Münchner im Interview: Robert Schael, der Frauenkirchen-Experte

Münchner im Interview: Robert Schael, der Frauenkirchen-Experte

Was früher jedes Kind in München im Heimatkunde-Unterricht gelernt hat, wurde irgendwann als Legende enttarnt: dass ein Turm der Frauenkirche 99 Meter, der andere 100 Meter hoch sein soll. Heute weiß selbst der München-Tourist: der Höhenunterschied zwischen Nord- und Südturm des Münchner Wahrzeichens beträgt gerade einmal zwölf Zentimeter. Warum das so ist, kann allerdings niemand so genau sagen. Um kaum jemand weiß, wo genau dem kleineren Turm etwas fehlt. Einer dieser Wenigen ist Robert Schael. Der gebürtige Münchner kennt die Frauenkirche wie seine Westentasche und perfektioniert seit 23 Jahren sein Modell des „Doms zu unseren Lieben Frau in München“. Die Redaktion vom Blog muenchen.de wollte mehr dazu wissen und hat sich ihm getroffen, natürlich an der Frauenkirche.

Foto: Alexandra Lattek

Foto: Alexandra Lattek

muenchen.de: Robert, wie kam es zu Deiner Faszination für die Frauenkirche?

Robert Schael: Als ich zwei Jahre alt war, sind wir von München nach Hessen gezogen, haben aber immer die Sommerferien in Bayern verbracht, am Tegernsee oder am Schliersee. Jedes Mal, wenn wir in der Münchner Innenstadt waren, wollte ich mir die Frauenkirche anschauen, die hat mich schon als kleiner Junge magisch angezogen. Zuhause habe ich dann versucht, sie aus Lego nachzubauen, ein Modell gab es damals nicht. Mein Kinderzimmer war zugepflastert mit Bildern der Frauenkirche aus den München-Kalendern meiner Mutter, die habe ich immer ausgeschnitten. Als wir wieder nach Bayern gezogen sind und ich später in München in die Berufsschule gegangen bin, habe ich in einem Geschäft hinter dem BMW-Pavillon endlich einen Modellbaubogen entdeckt. In nur sieben Tagen stand das Modell.

muenchen.de: Und dabei ist Dir etwas aufgefallen?

Robert Schael: Ja, ich hatte das Gefühl, da stimmt was nicht. Als erstes fiel mir auf, dass die Türme des Modells viel schmaler sind als in Realität. Im Modell ist zudem der untere Teil der Türme in sechs Würfel aufgeteilt, in Wirklichkeit sind es sieben. Als ich meine vielen Bilder von der Frauenkirche daraufhin genauer unter die Lupe genommen habe, habe ich dann festgestellt: von den Details des Modells stimmt gar nichts.

Ich habe dann angefangen, das Modell auszubessern. Das mache ich bis heute, denn mir fällt immer wieder etwas Neues auf. Ich habe zum Beispiel die Stützen bei den Schallfenstern der Glockenstuben mit Tipp-Ex heller gemacht, damit es mehr wie das Original aussieht. Die Fenster der Montageplattformen an der Westseite der Türmen habe ich vergrößert, die Schalldeckel auf der Westseite habe ich mit dunklem Papier nachgebaut. Auch das spitze Wetterdach fehlte, ebenso die goldenen Kugelspitzen und der Dorn, der sich darauf befindet. Die habe ich aus dem Goldpapier von Ferrero Rocher nachgebaut. Und einen gescheiten Wetterhahn habe ich auf das Dach gesetzt.

Foto: Robert Schael

Aber alles lässt sich nicht ausbessern. So sind z.B. die Mauerblenden, die sogenanntenLisenen, am Oktogon des Südturms etwas breiter als die des Nordturms und in der Mitte etwas zurückgesetzt. Sie haben außerdem ein Maßwerkfries aus Natursteinen und die untere und mittlere Abstufung ist etwas weiter oben als am Nordturm.

Der Südturm wird übrigens als der schönere Turm bezeichnet, weil er an der Südseite – der Sonnenseite – steht.Von den fünf Portalen ist das südöstliche Brautportal das Schönste, weil es dem Marienplatz am nächsten ist. Es ist außerdem auch die Heilige Pforte.Der Altar der Frauenkirche, die Mariensäule und der Altar des Alten Peters bilden exakt eine Linie.

Foto: Alexandra Lattek

Foto: Alexandra Lattek

muenchen.deWas hat es mit dem Höhenunterschied der beiden Türme auf sich?

Robert Schael: In der Schule hat man früher ja gelernt, dass der Südturm angeblich ein Meter niedriger ist als der Nordturm. Irgendwann habe ich dann erfahren, dass es in Wirklichkeit nur zwölf Zentimeter sind. Vor vier Jahren habe ich damit begonnen herauszufinden, wo sich die beiden Türme unterscheiden. Auf den ersten Blick, vor allem aus der Entfernung, sehen sie ja erst einmal ziemlich gleich aus. Ich habe mir zuerst die Turmhauben angeschaut, da war aber nichts Auffälliges zu finden.

Anders bei demMaßwerkfriesüber denFensterbögen der Turmstube. Bei genauerem Hinsehen habe ich herausgefunden, dass der Abstand zwischen den Fensterbögen und dem Maßwerkfries am Nordturm etwas größer ist als am Südturm. Dem Südturm fehlen an dieser Stelle zwei Reihen Ziegelsteine. Die verbauten Steine haben eine Höhe von etwa sechs Zentimetern, darum ist der Südturm zwölf Zentimeter niedriger als der Nordturm.

Das ist im Übrigen nirgendwo nachzulesen, weder in den Bauprotokollen, noch in den Büchern zu Baugeschichte der Frauenkirche. Die meisten Pläne sind vermutlich im Zweiten Weltkrieg verloren gegangen. Was ich auch noch entdeckt habe: die Turmstube am Nordturm ist breiter als am Südturm, die Turmhaube des Südturms deshalb etwas bauchiger. Das fällt auf, wenn man sich die Ecken des Oktogons und der Turmstuben an beiden Türmen genauer ansieht.

muenchen.deWas war das eindrucksvollste Erlebnis bei Deinen Besuchen in der Frauenkirche?

Robert Schael: Als ich einmal Gelegenheit hatte, von der Glockenstube im Südturm aus zuzuschauen, wie die Glocken läuten. Es war zwar sehr laut, ein Rockkonzert ist nichts dagegen, aber ein unglaublich eindrucksvolles Erlebnis. Der Turm schwankt dabei richtig. Die größte Glocke wiegt übrigens8.000 Kilogrammund hängt im Nordturm, die Kleinste wiegt 350 Kilogramm und befindet sich im Südturm.

muenchen.deWird Dein Modell irgendwann fertig sein und wird es Dir je langweilig mit der Frauenkirche werden?

Robert Schael: Ich glaube nicht! Ich plane derzeit ein Holzmodell. Und habe angefangen, ein 3D-Modell zu erstellen. Wer weiß, was mir dabei noch alles auffällt. Bis dahin werde ich meinem Ritual treu bleiben, wenn ich in der Münchner Innenstadt bin: die Frauenkirche begutachten, eine Maß im Augustiner trinken und dann mit der S-Bahn heimfahren und am Modell weiter basteln.

Foto: Robert Schael

Foto: Alexandra Lattek

Die Redaktion bedankt sich bei Robert Schael für das interessante Gespräch.