Monaco al dente: Eine italienische Tour durch München

Neben den Touristen, die zu jeder Jahreszeit über die Alpen strömen, lebt in München die größte italienische Gemeinde: Etwa 25.000 von uns im Stadtgebiet und weitere 50.000 Italiener im Umland. Was macht Monaco di Baviera – jenseits seiner geographischen Nähe – so attraktiv? Die Spuren reichen weit zurück in die Geschichte der Stadt.

Mein Haus, mein Orchester, mein Hofstaat – Adelaides großer Auftritt
Im 17. Jahrhundert hielt der Thronfolger Ferdinand Maria vergeblich nach einer Gemahlin Ausschau. Seine Kriterien waren bereits zur Bescheidenheit geschrumpft: Deutsch sollte sie sprechen und katholisch sollte sie sein. Am Ende fiel die Wahl auf Enrichetta Adelaide di Savoia aus Turin, die zwar kein Deutsch sprach, dafür aber jede Menge Kunst und Kultur nach Bayern brachte.

Adelaide heiratete mit 14 Jahren einen Mann, den sie erst zwei Jahre später zum ersten Mal sah – Ferdinand Maria war nur in Form einer Vollmacht auf seiner Hochzeit anwesend. Das Land, dessen Kurfürstin sie durch die Eheschließung wurde, hatte sie noch nie betreten. Und während in Turin schon der Barock in all seinem Pathos tobte, steckte das fremde München – zumindest aus Adelaides Perspektive – noch im Mittelalter. München ohne Oper, ohne Theater und ohne Englischen Garten – zur Zerstreuung diente lediglich der kurz zuvor angelegte Hofgarten der Residenz.

Folgerichtig brachte Adelaide bei ihrem Umzug zwei Jahre nach der Hochzeit alles mit, was hier ihrer Meinung nach fehlte: Sie zog im Jahr 1652 mit 336 Pferden, 350 Packwagen, 19 Sängern, 17 Instrumentalisten, fünf Kastraten und drei Organisten nach München und ließ sogleich die erste Oper in der Münchner Residenz aufführen: L’Arpa festante (Die festliche Harfe) von Giovanni Battista Maccioni.

„Die Natur ist nur geliehen“ – Römische Mythologie im Münchner Westen
Zur Geburt des langersehnten Thronfolgers erwarb Ferdinand Maria ein günstiges, aber durch pyromane Schweden im dreißigjährigen Krieg völlig zerstörtes Ackerland. Dort baute er seiner Kurfürstin ein Schloss. Adelaide erweiterte es um einen großzügigen Park. Dieser Akt lässt sich als adeliger Nestbautrieb deuten: Zur Herrschaftsidee der Savoyer gehört neben einem repräsentativen Gebäude (der Residenz) ein landwirtschaftliches Gut. Erst, wenn ein Herrscher beides besitzt, drückt sich nach der Vorstellung der Savoyer dessen legitimierte Macht aus.

In einer Sage des Adelsgeschlechts wird berichtet, dass der erste Graf, Pierre von Savoyen, von einem Naturgeist der römischen Mythologie – einer Nymphe – einen Herrschaftsring für sein Landgut erhält. Darin drückt sich die Idee der Savoyer aus, dass die Natur von den „Geisterwesen“ nur geliehen ist und vom jeweiligen Herrscher treuhänderisch verwaltet wird. Adelaide nennt das Anwesen „Borgo delle Ninfe“ – Nymphenburg. Der Architekt des Schlosses, Agostino Barelli, war selbstverständlich Italiener, die Kanäle dahinter erinnern an Venedig und wurden sogleich mit echten venezianischen Gondeln ausgestattet.

Der Architekt Barelli erhielt sogleich einen zweiten Auftrag: Er sollte eine Kirche mit dazugehörigem Kloster bauen, gleich neben der Residenz, für einen italienischen Männerorden: Die Theatiner. Ursprünglich war die Theatinerkirche ein Abbild ihrer Mutterkirche Sant’Andrea della Valle, die man sich heute noch in Rom ansehen kann. Die typische, gelbe Fassade wurde jedoch auf Grund von Uneinigkeiten erst im 18. Jahrhundert von François de Cuvillés dem Älteren gestaltet.

„Ein Betrüger und elender Kerl“ – Luigi Tambosi und die feine Gesellschaft
Wir machen einen Sprung von etwa hundert Jahren. Ein Nachkomme aus Adelaides Gefolge, Giovanni Pietro Sardi, beantragt eine Lizenz für ein Kaffeehaus in München. Gerade mal drei Cafés waren zu dieser Zeit in der Stadt zugelassen, da man befürchtete, es könnte irgendwann mehr Kaffeehäuser als Bierschenken in München geben. (Scusi, diese Angst war offenbar berechtigt!) In einem kleinen Gebäude im Hofgarten servierte Sardi Kaffee, Limonade und Schokolade – exotische Genüsse für das 18. Jahrhundert!

Nach seinem Tod pachtet Luigi Tambosi das Café. Das Hofgartenhäuschen wird abgerissen, das „Tambosi“ zieht in ein neues Gebäude: Drei Etagen, ein Tanzsaal, ein Theater, ein Kartenspielzimmer und damit viel Raum für Gerüchte und Mythen um Münchens ältestes Café. Wie das so ist mit exotischen, zugereisten Nachbarn verfolgte die Tambosis bereits vor der Eröffnung des Cafés ein schlechter Ruf: Intrigant sollten sie sein, fleissig zwar, aber habgierig. Nachdem Luigis Sohn Giuseppe das Tambosi übernimmt, schreibt Leo von Klenze über ihn: Er [Maximilian II.] wisse sehr wohl, dass „der verschmitzte Welschtyroler Tambosi ein Betrüger und elender Kerl“ sei, er könne ihn aber „zu allem vortrefflich gebrauchen“.

Zu was Herr Tambosi gut zu gebrauchen war, darüber lässt sich nur spekulieren. Es gibt aber eine von diversen Historikern als glaubhaft eingestufte These: Noch vor seiner Hochzeit mit Marie Friederike von Preußen infizierte sich Maximilian II. in Budapest mit Gonorrhoe. Dadurch wurde er zeugungsunfähig, außerdem war die Krankheit ansteckend. Seine Frau hat sich nachweislich nicht infiziert und brachte zwei gesunde Kinder zur Welt, Ludwig II. und seinen Bruder Otto. Angeblich erhielt Giuseppe Tambosi Zeit seines Lebens Monat für Monat über einen Mittelsmann 1000 Gulden vom König. Ein Schweigegeld? Leider existieren nicht viele Bilder der Tambosis, aber eine optische Ähnlichkeit zu den Söhnen Maximilians II. lässt sich nicht abstreiten. Erwiesen ist, dass Ludwig II., der „Kini“, Tambosi kurz nach seinem Regierungsantritt in den Ruhestand schickt und kurze Zeit später zwei Brüder Tambosis ermordet aufgefunden werden.

Buonissimo! Wie Pizza, Gelato und Tramezzini die Stadt eroberten
Ein weiterer Italiener hat München geprägt, wenngleich ohne nennenswerte Skandale: Im Jahr 1879 begann Peter Paul Sarcletti aus der Nähe von Bozen selbstgemachtes Speiseeis aus mobilen Holzfässern zu verkaufen. Bis zu 70 Eiswägen füllte er so täglich und versorgte die ganze Stadt mit dem ersten Gelato. Damit ist das heutige Sarcletti am Rotkreuzplatz die älteste Eisdiele der Stadt.

Den Titel „ältestes italienisches Restaurants Deutschlands“ beanspruchen Lokale aus dem gesamten Bundesgebiet für sich – sie alle haben gemeinsam, dass sie in den fünfziger bis sechziger Jahren von Familien der ersten „Gastarbeiter“ gegründet wurden. Tatsächlich übertrifft München alle Rekorde: Die „Osteria Bavaria“ in der Schellingstraße 62 öffnete 1890 ihre Türen, und wurde zur ersten Anlaufstelle, um ein Glas Vino und Antipasti zu genießen. Noch heute befindet sich das Restaurant am selben Ort, wenngleich nun unter dem Namen „Osteria Italia“. Heute gibt es im Stadtgebiet über 300 italienische Restaurants, dazu kommen Cafés und Bars, die uns Dolce Vita an der Isar spüren lassen.

Bayrisch-italienische Architektur in München
Was von den Münchner Italienern blieb, ist neben kulinarischen Höhepunkten vor allem die Architektur. 1817 baute Leo von Klenze das Leuchtenberg-Palais am Odeonsplatz, in dem heute das Bayerische Staatsministerium der Finanzen, für Landesentwicklung und Heimat untergebracht ist. Als Vorbild dienten die Palazzi der Renaissance mit ihren hellen Innenhöfen, Brunnen und symmetrischen Formen. In der Mitte des 19. Jahrhunderts baute Klenzes Konkurrent Friedrich Gärtner eine Kopie der Loggia dei Lanzi aus Florenz, ein mit Statuen dekorierter Arkadenbau. Die Figuren der römischen Mythologie wurden durch zwei Helden des bayrischen Militärs ersetzt. Zwei Löwen, die sich im florentinischen Original die Köpfe wie im Gespräch zuwandten, erhielten einen teutonisch-geraden Blick. Fertig war die Feldherrenhalle.

Zwei große Wellen italienischer Zuwanderung hat München erlebt: In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert kamen Wanderarbeiter aus dem Friaul und aus Venetien in die Münchner Ziegeleien und halfen so am Aufbau der Prachtbauten an der Maximilianstraße bis zur Blütezeit Schwabings. Nach dem zweiten Weltkrieg halfen italienische Arbeiter abermals am Aufbau der Stadt. Im Jahr 1955 wurde mit Italien das erste Anwerbeabkommen geschlossen. Noch heute befindet sich unter Gleis 11 am Hauptbahnhof die ehemalige „Weiterleitungsstelle“, die man im Rahmen einiger Stadtführungen besichtigen kann: Acht Räume und ein ehemaliger Luftschutzkeller, in dem die frisch angereisten Gastarbeiter eine Nummer und einen Arbeitsvertrag erhielten.

Circa 400.000 italienische Touristen besuchen jährlich Monaco di Baviera – es heißt übrigens wirklich „di Baviera“ und nicht „di Bavaria“, wie der Münchner gerne sagt. Bavaria ist die große Dame an der Theresienwiese, Baviera ist das Bundesland, das zur Abgrenzung zum monegassischen Fürstentum genannt wird. Aber nachdem italienische Kultur, Küche, Lebensart, Motorini, übergroße Sonnenbrillen, elegante Sportmode, Gemüsemärkte, wildes Gestikulieren, Cappuccino nur morgens und Tiramisù nur ohne Erdbeeren in dieser Stadt schon so gut integriert sind… bin ich mir sicher, dass es mit der italienischen Sprache auch noch klappt. Alla prossima!

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