WorldWideMunich Folge 3: Schuhplattler & Oktoberfest-Würstchen

WorldWideMunich Folge 3: Schuhplattler & Oktoberfest-Würstchen: HSV BavariaMünchen ist einzigartig. Wirklich? Wir haben uns mal umgesehen, wo sich überall Münchnerisches findet. In insgesamt vier Folgen erfahrt ihr hier alles über Beer, Bavarian Blasmusik und Oktoberfeste in aller Welt. Heute haben wir mal gesucht, wo man in Amerika die bayerische Lebensart findet – und wie man sie dort feiert.

Der bajuwarische Hotspot: Cincinnati, Ohio
Wer in den Vereinigten Staaten Heimweh nach München und bayerischem Lebensgefühl verspürt, muss sich in den Mittleren Westen aufmachen – dort leben die meisten Amerikaner mit deutschen Wurzeln. Denn wen es in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in die Neue Welt zog, der bestieg in der Regel in Bremerhaven ein Schiff, das ihn nach New Orleans brachte, also an die Mündung des Mississippi. Dort nahm er dann ein Dampfschiff nach St. Louis und weiter über Ohio nach Cincinnati, das viele Jahrzehnte erstes Ziel deutscher Auswanderer war. Jedenfalls so lange, bis die Eisenbahn das Land erschloss und auch Orte abseits der Flüsse und gängigen Handelsrouten attraktiv machte.

So lebten in Cincinnati beispielsweise im Jahr 1880 44 Prozent Deutschamerikaner der ersten und zweiten Generation: über 112.000 von etwa 255.000 Menschen waren entweder selber erst vor kurzem ausgewandert oder die Kinder deutscher Auswanderer. Die übrigens in dieser Region vor allem aus Franken und Unterfranken kamen. Und im frühen 20. Jahrhundert betrug der Anteil der deutschen Einwohner der Stadt satte 60 Prozent. Worauf beispielsweise der Name des Stadtteils Over The Rhine bis heute verweist, der als Club- und Szeneviertel mittlerweile mega-angesagt ist.

Servus! Das Oktoberfest in „Zinzinatti“
Mittlerweile hat die Metropolregion Cincinnati über zwei Millionen Einwohner – die ihre deutschen Wurzeln nicht vergessen haben und jährlich ihr „Oktoberfest Zinzinatti“ (!) feiern, das größte deutsche Fest innerhalb der Vereinigten Staaten. Was im übrigens absichtlich mit einem doppelten „z“ geschrieben wird, um auf den harten deutschen Akzent hinzuweisen, mit dem die Einwanderer den Stadtnamen einst ausgesprochen haben. Über 500.000 Besucher kommen dann vorbei, um an diesen drei Tagen „Bavarian Food and Beer“ zu genießen – wobei neben Kentucky Ale, Heineken und Sam Adams auch Erdinger ausgeschenkt wird. Das Ziel: ganz viel „Gemuetlichkeit“ herstellen. Also: „Guh-MUT-le-kite“, wie die Zinzinattians sagen.

Verspeist werden dafür stets so etwa an die 80.000 Brautwürste und 23.000 Brezn, 64.000 Portionen Sauerkraut und 16.000 Strudel pro Jahr. Das vermutlich schrägste Highlight des Events bildet das „Running oft the Wieners“. Was kein Würstchen-Wettrennen meint, sondern ein Wettrennen von Dackeln, die als Würstchen verkleidet sind. Einer von ihnen ist dabei zuvor in einer feierlichen Zeremonie zum „King of Wiener Dogs“ ernannt wurde. Zu den rennenden Zamperln zieht es all die, die genug haben, von Maßkrugstemm-, Fassroll-, Baumstammsäge- oder Fingerhakel-Wettbewerben.

Und wer in Cincinnati sein gutes deutsches Bockbier vermisst: Jedes Jahr findet am ersten Märzwochenende zudem das große Bockfest statt, bei dem man eines Wetttrinkens zweier bayerischer Ritter des Mittelalters gedenkt. Damals haben die beiden angeblich so lange getrunken, bis einer von ihnen bewusstlos umfiel. Das Bockfest beginnt mit einer Parade à la Oktoberfest durch Over The Rhine, denn das war mit etwa 200 Saloons und knapp 20 Brauereien schon im 19. Jahrhundert das größte Amüsierviertel der Metropole.

Leben wie in Bayern: Frankenmuth, Michigan
In Michigan, nördlich von Detroit, liegt ein Städtchen, dessen Name urdeutsch klingt: Frankenmuth, im Volksmund auch „Little Bavaria“ genannt. 1845 waren die ersten Siedler dort eingetroffen: 13 Bauern aus der Gegend von Neuendettelsau im Landkreis Ansbach. Vier Monate hatte ihre Reise gedauert. Nur ein Jahr später kam bereits eine zweite Gruppe Auswanderer an, dieses Mal aus dem bayerischen Altmühltal. Diese ersten Exil-Bajuwaren lebten von Viehzucht und Landwirtschaft, bis nach dem Zweiten Weltkrieg eine Autobahn die Region leichter erreichbar machte. Und der Tourismus entstand.

Heute hat das Städtchen knapp 5.000 Einwohner. Und verzeichnet jährlich drei Millionen Besucher, die allesamt kommen, um dort die bayerischen Shops oder Restaurants zu besuchen. Und um dann danach im Bavarian Inn zu übernachten, das Mitte der achtziger Jahre in mehreren Bauphasen von der deutschstämmigen Familie Zehnder (siehe Foto oben li/re) errichtet wurde, die in der nunmehr vierten Generation in Frankenmuth Hotels und Restaurants betreibt.

Das Bavarian Inn ist eine Art Stadt in der Stadt mit 360 Zimmern und zwei riesengroßen bayerischen Restaurants. Um die deutschen Vorfahren zu ehren, tragen jedes einzelne Hotelzimmer und jede einzelne Suite den Namen einer deutschstämmigen Auswandererfamilie. Deren Geschichte wird jeweils in ausführlichen Dokumenten und Berichten nacherzählt. Dekoriert ist die Lodge überall mit Alphörnern und Kuhglocken – bayerisches Lebensgefühl made in USA. Und wer an der Rezeption arbeitet, muss mindestens drei deutsche Wörter kennen – und sprechen: „Willkommen“ (oder, wie es den Amerikanern beigebracht wird: Vill-come’-n) und „Auf Wiedersehen!“.

Wo die Tradition bewahrt wird: der H.S.V. Bavaria
Jetzt wird’s verschwörerisch: Der H.S.V. Bavaria ist eine ganz normale Trachtengruppe in Meriden, Connecticut. Ihre Entstehungsgeschichte ist allerdings etwas ungewöhnlich: Ihre Gründungsmitglieder gehörten zum Deutschen Orden der Harugari, einem Verein, der 1847 in New York gegründet wurde und eine Art deutsche Geheimgesellschaft in den USA bildete. Ziel war – wie wir heute sagen würden – einfach nur klassisches Networking: Die Mitglieder sollten sich in der Neuen Welt gegenseitig unterstützen.

Daneben promoteten sie aber auch das deutsche Liedgut, gründeten dafür extra die sogenannten Harugari Singing Societies oder auch Harugari-Liedertafeln. Einige dieser Mitglieder gründeten dann ihrerseits 1966 den H.S.V. Bavaria. Im gleichen Jahr hatten dann auch die Harugari-Schuhplattler ihren ersten Auftritt, 1974 wurde eine Kindergruppe gegründet, 1978 fand das erste Schuhplattlerfest statt.

Inzwischen lautet der vollständige Vereinsname Harugari Schuhplattler Verein Bavaria, abgekürzt: H.S.V. Bavaria. Ihre Fahne haben die Mitglieder selbstverständlich in Bayern nähen lassen, wie Karen Grether berichtet, die als Business Manager für das Marketing des Vereins verantwortlich ist. Und wer Lust und Zeit hat, fliegt mit seinen Freunden aus der Trachtengruppe auch schon mal nach München zum Oktoberfest. „Zuletzt 2014“, erzählt Karen, „wo wir in einem Festzelt auch einen traditionellen Schuhplattler aufführen durften.“ So bleiben die Verbindungen zwischen München, den Münchnern und den ausgewanderten Münchnern auch über Generationen bestehen.

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