Münchener Kanalführung: Gully-Expedition durch 5.000.000 Badewannen

Eigentlich muss man sich ja schon fragen, warum jemand freiwillig in die Münchener Kanalisation absteigt. Gestank, Dreck, frühes Aufstehen – alles inklusive bei der Kanalführung der Münchner Stadtentwässerung. Doch was man dort unten im Münchner Untergrund zu sehen bekommt, kannte ich davor nur von faszinierenden Fotos aus dem lange zurückliegenden Grundschulunterricht.

Rund zwei Stunden dauert die Führung, die ich gemeinsam mit etwa 15 weiteren Münchnern besuche. Doch bevor sich unsere Gruppe in der Nähe der Ludwig-Maximilian-Universität abwärts begibt, werden wir von einem freundlichen Kollegen der Münchner Stadtentwässerung über die Kanalisation aufgeklärt. Wir erfahren zum Beispiel, warum für Kanalarbeiten in der Regel Straßen gesperrt werden müssen: Um stets die gleiche Distanz vom Hausanschluss zum Kanal bieten zu können und so keinen Anwohner zu benachteiligen, liegt der Kanal mitsamt seinen Schachteinstiegsdeckeln – im Volksmund meist „Gullydeckel“ – genau in der Straßenmitte. An einer Straßensperrung führt bei einer Kanalreinigung dann oft kein Weg kein Weg vorbei – die Sicherheit der Kanalarbeiter geht vor.

Inzwischen sind wir durch eine massive Eisenfalltüre in die Kanalisation abgestiegen. Ich folge meiner Gruppe durch einen engen Backstein-Gang und bemühe mich, die gelegentlich etwas glibberig anmutende Wand nicht zu berühren. Wir versammeln uns unter einem kleinen Gewölbe und betrachten das unter uns vorbeirauschende Abwasser der umliegenden Häuser. Die Geräuschkulisse ist vielfältig: Zum dröhnenden Rauschen des Abwassers gesellt sich oftmals ein lautes Poltern. „Jetzt hat wieder jemand die Spülung seiner Toilette betätigt“, klärt uns der Experte der Münchner Stadtentwässerung auf. Wer an dieser Stelle vermutet, es stinke dort unten bis ins Unermessliche, der liegt tatsächlich falsch. Zwar kann es vor allem im Sommer zu starker Gasentwicklung kommen, was dann auch für die Kanaler zur Bewährungsprobe wird, doch zum Zeitpunkt unserer Führung Ende November erinnerte mich der Geruch etwas an das abgeleitete Wasser einer Waschmaschine. Der Grund: Die Menge an Abwasser, welches aus den umliegenden Duschen stammt. Das Duschwasser ist auch der Grund für die dampfigen Bedingungen und mein teilweise stark beschlagenes Kameraobjektiv.

Beim nächsten Halt unserer Exkursion komme ich mir ein wenig vor, als wäre ich gemeinsam mit Frodo Beutlin und Gandalf in die Minen von Moria eingetreten. Ich mache mich deshalb schon einmal bereit für mein Aufeinandertreffen mit Gollum, auch wenn ich mir schwer vorstellen kann, dass das Fantasiewesen irgendwo unterhalb des Nordfriedhofs auf mich wartet. Das große Gewölbe des stillgelegten Kanals wird durch mehrere Leuchten imposant in Szene gesetzt. Stockdunkel wird es erst, als wir den trockenen Kanal für einige hundert Meter entlang wandern. Während des kurzen Spaziergangs erklärt man uns, dass die Gesamtlänge des Münchner Kanalsystem etwa 2.400 Kilometer beträgt und die Historie des Stadtentwässerungssystem bis 1811 zurückreicht. Vor allem Max von Pettenkofer machte sich während des 19. Jahrhunderts immer wieder für ein geregeltes Entwässerungssystem stark, was letztlich dazu führte, dass es in München seit 1885 eine eigene Abteilung zur Stadtentwässerung gibt. Beim Rückweg kommen wir an einer Kiste mit Fundsachen vorbei, die in der Vergangenheit aus dem Abwasser gefischt wurden. Neben Handys und Schmuck liegen dort auch zwei Gebisse. Von einer Wiederverwendung rät unser Tour-Guide stark ab.

Der letzte Stopp der Untergrund-Tour bringt uns in die Nähe der Highlight-Tower. Unterhalb eines Parks findet man dort eins von insgesamt dreizehn Rückhaltebecken: Diese riesigen unterirdischen Hallen lassen sich bei Bedarf mit Regen- und Abwasser fluten, um die Kanäle vor einem Überlaufen zu bewahren. Die Szenerie wirkt nochmals imposanter, wenn ich mir vorstelle, dass über mir zwei Fußballfelder des FC Schwabing liegen. Insgesamt kann das Münchner Abwassersystem 700.000 Kubikmeter zurückhalten. Das entspricht etwa fünf Millionen handelsüblichen Badewannen, die bis zum Rand hin gefüllt wären. Sollte der hypothetische Fall eintreten, dass alle Rückhaltebecken gleichzeitig volllaufen, so müsste die Mischung aus Regenwasser und Abwasser in die Isar geleitet werden.

Wer sich selbst mal einen Eindruck vom Münchner Untergrund machen möchte, dem kann ich die Tour wärmstens ans Herz legen. In der Vergangenheit konnte man sich wohl spontan bei der Münchner Stadtentwässerung melden und bekam zeitnah einen Termin für die kostenlose Tour zugesichert. Heute sind die Führungen stark gefragt und demnach mehrere Wochen in Folge ausgebucht. Aber das Warten lohnt sich.

2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Das ist wirklich ein sehr spannender Artikel. Ich habe erst neulich gehört, dass so eine Tour möglich ist. Mir wäre es vermutlich nicht so angenehm, durch einen dunklen engen Tunnel zu wandern. Umso dankbarer bin ich für diesen interessanten Beitrag.

Kommentar verfassen