Münchens Stadtviertel: Schwabing, weil i di mog: Schwan im Englischer Garten

Münchens Stadtviertel: Schwabing, weil i di mog!

„Ja in Schwabing gibt’s a Kneipen. Die muss ganz was besondres sein.“ Das schillernde Schwabing von einst mit den Schampus trinkenden Superstars an der Bar, das die Spider Murphy Gang 1982 in ihrem Kultlied besang, das gibt es nicht mehr. Heute geht der schicke Münchner woanders feiern. Der hipstereske Münchner sowieso. Warum Schwabing trotzdem ein tolles Stadtviertel ist und jenseits aller In-Viertel-Rankings immer etwas besonderes bleiben wird, zeigt unsere Autorin Alexandra, die seit fast 20 Jahren hier wohnt.

Schwabings Luitpoldpark und der Ex-Hippie

Weich wie ein Teppich fühlt sich das Laub unter meinen Laufschuhen an. Mein Herz pocht, während ich den Luitpoldhügel hinauf jogge. Oben angekommen, bleibe ich kurz stehen, vor den Parkbänken, die an diesem goldenen Herbstnachmittag allesamt von zeitungslesenden Sonnenanbetern besetzt sind. Um für einen Moment zu verschnaufen, aber vor allem auch wegen des grandiosen Ausblicks, der mich bei meinen Laufrunden im Luitpoldpark jedes Mal aufs Neue umhaut. Unter mir breiten sich die Dächer Schwabings und der Maxvorstadt aus, ich erkenne die hoch aufragenden Türme der Ludwigskirche und die Zwiebeltürme der Frauenkirche. In der Ferne zeichnen sich die Alpen im Dunst ab. Eine Bilderbuchkulisse.

Guck’ mal, da auf der Bank sitzt Rainer Langhans, raune ich meiner Laufpartnerin zu. Ihr ist Rainer Langhans kein Begriff. Bis in ihre Heimat Finnland ist der Mythos um Münchens wohl berühmtesten Hippie seinerzeit nicht vorgedrungen. Ich erzähle ihr, dass ich ihn häufiger in Schwabing sehe, den Ex-Kommunard mit dem Lockenkopf und der runden Brille, sei es hier im Luitpoldpark oder auch schon mal in einem Straßencafé. Eine Schwabinger Institution, seit Jahrzehnten lebt er hier.

Das Schwabing von Helmut Dietl und der Spider Murphy Gang

Ich kann ihn verstehen. Inzwischen wohne ich auch schon seit sage und schreibe achtzehn Jahren in Schwabing – und das immer noch unfassbar gerne. Mehr oder minder Zufall war es damals, dass ich hergezogen bin. Es hätte genauso gut Haidhausen werden können oder Neuhausen oder die Au. Aber es wurde Schwabing, jenes Münchner Stadtviertel, das meinen alten Schul- und Studienfreunden aus dem übrigen Deutschland noch immer ein fast ehrfürchtiges „Ooohhh, Schwabing!“ entlockt. Sie sind wie ich mit der Spider Murphy Gang, Monaco Franze und Kir Royal groß geworden. Auch im fernen Nordrhein-Westfalen haben wir als Kinder der 1980er den neuen Folgen der Serien entgegengefiebert, in denen Schwabing gleichbedeutend war mit Bussi-Bussi und Schickeria, in denen Regisseur Helmut Dietl München als Nabel der Welt und Schwabing als Lebensform propagierte.

„Ja in Schwabing gibt’s a Kneipen.
Die muss ganz was besondres sein.
Da lassens solche Leit wie di und mi erst gar net nei.
In d’Schickeria, in d’Schickeria.“

– Spider Murphy Gang –

Auf der Hitliste der Münchner Szeneviertel hat Schwabing indessen schon lange keinen Platz mehr. Schwabing ist tot, heißt es, wer es trendy und hip mag, wohnt im Glockenbachviertel oder im Westend. Oder zieht nach Giesing oder Sendling. Ja, es stimmt, besonders hip oder in ist Schwabing wohl nicht mehr. Die Schickeria, sofern es sie überhaupt noch gibt in München, hat ein neues Zuhause. Und die Zeiten von Schwabing als Künstlerviertel, in denen sich die Schwabinger Bohème wie die Gruppe um den Blauen Reiter oder Literaten wie Thomas Mann und Joachim Ringelnatz in den einschlägigen Kneipen traf, sind noch länger passé.

Schwabings Perlen: Vom Elisabethmarkt bis zum Englischen Garten

Auch wenn Trends vielleicht woanders in München kreiert werden, die hippsten Cafés, Bars und Boutiquen in anderen Stadtvierteln aufmachen – ich wohne gerne in Schwabing. Nicht nur wegen des Luitpoldparks, den ich zum Joggen nutze und der meine kleine, grüne Oase ist zum Lesen, Picknicken oder für eine köstliche Pizza und eine kühle Weißweinschorle im Bamberger Haus.

Ich liebe es, durch Schwabings Straßen zu bummeln, bei mir in Schwabing-West oder in Altschwabing zwischen Leopoldstraße und Englischem Garten. An den hübschen, gut erhaltenen Bauten aus der Gründerzeit, von denen es in Schwabing gefühlt mehr gibt als anderswo in München, und ihren von Efeu umrankten Erkern und verzierten Fassaden habe ich mich bis heute nicht satt gesehen. Und ich finde es immer wieder interessant zu lesen, welche Berühmtheiten schon in den Jugendstilhäusern in meiner Nachbarschaft gewohnt haben, von Lenin und Trotzki über Rainer Maria Rilke bis Rainer Werner Fassbinder.

Ich liebe es, mich auf die Stufen vor der St.-Ursula-Kirche zu setzen und meine Nase in die Sonne zu halten. Einen Stopp auf dem Elisabethmarkt einzulegen, für einen Kaffee am Standl 20. Oder am St.-Moritz-Kiosk in der Gunezrainerstraße, auf meinem Weg in den Englischen Garten. Der gehört zwar in Teilen offiziell zum Stadtteil Lehel, zählt aber für mich einfach zu Schwabing dazu.

Abtauchen in der Georgenschwaige, Abschalten im Filmkunstkino

Im Sommer ziehe ich gerne am Abend noch ein paar Bahnen im Freibad Georgenschwaige, ganz in Ruhe, ohne den ganzen Trubel der größeren Freibäder der Stadt. Wenn es Winter wird, gehe ich in die Kristallsauna im Nordbad zum Schwitzen, tauche im großen, beheizten Außenbecken ab und trinke anschließend im Bellevue eine heiße Schokolade. Danach vielleicht ein Film, um die Ecke im Monopol oder in der Neureutherstraße im Studio Isabella. Und später noch ein Absacker im Salon Irkutsk, auch wenn der streng genommen vielleicht schon zur Maxvorstadt gehört, oder ein paar Tapas naschen in der Bodeguita in der Hohenzollernstraße.

Denn natürlich ist Schwabing weder kulturelles noch gastronomisches Ödland. Wir haben nicht nur Programm- und Filmkunstkinos, sondern auch großartige Kleinkunstbühnen, angefangen vom Heppel & Ettlich über das Vereinsheim bis zur Lach- und Schießgesellschaft. Wir haben Dauerbrenner wie das kultige Jennerwein. Den Kretagrill. Den Kaisergarten. Coole Cafébars wie das delmocca, den Genussmacher, das tagescafé schwabing und die Kuchenwerkstatt. Kunstcafés wie das Arts and Boards. Und dann die, die man vielleicht nicht so auf dem Schirm hat, weil sie etwas versteckt liegen wie das Krenn’s in der Hiltenspergerstraße. Oder die, die man durch Zufall entdeckt, weil man nicht jeden Tag an ihnen vorbeikommt, wie das Lavin’s in der Franz-Joseph-Straße, ein charmanter Mix aus europäischer Caféshauskultur und Orient.

Schwabing, Du bist vielleicht nicht mehr das In-Viertel Münchens, doch ich will Dich gegen kein anderes Stadtviertel eintauschen!

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