Leben am Wasser: der Kleinhesseloher See in Münchens Central Park

Die New Yorker haben den Central Park und die Wiener ihren Prater. Aber an der Isar hat man nun wirklich keinen Grund, neidvoll auf andere Metropolen zu blicken. Denn wir Münchner haben ja schließlich den Englischen Garten. Und dank dieses wunderbaren Parks unzählige Möglichkeiten, uns einen schönen Nachmittag zu machen.

Am Eisbach, ganz im Süden, gleich hinterm Haus der Kunst, treffen sich die Surfer, droben am Monopteros die Pärchen und auf der Höhe der Ludwigskirche die Slackliner, die Sonnenhungrigen und die Frisbee-Fans. Sitzen am Chinesischen Turm die Touristen beim Weißbier und blättern in ihren Reiseführern und Wörterbüchern, treffen sich am Kleinhesseloher See vornehmlich die Schwabinger. Junge Familien mieten sich ein Boot und paddeln, rudern oder treten fleißig drauflos, Großstadtmütter und ihr niedlicher Nachwuchs füttern die gierig schnatternden Enten und Gänse, und so manche Studentenclique lässt schon mal eine Vorlesung sausen, um im Biergarten des Seehauses ausgedehnt Brotzeit zu machen. Auch wenn er immer voll ist – ein winziges Eck findet sich oft trotzdem, schließlich verfügt das Areal über 2.500 Sitzplätze. Meinen ersten Obatzten habe ich dort gegessen und meine erste Riesenbreze dort bestaunt.

Damals lebte ich in einem Studentenwohnheim in der Mandlstraße. Ich bewohnte ein ausnehmend uncharmant möbliertes Acht-Quadratmeter-Zimmer im zweiten Stock, zur Straße raus. Wenn man sich auf die Zehenspitzen stellte, konnte man durch das hohe Dachfenster so gerade noch die Baumwipfel des Englischen Gartens sehen. Es war eine erstklassige Adresse, die mich kaum Miete kostete – und die es natürlich längst nicht mehr gibt. Schon vor vielen Jahren hat der damalige Eigentümer, die Erzdiözese München und Freising, diese Immobilie zu Geld gemacht. In dem Haus aus leuchtend rotem Backstein befinden sich heute Luxuswohnungen. Zwei Jahre habe ich dort verbracht. Und es genossen, Park und See jeden Tag vor meiner Haustür zu haben: Statt in den Hörsaal ging es oft für ein paar sonnige Stunden ans Wasser. Auf den schmalen Bierbänken haben wir dann endlose Gespräche über irgendwelche Beziehungsprobleme geführt, beim Spaziergang um den See konzentriert Klausurthemen memoriert und auf der großen Wiese dicke Fachbücher gewälzt.

Dann zog ich in eine WG an der Arcisstraße – und auf einmal lag der Alte Nördliche Friedhof gegenüber. Auch so ein malerischer Ort, aber natürlich ganz anders als der mondäne, weitläufige Englische Garten. Doch seiner melancholischen Magie, seiner eigenartigen Aura von Vergänglichkeit verfiel ich schon beim ersten Spaziergang, und so bin ich dem Kleinhesseloher See ohne größere Gewissensbisse untreu geworden. Doch als ich nach Abschluss des Studiums in meine erste eigene Wohnung zog, lag die durch Zufall wieder deutlich näher an der Münchner Freiheit – und damit am Kleinhesseloher See. Und jetzt bin ich wieder öfter dort. Nachmittags radle ich manchmal spontan kurz hin. Sitze ich dann auf einer dieser grünen Bänke am See und schaue den Enten und Gänsen beim Watscheln zu, fühlt es sich genauso an wie früher.

Ja, es ist eine alte Liebe, und ja, sie ist aufgewärmt. Aber was soll ich sagen? Manchmal kehrt eine große Liebe eben zu einem zurück. Und wenn man Glück hat, ist es dann so, als wäre man nie getrennt gewesen.

Der Biergarten vom Seehaus. Foto: Michael Nagy, Presse- und Informationsamt

Der Biergarten vom Seehaus. Foto: Michael Nagy, Presse- und Informationsamt

Facts & Figures

1789 erteilte Kurfürst Karl Theodor den Auftrag, an der Isar einen öffentlichen Park anzulegen; 1792 wurde er als Volkspark für die damals rund 40.000 Münchener Bürger eröffnet. Ursprünglich gestaltet wurde er vom Briten Benjamin Thompson, dem späteren Reichsgrafen von Rumford, sowie dem Schwetzinger Hofgärtner Friedrich Ludwig von Sckell. Angelegt ist er im Stil eines englischen Landschaftsparks. 1803 schuf Reinhard von Werneck am damaligen Nordrand des Parks einen kleinen künstlichen See, der bis 1812 um die mehr als doppelte Größe erweitert wurde. Einen Biergarten gab es dort übrigens von Anfang an, zunächst lediglich für die Arbeiter des Parks. 1882/83 baute Gabriel von Seidl ein Bootshaus mit Speisewirtschaft an den See, 1935 entstand dort ein neues Gebäude, das 1970 abgerissen wurde. Das heutige Seehaus eröffnete 1985.

7 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Wir haben in den 80-er-Jahren in der Haimhauserstraße gewohnt, nur hundert Meter vom Englischen Garten. Es war eine wunderbare Zeit, an die wir uns alle gern erinnern. Vor allem der Kleinhessselhoher See mit seinen Enten und Gänsen stand bei den Kindern hoch im Kurs. Danke für diesen Text, der viele schöne Erinnerungen weckt!

  2. Auf jeden Fall an b’sonders Schener 😉

    Hat am Abend am längsten Sonne von allen Biergärten. Drum ist er gerade im Frühling und Herbst die erste Wahl 😀

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