Eine kleine Münchner „Straßenbahnschaffner-Geschichte“ aus den 60iger Jahren

Ich bin in München geboren und aufgewachsen als Kind einer Straßenbahnschaffnerin. Ich fand es toll, wenn meine Mutter aus ihrem Münzapparat, den sie um die Hüfte getragen hatte, ausleerte, das Geld zusammenzählte und sorgfältig in eine Liste eintrug.  Alles eingenommene Geld wurde dann natürlich bei der nächsten Schicht abgegeben. Durch ihre Schichtarbeit war sie zu sehr unterschiedlichen Zeiten zu Hause und ich beneidete sie nicht, wenn sie in der Frühe um 4.00 Uhr aufstehen musste oder mal spät abends heim kam. Mir hat aber ihre Uniform sehr gut gefallen und meine Mutter war eine recht hübsche Schaffnerin. Klar hatte sie da auch ihre Verehrer.

In den 60iger Jahren wurde sie sogar mal gefilmt und der Film bzw. die Aufnahmen, wo sie zu sehen ist, ist eingebettet in eine Dokumentation vom Bayerischen Rundfunk über die Geschichte und Entwicklung der Straßenbahn in München, in der auch der Weiß Ferdl sein berühmtes Lied von der Linie 8 singt (wenn man ihn auch nicht sieht sondern eben hört).

Wenn ich Ferien hatte und meine Mutter nachmittags Dienst, dann durfte ich sie auf ihrer Fahrt begleiten. Da war ich damals so zwischen sechs und acht Jahre alt. Ich stand neben ihr und die Leute lächelten mich freundlich an. Manchmal bekam ich auch Schokolade geschenkt; das fand ich natürlich dann schon prima.

Bei bestimmten Strecken war es oft sehr voll und ich machte mich ganz klein. An der Endhaltestelle war immer etwas länger Pause und dann durfte ich mich in Mutters Schaffnersitz setzen und über das Mikrophon Haltestellen ausrufen (wenn niemand mehr im Zug war) und mit dem Fahrer sprechen. Ich kam mir ganz toll vor. Die Haltestange benutzte ich als Kletterstange und turnte da wie ein Affe rum (nur an der Endhaltestelle und ohne Fahrgäste!). 

In den 60iger Jahren gab es noch ein paar alte Straßenbahnen aus der Vorkriegszeit. Da waren Holzbänke so angeordnet, dass man sich gegenüber saß und der Mittelgang war frei. Da es für die Schaffner in diesen alten Wägen keine Sitzgelegenheit gab, d.h. sie durften sich auch bei freien Plätzen nicht hinsetzen,  musste meine Mutter während einer ganzen Schicht über  – ausgenommen an den Endhaltestellen – stehen. Das war schon ganz schön anstrengend.

Die Türen gingen nicht automatisch auf sondern mussten per Hand aufgeschoben werden. Bin da auch mal mitgefahren aber die „neueren“ Straßenbahnen haben mir besser gefallen.

Ich glaube, es gab kein Kind in ganz München, das mit seiner Mutter während ihrer Tätigkeit als Schaffnerin mitfahren und das erleben durfte. Später war ich recht traurig, als man die Schaffner nicht mehr brauchte. Am 30.05.1975 wurde der letzte Schaffner verabschiedet. Meine Mutter hörte eher auf, da mein Bruder als der Dritte im Bunde der Geschwister, im Februar 1968 auf die Welt kam. Sie arbeitete dann bis zur Rente später bei der Post.

3 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. So ein netter Artikel! Ja, Straßenbahnfahren war ein Erlebnis für uns 50er Jahre Kinder in München. Wir hatten eine Nachbarin, die war auch Straßenbahnschaffnerin. Manchmal durfte ich beim „Geldzählen“ helfen und mit dem Münztascherl spielen. Damals fand ich den Beruf toll und wollte auch Schaffnerin werden. Auch weil man da soviel Geld verdienen konnte. (Mir war noch nicht klar, dass das Geld nicht behalten werden durfte) Gerne bin ich in der Trambahn vorne gestanden und hab dem Fahrer beim Kurbeln und Klingeln und Granteln zugeschaut. Gerne wäre ich auch so groß gewesen, um an die Klingelschnur oben zu gelangen. Eine nette Erinnerung.

  2. Ihr Artikel hat mich sehr zum Schmunzeln gebracht es war wie eine kleine Zeitreise ,das kenne ich alles bin 1950 geboren .Das glaube ich das es ganz toll war mit der Mamma mitzufahren .Es war sehr schön zu lesen.Liebe Grüße

    • Liebe Karin Wieser, ich freue mich, dass Ihnen mein kleiner Artikel gefallen hat. Es sollte eine kleine Hommage an meine Mutter sein. Und ich denke noch heute gerne an die kleinen „Exkursionen“ mit der Straßenbahn zurück. Herzliche Grüße, Gisela Welzenbach

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