Mein München

München sei eine spießige, versnobte, gekärcherte, totreglementierte, nach Mitternacht dörflich anmutende Schlafstadt, las man kürzlich in einem viel geteilten und zurecht beachteten, weil gut beobachtenden und noch besser geschriebenen Text. München-Bashing ist wahrlich nichts Neues, aber dieser Text traf vor allem die Münchner ins Mark, weil er so viel Wahres enthält. Ja, es ist schade, dass man am Isarufer kilometerweit nichts zu essen bekommt und sich sein Bier oder seinen Wein selbst mitnehmen muss. Es stimmt, dass man oft das Gefühl hat, nichts zu dürfen in dieser Stadt, dass gute Ideen oft auf dem trockenen Boden und im langen Atem der Bürokratie verdorren. Es ist was dran an der These, dass München immer entweder zu voll oder zu leer erscheint, und dass die junge, schräge Subkultur hier eher Mangelware ist, ist weder neu noch falsch. Und es gibt tatsächlich zu wenig Parkbänke, zumindest solche, die bequem sind, die man bei Hitze im Schatten und bei Kühle in der Sonne findet und auf die man sich setzen kann, ohne nachher den Hintern voller Taubendreck zu haben.

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Bevor ich über mein München schreibe, wie ich es erlebe, muss ich sagen, dass ich nicht repräsentativ bin. Ich wurde in München geboren, an einem dieser warmen Wiesnmittage, in der Maistraße, direkt um die Ecke der Theresienwiese. Überliefert ist, dass das erste, was ich von dieser Welt mitbekam, der Duft von Hendln und gebrannten Mandeln sowie die Klänge der Bierzelt-Blasmusik waren, die durch das weit geöffnete Fenster in den Kreißsaal wehten. Inniger und intensiver kann eine Liebe nicht beginnen.

Deswegen kann und will ich meine Heimatstadt nicht mit New York, Lissabon oder Paris vergleichen. Das wäre, wie wenn man eine neue Liebe mit dem Ehepartner vergleicht, mit dem man 20 Jahre lang verheiratet war. Natürlich schmecken neue Küsse besser, sind aufregender. Und anderswo ist das Gras bekanntlich immer grüner.

Aber sich über das Unstädtische, Spießige, Langweilige und Begrenzte der Stadt zu beklagen, ist ein bisschen, wie sich täglich aus dem SUV heraus, in dem man alleine sitzt, über den Stau auf dem Weg zur Arbeit zu beschweren. Man steht nicht im Stau, man ist der Stau. Natürlich kann nicht jeder den Revoluzzer geben und eine junge Kaffeerösterei eröffnen, eine Durchgangsstraße mit Urban Gardening in einen Dschungel verwandeln oder sieben weitere Stadtstrände eröffnen, weil’s an dem einen, den es endlich wieder gibt, immer zu voll ist, man blöderweise nicht reservieren kann und weil er leider mitten im Hochsommer wieder schließen wird. Aber man kann im Kleinen beginnen und vor allem: auf die Details achten. Das Vorhandene sehen und schätzen und lieben.

Man kann zum Beispiel in München machen, was in keiner anderen Stadt auf diese Weise möglich ist: bei schönem Wetter draußen essen, ohne einen Garten oder Balkon zu haben. Man geht einfach nach Feierabend an einem der vielen Obst- und Gemüsestände vorbei oder auf einen der Bauernmärkte, die es jeden Tag gibt, und dann schaut man vielleicht noch bei Ali oder Dimitri rein und nimmt ein Fladenbrot mit und einen Obazdn, Tsatsiki oder Hummus, meistens hat er nämlich alles im Sortiment. Und dann macht man Brotzeit im Biergarten. Überhaupt, die Biergärten! Warum in den zwei Dutzend guten Restaurants drei Wochen vorher reservieren, wenn man im Biergarten immer einen Platz findet? Selbst am heißesten Sommersamstag bin ich noch nie wieder umgekehrt, weil nichts frei war. Man setzt sich halt wo dazu, wenn kein einzelner Tisch mehr frei ist, das geht immer und ist immer eine Bereicherung. In meinem Hausbiergarten, in dem meine Kinder mangels eigener Grünfläche aufgewachsen sind, darf man sogar Kindergeburtstag feiern und eine Schnitzeljagd machen, ohne etwas dafür zu bezahlen. Lediglich die Getränke werden – Ehrensache wie bayerische Biergartenverordnung – vor Ort erworben.

#erdbeeren

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Und was ist mit der angeblichen Arroganz der Münchner, der Kälte, dem Desinteresse aneinander? Ich bin nicht repräsentativ, siehe oben, aber ich kann das nicht bestätigen. Vorgestern radelte ich nachts quer durch die Stadt, übrigens auch so etwas, was ich an München liebe: Dass ich das kann, als Frau, im Sommerkleid, nach Mitternacht, ohne Angst. Am Rotkreuzplatz hielt ich ganz spießig an einer roten Ampel und fand dort einen Zettel.

Hach, dachte ich, das ist ja süß, so völlig ohne Pathos, aber doch zu Herzen gehend, was für eine schöne Geschichte, die sich da vor meinem inneren Auge abspielte. Am nächsten Morgen machte ich das Foto nochmal bei Tageslicht und teilte es auf dem Instagram-Account von muenchen.de. Und was dann passierte, bestätigte mich in meiner Sicht der Münchner. Zehnmal so viele Kommentare wie sonst, und alle waren sie begeistert, mitfühlend, wohlwollend und mit jeder Menge Mitfiebern für die Urheberin oder den Urheber dieses Zettels.

In München gibt es ganz viel Herz. Das mit der Weltstadt müssen wir mancherorts noch üben, zugegeben. Aber probiert es doch mal aus.

Kauft Euren Wein nicht im Supermarkt, sondern beim kleinen Feinkostitaliener in Eurer Straße, und nehmt nicht den mit den meisten Parker-Punkten, sondern fragt den Inhaber, wo er herkommt und welchen Wein er empfehlen kann.

Macht der Besitzerin des Blumenladens ein Kompliment über die liebevolle Einrichtung ihres Ladens. Lächelt das Kleinkind im Buggy und seine Mutter in der U-Bahn an, statt Euch daran zu stören, dass es so viel Platz einnimmt. Besucht neue Lokale, die noch keiner kennt und über die noch kein Gastrokritiker was geschrieben hat.

Geht zum Poetryslam unbekannter Nachwuchskünstler, statt in die hochgelobten Theaterpremieren zu rennen. Besucht Konzerte in kleinen Läden wie dem Strom oder kostenlose im Theatron im Olympiapark, auch wenn Ihr die Bands nicht kennt, statt Euch darüber aufzuregen, dass die Karten für die großen Stars Unsummen kosten.

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Bestellt Euch mit Euren Kindern eine Pizza in den Park, statt die zu beneiden, die um 18 Uhr nach Hause gehen, um auf der Terrasse ihres Eigenheims zu speisen. Setzt Euch in den Garten eines Lokals in einer Kleingartenanlage in Moosach oder veranstaltet selbst ein Grillfest in Eurem Hinterhof, damit Ihr endlich mal Eure Nachbarn kennen lernt.

#München #schwabing #englischergarten

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Fahrt mit dem Rad in den Perlacher Forst. Vom Mangfallplatz, den man in 10 Minuten mit der U-Bahn vom Sendlinger Tor erreicht, sind es nur zwei Minuten bis zum Wald. Oder setzt Euch an einem der kühleren Frühlings- oder Herbstabende mit einem Glas Rotwein auf die Stufen des Monopteros und genießt den Sonnenuntergang, ganz ohne Reservierung und vielleicht sogar fast ohne andere Leute.

Besucht an einem ganz normalen Wochentag den Biergarten auf dem Viktualienmarkt und kommt mit den alten Männern vom Stammtisch ins Gespräch. Sie beißen nicht. Steigt die 300 Stufen zum Alten Peter hinauf und helft dort ungefragt der Touristengruppe aus Heidenheim, die rätselt, wie gleich nochmal die verschiedenen Kirchen heißen, die man von dort so sieht.

Nehmt Euch einen Stuhl und setzt Euch einfach mal in Eurer Straße gegenüber auf den breiten Gehweg, weil dort die Abendsonne noch hin scheint, während bei Euch auf der Westseite schon Schatten ist.

Fragt Eure Nachbarn, deren erwachsene Kinder demnächst ausziehen, ob Ihr nicht die Wohnungen tauschen wollt. Nehmt Bierbank und -tisch, zieht Euch ein weißes Hemd an, holt die guten Gläser aus der Vitrine und tafelt stilvoll mit Freunden auf der Gerner Brücke. Natürlich ist das offiziell wahrscheinlich nicht erlaubt, und klar, wenn das jeder machen würde und so weiter. Aber es ist alles eine Frage des richtigen Maßes und des richtigen Gespürs für das Miteinander in einer großen Stadt. Im Biergarten Kindergeburtstag feiern – kein Problem. Acht Tische komplett umstellen und den eigenen Champagner mitbringen – nein.

Davon ausgehend, dass niemand tatsächlich gezwungen wird, über längere Zeit in München zu leben – man kann aus dieser Stadt so viel machen, sich an so vielem freuen. Klar darf man sich über das tägliche Chaos in den Öffentlichen aufregen, aber mal ehrlich – schon mal in Tokio U-Bahn gefahren? Ich auch nicht, aber die Videos vom Businesspendler-Tetris reichen mir. Oder in New York, das habe ich schon ausprobiert, wo man im oft tropischen Sommer fast zwangsläufig krank wird, weil manche U-Bahnen auf 15 Grad runtergekühlt sind und andere gar nicht und einen in den niedrigen und beengten Bahnhöfen 40 Grad und ein heißer Wind empfangen. Oder in Paris, wo man sich als Rollstuhlfahrer oder mit Kinderwagen wie der letzte Depp vorkommt.

Ja, die Möglichkeiten sind begrenzt. Aber das sind sie überall. Und statt sich über das aufzuregen, was nicht geht, könnte man das leben, was geht, und sich daran freuen. Zum Beispiel saubere, sichere Spielplätze. Spießig vielleicht, aber schon angenehm, wenn die Kinder nicht in Scherben oder Spritzen treten. Überhaupt, Sicherheit. Wir leben in der sichersten Stadt Deutschlands. Das schätzt man vielleicht erst so richtig, wenn man mal woanders war, wo es nicht so sicher ist, also fast überall.

Servus, #Schliersee. Schee war's. Bis bald!

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Die Biergärten.
Das Umland.
Die Berge, in die stündlich eine Bahn fährt, damit man auf dem Heimweg nicht im Stau stehen muss.
Die hunde(kot)freien Wiesen in den Parks, auf denen man Fußball spielen kann.
Die kleinen Läden im Viertel, in denen man nur einkaufen muss, damit sie existieren.
Die Nachbarn, die man bloß mal ansprechen müsste.
Die Bauernmärkte, auf denen man nachmittags den besten Kuchen essen kann.
Den Stuhl, den man sich halt selber auf den Bürgersteig stellt, statt darauf zu warten, dass die Stadt das tut.

Und nicht zuletzt die Liebesgeschichten wie die von der Ampel am Rotkreuzplatz, zwischen Winthir-Apotheke und Jagdschlössl. Unaufgeregt, romantisch, pragmatisch und hoffentlich mit Happy End.

 

5 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Hi also wenn ich mal ehrlich sein darf. warum hat es jetzt noch so einen Artikel gebraucht? scharnigg und sein Gegenspieler haben doch alles gesagt. zum achten mal hervorheben wie toll die biergärten und die Isar sind und dass es auch gute Nachbarschaftsverhältnisse gibt – really? und im Gegensatz zu den zwei herren ist der schreibstil echt saulangweilig – sry.
    ein überzeugter münchner

  2. Toller Artikel. Ich stimme voll zu. ABER: Woher willst du wissen, dass eine Dame den Zettel vom Rotkreuzplatz geschrieben hat?

  3. Servus Anette,

    Danke für den Beitrag. Ich hab noch was dazu zu sagen, was ich für wichtig halte:

    Ich denke, dass die Postion, aus der Menschen über eine Stadt (Ort, Umfeld, etc.) urteilen, der Fehler an der ganzen Diskussions-Geschichte ist. Das Beschweren über diese Stadt halte ich in sehr vielen Fällen für unehrlich und heuchlerisch. Jeder ist nämlich ein Teil davon.

    Ich erkläre das einem Beispiel. Der Klassiker:
    Irgendwer lebt in/ zieht nach München, mit oder sogar wegen dem gut bezahlten Job und vielleicht auch wegen der Sicherheit im Allgemeinen.
    Will auf der einen Seite eine tolle Wohnung, Ruhe und am besten noch ein großes Auto. Man hat’s ja verdient, weil man arbeitet ja ständig dafür. Beschwert sich aber über zu viel Verkehr, keine Kitaplätze und die viel zu hohen Mieten, dabei ist man ein Teil dieser Entwicklung.
    Beschwert sich über den Nachbarn, weil der – mit freundlich Ankündigung im Treppenhaus – Geburtstag in seiner Wohnung feiert – beschwert sich gleichzeitig, dass es in der Stadt zu ruhig ist.
    Man hat ’ne 50 (mind.) Stunden-Woche im Büro, will Abends bloß noch seine Ruhe haben und beschwert sich, dass ja da so wenig Sub-Kultur ist, in der Stadt.
    Man hat nullkommanull ein Herz oder wenigsten eine Verbindung für die Stadt in der man wohnt, sondern will ausschließlich konsumieren. Am allerbesten, damit man sich mit seinem Image, Lifstyle, Coolness profilieren kann (Am besten noch auf Facebook propagieren).
    Man zieht in’s charmante, musikalische Schwabing mit „boheme“ Charakter und macht mit seiner Anwesenheit einfach alles kaputt.
    Man beschwert sich über die steigenden Mieten, aber legt sein Geld in Eigentumswohnungen an, und will da einen „sicheren“ Bezahler drin wissen, am besten so spießig wie möglich.
    Das aller geilste sind die Leute, die mit Bayern an sich gar nichts anfangen können. Anstatt die schönen kleinen Dinge zu genießen, auf die Menschen offen zu zugehen (auch wenn sie am Anfang grantln, sind sie meistens sehr herzlich) und die Kultur (ich mein nicht die Wiesn) vor Ort hochzuhalten und zu bewundern, macht man sich am besten noch darüber lustig.

    Das ist ungefähr so, wie wenn einer auf ‚m Business-Seat samt Verköstigung in der Arena bei Bayern hockt, sich seinen Schampus reinzieht und sich darüber beschwert, dass da keine Stimmung ist, im Stadion.

    Aber am Ende war’s ja keiner! Und ein Mitläufer ist man ja natürlich auch nicht. Seid’s doch Mal ehrlich zu euch selbst.

    Es gibt genügend Leut hier, die sehr viel machen für diese Stadt und für die Lebensfreude, mit Einsatz und Herz; die dabei unter dieser Entwicklung leiden. Wir brauchen mehr davon – und nicht noch mehr anonyme „Konsumierer“ und Wirtschafts-Profieure.
    Man kann auch ein Engagement zeigen. Man kann Anträge stellen, wenn einem was nicht passt, oder sonstige Aktionen. Man kann viel mehr tun, ein paar Kleinigkeiten hat die Anette ja schon erwähnt.

    Servus und viel Spaß,
    Fabian

  4. Als Münchner vierter Generation und nach zehn Jahren Leben in den USA mit regelmäßigen Aufenthalten in New York, Chicago, Atlanta etc. kann ich’s gar nicht erwarten, endlich wieder zurück zu ziehen nach München.

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