München: Der Biergarten am Chinesischen Turm. Für mich hat dieser Biergarten alles, was ein perfekter Biergarten braucht: Schatten spendende Bäume, einen frischen Steckerlfisch, Tische an denen man auch seine eigene Brotzeit mitnehmen darf und als Krönung Live-Blasmusik aus dem Turm. Und wer bei aller Biergartenidylle eine Maß zu viel getrunken hat, der kann sich auch noch mit einer Radl-Rikscha nach Hause fahren lassen.

Ein Sonntag im Deutschen Museum

Foto: Dagmar Fritz

Der Faradaysche Käfig im Deutschen Museum

Wenn sonntags richtig schlechtes Wetter ist, gehe ich gerne ins Bergwerk. Schon als Kind hat mich das Bergwerk im Deutschen Museum fasziniert. Mit der Holzrutsche und den abgebildeten blinden Pferden, die ihr Leben lang unter Tage die schweren Loren ziehen mussten. Und wenn man rechtzeitig aus dem engen Stollen ans Tageslicht kommt, erlebt man in der Starkstrom-Abteilung noch eine elektrisierende Vorführung: In einem Faradayschen Käfig wird dreimal täglich eine Person in die Höhe gezogen und die Metall-Kugel mit lauten Blitzen und tausenden von Volt spektakulär unter Strom gesetzt. Danach verlässt die Person jedes Mal unbeschadet den „sichersten Ort Münchens“.

Zum Mittagessen auf den Viktualienmarkt

Foto: Nagy/ Presseamt München

Brotzeit am Viktualienmarkt

Lange bevor amerikanische Imbiss-Ketten ihre ersten Filialen in München eröffneten, hatten die Münchner schon ihr längst ihr eigenes Fast Food auf dem Viktualienmarkt: In der Metzgerzeile eine schnell Leberkäs-Semmel auf die Hand, eine Schale voll frischer Himbeeren und ein Stück saftige Melone von einem Obststandl oder ein resches Grillhendl im Biergarten. Ich persönlich kann mittags nicht über den Viktualienmarkt gehen, ohne mir eine frische Fischsemmel zu kaufen – mit viel Zwiebeln bitte!

 

Vormittags auf die Wiesn

Nagy/Presseamt München

Die Wiesn: Beleuchtetes Spektakel

Die Wiesn gehört für mich wie Ostern und Weihnachten zum Jahreslauf. Deshalb muss ich auch mindestens einmal im Jahr hinaus aufs Oktoberfest. Abends, wenn die Fahrgeschäfte ihre bunte Beleuchtung einschalten, wird die Wiesn zum international besuchten Spektakel. Doch vormittags, gegen 11 Uhr, wenn die Wiesn erwacht, ist sie ein Traum. Die Schaustellergassen sind dann noch sauber, die Besucher noch nüchtern und vor den Fahrgeschäften gibt es noch kein Gedränge. Ganz entspannt lässt sich dann durch die Festzeltgasse schlendern und mit etwas Glück bekommt man auch noch einen Sitzplatz im Zelt.

Im Advent ein Besuch auf dem Winter-Tollwood

Wie ein gestrandetes Ufo liegen die riesigen Zelte des Tollwood-Festivals in der Adventszeit auf der Theresienwiese. Ein bunter Jahrmarkt aus Kreativ-Krimskrams, Ethno-Klamotten, Silberschmiede-Schmuck, Alternativ-Körnerkissen und Bio-Falafel-Burger erwartet die Besucher und dazwischen Stelzengeher, grell beleuchtete Kunstinstallationen und World-Musik. Da die Stände jedes Jahr ein bisschen anders verteilt sind, suche ich immer nach dem Feuerzangenbowle-Stand. Ihn umgibt meistens eine Traube von Menschen, so als wollten sich alle eng zusammenkuscheln, um sich zu wärmen – dabei erledigt das die Feuerzangenbowle mit einem ordentlichen Schuss Rum schon von ganz alleine.

Der Friedensengel in der Sylvesternacht

Nagy/Presseamt München

Der Friedensengel

Einen unvergesslichen Jahreswechsel verbrachte ich mit Freunden am Friedensengel. Von dort oben hat man in einer klaren Sylvesternacht einen schönen Blick vom Isarhochufer über das Feuerwerk in der Innenstadt. Gemeinsam mit Freunden und Unbekannt stößt man auf das neue Jahr an, umarmt sich, wünscht sich das Beste, nimmt sich Sachen vor, die man dann doch nicht lange durchhält und fragt sich, was das junge Jahr wohl mit einem vor hat.

 

P.S.: Mein Bekannter aus Berlin hat mir jetzt verraten, warum er das mit dem Münchner Lebensgefühl so genau wissen wollte: Er hatte ein Jobangebot in München. Im Herbst wird er  von der Spree an die Isar ziehen.

6 Kommentare Schreibe einen Kommentar

    • Schöner Text. Ich bin zwar eher ein Freund des Nordens (Lübeck , Neustadt oder Bad Schwartau) aber hier wurde das Lebensgefühl in München wirklich toll eingefangen. Werde ich mal auf meine Liste schreiben.

  1. Das Grantln in der Tram ist schon wirklich ein Highlight, ob sich aber Dein Bekannter aus Berlin damit zurecht findet, wird sich noch rausstellen…Saubraiss Elendiger 🙂

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