Im Zeppelin über München

Oberschleißheim. 14:34 Uhr. Eine Minute vor Abflug. Die letzten Vorkehrungen werden getroffen. Der Zeppelin wird gerade noch vollständig aufgeblasen. Dafür werden die gleichen Pumpen wie für eine Hüpfburg benutzt, nur mehr davon. Ein Mitarbeiter hilft sogar mit einer Fußball-Handpumpe nach.

Das ist natürlich ein Witz. Aber in so eine Erlebniserzählung geht man am besten in medias res, hat man mir gesagt. Naiv denke ich noch, so ein Zeppelin sei auch nur ein großer Heißluftballon und werde später natürlich eines Besseren belehrt. Wir sind heute 12 Leute im Zeppelin, alle mit Fensterplatz und der Flug dauert 45 Minuten. Von hier aus wird nur einmal im Jahr geflogen. Also ein Happening! Der Sicherheitsbeamte kappt noch die letzte Schnur, dann hebt sich der Zeppelin in die Lüfte empor. In meinen Gedanken: Engelschöre, dann Hans Zimmer, dann wieder Engelschöre. Ich denke kurz an den einen Disneyfilm, den mit dem alten Mann und dem dicken Kind und dem schwebenden Haus. Und dann wieder an die Hindenburg. Heutzutage sind Zeppeline jedoch nicht mehr mit Wasserstoff gefüllt, sondern mit Helium. Dem Unglück werden wir also vermutlich entgehen, nicht aber den neidischen Blicken der schaulustigen Passanten.

Ja, so ein Zeppelin ist schon ein kaum erforschtes Wesen. Man sagt, sie seien keine Rudeltiere, sondern Einzelkämpfer, praktisch die Diven der Lüfte. Es gibt ja öfters Heißluftballon-Wettrennen, Zeppeline machen das aber nicht. Zeppeline geben sich nicht auf dieses Niveau herab, denke ich. Doch der Grund ist, dass es schier einfach zu wenige gibt, wie ich später erfahren werde. Aber ich greife schon wieder vor.

Ein Glück, dass muenchen.de, das beste Stadtportal weit und breit, mich als Zeppelin-Berichterstatter auserkoren hat. Ich strahle über beide Ohren, als sich der Zeppelin majestätisch, aber bestimmt, in die laue Alpenluft erhebt. Ich habe kurz Zeit mit den anderen Fahrgästen zu plauschen, den Rest der Fahrt muss ich ihnen dann den staunenden Mund zuhalten, dass keine Fliegen hineinkommen. Was ihr Lieblingszeppelin sei? Dieser hier natürlich. Sie kennen ja keine anderen. Der Journalismus liegt mir vermutlich nicht. Aber das ist ok, ich bin ja auch Fotograf.

Die letzten Gedanken an die Hindenburg sind wie weggeblasen, als uns die nette Dame die Sicherheitsunterweisung gibt. Die Sorge weggeblasen zu werden, habe ich jedoch nach wie vor. Der Alpenföhn soll ja recht stark zu dieser Jahreszeit sein. Vor was für einem Wasser soll mich die Schwimmweste überhaupt schützen? Aber sie impliziert Sicherheit. Und das ist ja die Hauptsache. Man solle sich doch bitte nicht aus dem Fenster lehnen. Handys aus. Beziehungsweise im Zeppelin-Modus. Die Kameras bitte um den Hals hängen. Die Brillen festhalten. Und nicht rauchen. Ja das macht Sinn. Man darf aber rumlaufen.

Jetzt nähern wir uns langsam, aber sicher, München von Norden her. Wir machen eine Reise im Uhrzeigersinn, also zuerst nach Osten, nach Süden, nach Westen und dann zurück. Daher zuerst die Allianz-Arena. Aus dieser Perspektive sieht man sie selten. Wir diskutieren über Rasenpflege. Wie sie das nur hinbekommen? Bestimmt nur chemisch. Nun haben wir unsere Reiseflughöhe von 300 Metern erreicht. Mit einem Zeppelin ist man den Normalsterblichen dann doch näher als gedacht. Und jetzt sieht man schon die Hauptattraktionen unserer schönen Stadt. Da wir uns von Osten nähern, zuerst das Isartor, dann den Hofgarten, den Marienplatz, das Sendlinger Tor. Wow! Was für ein Erlebnis! Hinter dem Neuen Rathaus spitzt der Stachus hervor, hinter der Frauenkirche der Königsplatz. Und hinter all den Sachen, die Alpen. Hach, die Alpen! Herrlich! Wir machen einen sanften Turn Right am Viktualienmarkt, in Richtung Wiesn.

Zurzeit ist ja Frühlingsfest. Wohlwissend, dass 500.000 Menschen mehr durch uns in den Totalschatten gestellt werden, nehmen wir Kurs auf die Theresienwiese. Der Zeitpunkt für den Flug war also geschickt gewählt. Auf der Außenwand prangt auf 4×16 Meter das Logo von muenchen.de, dem besten Stadtportal. Und alle Besucher der kleinen Wiesn sehen es. So ein Zeppelin ist aber auch eine Instanz. Wenn man Zeppelin fliegt, weiß man stets, dass über einen geredet wird. „Schau mal Mama, ein Heißluftballon.“ „Nein, das ist ein Zeppelin, Schatz.“ Mehr Aufmerksamkeit bekommt in München sonst nur das Oktoberfest, aber eher wegen dem Bier und nicht wegen seiner beispiellosen Schönheit. Wir schauen jetzt Richtung Norden, sehen das Siegestor, den Odeonsplatz, die LMU. Man sieht auch den Bau der neuen Stammstrecke im Marienhof. So eine zweite Stammstrecke ist ja schön und gut. Aber eine Zeppelin-Linie? Ja, das wäre was!

Wir fliegen schräg über die Maxvorstadt, stellen zunächst noch faule Studenten, die sich auf dem Königsplatz sonnen, in den Schatten und umkreisen dann das Schloss Nymphenburg. Aus der Luft werden einem erstmal die Ausmaße des Geländes bewusst. Traumhaft! Den neidischen Blicken der Touristen entgeht man schnell in so luftigen Höhen. Ob es sich wie Busfahren anfüllt? Nein, eher wie eine Kreuzfahrt. Der Zeppelin heißt ja nicht umsonst auch Luftschiff. Trotzdem bringt er stolze 10 Tonnen auf die Waage. Ab und zu schwankt er. Manch einer übergibt sich.

Im Heckfenster sieht man nochmal die ganze Stadt. Die Peterskirche, die Frauenkirche, die Theatinerkirche, ach einfach jede Kirche. Und immer noch die Alpen. Direkt vor uns jetzt schon das Olympiagelände. Und das ist sehenswert. All die Hügel und Zeltdächer und das tiefe Grün. Die Menschen sind so klein wie Ameisen. „Miniaturwunderland“, sagt die Flugbegleiterin. Das ist ein guter Vergleich. Und jetzt nochmal alles gemeinsam im Rückspiegel. Das Olympiazentrum, das Schloss, die Altstadt. Und immer noch die Alpen. Hach, man sieht gar Italien! Nein, das ist übertrieben. Ich wische mir eine Träne von der Wange und schnalle mich an.

Bestimmt ist so ein Zeppelin, gemessen an den Verkehrstoten, das sicherste Verkehrsmittel. Wahrscheinlich weil es so wenigen vergönnt ist, damit zu fliegen. Die meisten kennen Zeppeline nur aus Anekdoten oder Schwarzweißfotos. Wo sind Zeppeline eigentlich, wenn sie nicht fliegen? Lassen sie sich einfach treiben, wohin der Alpenföhn sie trägt? In Friedrichshafen, sagt man mir dann jedoch. Dort werden alle derartigen Zeppeline gebaut, alle 4. Früher gab es noch mehr. Für solche Gedanken habe ich Zeit, da wir langsam wieder zur Landung ansetzen.

Dann kurz vor Ende noch die letzte Frage, die mir einfach nicht aus dem Kopf gehen will: Klatscht man bei der Landung? Ich klatsche auf jeden Fall. Bei diesem Erlebnis, das sieht man nicht alle Tage. Und die Crew hat das auch sehr gut gemacht. Stets Zeppelin-Informationen gegeben und am Ende samtig weich wieder in Oberschleißheim aufgesetzt. Auf der ganzen Welt gibt es nur 4 solcher Zeppeline. Das weiß ich jetzt.

Noch schnell im Souvenirshop den ein oder anderen Aufnäher gekauft und zwei historische Postkarten. Und ein Wasser. Vom ganzen Mundoffenstehenbleiben ist mein Rachen gar ein wenig trocken geworden. Es war wunderschön. Keinem anderen Verkehrsmittel ist einfach so viel Aufmerksamkeit vergönnt wie dem Zeppelin und das gefällt mir. So ein Zeppelin ist aber auch der Superlativ der Verkehrsmittel. Die Champions League. Aber selbst der FC Bayern hat noch keinen Mannschafts-Zeppelin. Noch nicht.

Ich sitze in der S-Bahn zurück. Die neidischen Blicke bleiben jetzt jedoch aus. Jetzt bin ich ja wieder einer von vielen. Und kein Luftfahrer. Meine Sehnsucht nach dem Fliegen, wird vermutlich erst wieder geweckt, wenn ich auf der Wiesn impulsiv einen Einhorn-Ballon kaufe. Und gebrannte Mandeln. Warum schreibe ich überhaupt im Nominalstil. Na, es war einfach aufregend.

Hier alle weiteren Zeppelin-Infos für München. 

Kommentar verfassen