Fasching in München in den 70ern – eine Münchnerin erinnert sich

In der Oettingenstraße gab es damals eine Wirtschaft mit Namen „Paradiesgarten“. Im Jahr 1976 übernahm ein neuer Wirt das Lokal und es stellte sich heraus, dass er ein Jahr zuvor der Faschingsprinz von Schwabing war. Er wollte im Lehel 1976/77 eine  Faschingssaison aufziehen. Es gab einen Verein mit Namen „111er Ritterzunft“ oder so ähnlich und es wurde ein König Ludwig gebraucht. Da er nicht alleine tanzen konnte brauchte er eine Partnerin und so wurde ihm eine Prinzessin zur Seite gestellt. Man entschied sich für „Sissi“, weil König Ludwig für sie so geschwärmt hat. Die Beiden mochten sich sehr, weil sie sich „seelenverwandt“ fühlten.

Meine Eltern, die natürlich ausprobieren wollten, wie das Lokal mit dem neuen Wirt läuft, wurden gefragt, ob sie denn zufällig eine Tochter im richtigen Alter für eine Prinzessin hätten. Anscheinend muss er da von mir von anderen Gästen, die meine Eltern und mich kannten, gehört haben. Ich war damals 19 Jahre alt. So wurde ich ihm vorgestellt und er fragte mich, ob ich nicht jemanden wüsste, der für die Person des König Ludwig in Frage käme.

Zu der Zeit war ich oft in der Tanzschule Richter, wo ich meinen späteren Mann (wusste ich zu dem Zeitpunkt natürlich nicht) alias dann König Ludwig kennenlernte und ich schlug ihn also vor. Als ich ihn vorstellte war die Begeisterung groß, denn erstens war er fast so groß und stattlich (1,91 m groß) wie einst König Ludwig (1,95 m groß) und  mein Mann hatte auch so ein bisschen die Frisur.

Nur keine schwarzen Haare und keinen Bart. Den hat er sich dann wachsen lassen und er war wirklich ein prächtiger König Ludwig. Alles an ihm war original, keine Maske oder sonstige Pappe. Vor allem als er dann sein Kostüm bekam und einen Umhang mit roter Schleppe, sah er wirklich beinahe echt aus. Als wir in große Festsäle (z.B. Löwenbräukeller oder Salvatorkeller) einzogen, standen die Leute auf, so eindrucksvoll wirkte er.

Mit wurde ein wunderschönes Kleid in gelb und schön bestickt nach Sissi-Art auf den Leib geschneidert. Darunter trug ich noch eine kurze Fransenhose. Damit konnte ich einen modernen Tanz hinlegen. Wir hatten extra eine Choreografin, die mit uns 4 Tänze einstudierte. U.a. ein Menuett mit unserem Hofstaat, vier junge Männer und Frauen.

Vorstellung und Inthronisation als Prinzenpaar
Im November wurden wir der ‚Öffentlichkeit‘ vorgestellt. Unsere Kostüme wurden in  einer damals vorhandenen Boutique in der Oettingenstraße ausgestellt, welche einer Freundin meiner Mutter gehörte. Mit Blasmusik und einer Tanzgruppe und auch das Giesinger Faschingsprinzenpaar war mit dabei. Abends war dann die Feier, wo der damals berühmte Geiger Nipso Brantner mit seiner Gruppe aufspielte und uns allen mächtig einheizte.

Im Januar 1977 war die sogenannte Inthronisation. Am Anfang der Faschingssaison traten wir immer zusammen mit dem Prinzenpaar von Giesing samt deren Hofstaat auf, mit denen wir uns sehr gut verstanden hatten. Leider gab es wohl zwischen den „Funktionären“ Streitigkeiten und so waren wir dann danach alleine.

Die Auftritte waren sehr unterschiedlich, mal recht eindrucksvoll bei den großen Bällen oder eher sehr bescheiden in kleinen Kneipen. Einmal mussten wir uns in der Küche zwischen Kartoffelsalat und gebratenen Würstchen umziehen. Interessant war der Auftritt in der damaligen Nobel-Disco von Tommy Hörbiger. Da waren alle als Vampire verkleidet und bevor wir auftraten, wurde die Disco kompett ins Dunkel getaucht und dann wurde die Disco mit nur einem Scheinwerfer erhellt und wir standen dann so ganz plötzlich im Licht. Einmal waren wir beim Spöckmaier zum Weißwurst essen eingeladen. Wir kamen natürlich auch im vollen „Ornat“. Auch auf dem Viktualienmarkt waren wir präsent zusammen mit dem Narhalla-Prinzenpaar.

Wir traten im Bürgerbräukeller auf, der im Jahre 1979 zugunsten von Neubauten abgerissen wurde. Es war wirklich ein schöner Abend. Leider habe ich an diesen Auftritt auch eine schlechte Erinnerung. Mit wurde nämlich mein nagelneuer schöner Wintermantel geklaut, den ich erst kurz vorher zu Weihnachten von meinen Eltern geschenkt bekommen habe.

Blöderweise habe ich ihn nicht an der Garderobe abgegeben, sondern da aufgehängt, wo wir uns umgezogen haben. Ich hätte mich echt „in den Hintern beißen“ können! Da hat dann mein Vertrauen in andere einen Knacks bekommen und nicht nur das. Ich musste mir auch noch einen Ersatz-Wintermantel kaufen, den ich brauchte und meine Mittel waren eher knapp.

Der Auftritt im Löwenbräukeller war toll. Wir waren da ja auch noch mit den Giesingern zusammen und das hat schon sehr gut ausgesehen. Mein Mann und ich tanzten dann den Kaiserwalzer. Ich trug zu der Zeit noch ein goldfarbenes Krönchen (wie die Prinzessin beim Froschkönig) und das blöde Ding war in meinen Haaren nicht richtig befestigt.

Es wackelte immer bei jeder Bewegung und bei jeder Drehung, die ich machen musste. Mein zukünftiger Mann kam immer wieder an das Krönchen hin. Da verlor ich die Geduld. Während des Tanzes riss ich also das Krönchen von meinen Haaren und warf es mit vollem Schwung in die Zuschauermenge, wo es aufgefangen wurde.

Alle waren ziemlich perplex aber wir bekamen besonders viel Applaus, weil ihnen das so gefallen hat. Ich bekam dann vom sogenannten „Botschafter von Kanada“, der bei unserer Faschingsgesellschaft in dieser Funktion dabei war, ein hübsches Diadem geschenkt (leider keine echten Diamanten!!). Dieses konnte ich gut befestigen und es verrutschte keinen Zentimeter.

Außerdem sah es sehr viel hübscher aus und hat mir wesentlich besser gefallen, als diese „Froschprinzessinkrone“. Dann bekam ich noch lange weiße Handschuhe und so sah ich als Sissi beinahe perfekt aus, wenn ich noch die entsprechende Perücke gehabt hätte. Leider gab es da keine und es wäre auch für die Tänze, die wir vorführen mussten, viel zu hinderlich gewesen. Also mussten meine echten Haare genügen.

Einmal waren wir auch am Tegernsee in Rottach-Egern. Im noch damals geführten Nightclub vom Hotel Bachmaier durften wir ebenfalls auftreten und das war schon aufregend. Ein Highlight war der Ball im Deutschen Theater. Das war auch ein Treff von sämtlichen Prinzenpaaren, ca. 25 oder 30 Paare, von München Stadt und Land. Es war der damalige Oberbürgermeister Georg Kronawitter mit dabei und ich hatte die Ehre, ihm einen Orden umhängen zu dürfen – nebst Bussi natürlich.

Er hat uns sogar noch extra vorgestellt, weil wir halt nicht unbedingt das „übliche“ Prinzenpaar darstellten. Und König Ludwig beeindruckte anscheinend doch sehr. Es gibt wohl noch viele Königstreue in Bayern. Wir waren schon stolz, weil wir das einzige Prinzenpaar waren bzw. König Ludwig und Sissi, die den Stadtteil Lehel je repräsentieren durften. Es gab das vor uns nicht und nachher auch nicht mehr.

3 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Eine tolle Geschichte. Und da muss ich ehrlich sagen: Das war doch das beste Prinzenpaar, was Bayern jemals hervorbrachte!

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