Die Au: Gelassen und begehrt

Denkt man heute an die Au, so hat man ein schönes, ruhiges Wohnviertel vor Augen, das umarmt wird vom Auer Mühlbach und der Isar. Wahrscheinlich denkt man auch an die Auer Dult und hat den malzigen Duft der Brauerei in der Nase, wenn man an in der Nähe der Ohlmüller, Ecke Falkenstraße ist.

Blumenfreund in der Au

Blumen vor der Haustür

In der Au ging es schon immer etwas ruhiger und gelassener zu, als in anderen Vierteln. Diese Gelassenheit und ihre unaufgeregte Art haben sich die Auer bis heute bewahrt. Hier ist es weniger trendy und hip wie im Glockenbachviertel und Haidhausen, dafür ein bisschen gemütlicher und bodenständiger. Es gibt keine großen Supermärkte und auch keine angesagten Läden, sondern ein paar nette Cafés, Wirtshäuser und kleinere Einkaufsmöglichkeiten für die Anwohner, die die Nähe zum Wasser und das viele Grün den Isarauen genießen. Dass die Au einst einen richtig schlechten Ruf als „Glasscherbenviertel“ hatte, davon ahnt man heute nichts mehr.

Auer Mühlbach

Auer Mühlbach an der Quellenstraße

Geografisch gesehen versteht man unter einer Au einen Landstrich, der am Ufer eines Baches oder Flusses liegt und der durch den Wechsel von Hoch- und Niedrigwasser geprägt ist. Besser könnte man die Au in München auch nicht beschreiben: Zu Zeiten, als es für die Isar noch keine Speicherbecken, Kanäle und Staustufen gab, bekamen die Auer bei Hochwasser und Starkregen regelmäßig nasse Füße. Deshalb war der Wohnraum auch billig, in diesem kleinen Wohnviertel zwischen Ludwigsbrücke im Norden und Wittelsbacherbrücke im Süden, in dem es eng, feucht und schmutzig war.

Alte Herbergshäuser in der Franz-Prüller-Straße

Alte Herbergshäuser in der Franz-Prüller-Straße

Das sprach sich rum und bereits im 17. Jahrhundert war die Au bereits total überlaufen. Bauarbeiter, Tagelöhner, Handwerker und Fuhrunternehmer bauten sich hier eng an eng kleine, windschiefe Herbergshäusel, um in Stadtnähe eine Bleibe zu haben. Noch heute kann man an den kleinen Herbergshäusern in der Franz-Prüller-Straße und am Herrgottseck erahnen, wie eng es zugegangen sein muss vor 200 Jahren. Manche Wohnungssuchenden, deren Verzweiflung groß war, kamen sogar auf recht unkonventionelle Ideen, wie ein Chronist beschreibt: „Witwen, wie alt sie auch sein mögen, werden geheiratet, um das Wohnrecht in der Au zu erlangen.“

Wachposten fürs Glasscherbenviertel

Anfang des 19. Jahrhunderts werden sogar Wachposten, Schranken und Ausweiskontrollen eingeführt, um dem unkontrollierten Zuzug und der extremen Überbevölkerung des Arme-Leute-Viertels Einhalt zu gebieten. Bereits 1835 hatte die Au ungefähr 10 000 Einwohner – heute sind es knapp 30 000. Jeder Zehnte Einwohner des Viertels war damals arbeitslos – das ist heute zum Glück anders.

Wegen der ärmlichen Verhältnisse ihrer Bewohner galt die Au als „Glasscherbenviertel“. Die Auer Klientel, bestehend aus Handwerkern, Tagelöhnern, Dienstboten und Dirnen genoss in München einen zweifelhaften Ruf: „Massive Leute sind die Auer allerdings, aber so recht eigentlich grob werden sie nur im aufgereizten oder trunkenen Zustand….Die Ehre seiner Au nur im Geringsten anzutasten oder in Zweifel zu ziehen, gerät der sanfteste aller Auer in Wut…“ berichtet 1835 der Schriftsteller Adolph von Schaden. Wut und Verzweiflung war besonders in den Wintermonaten unter den Anwohner verbreitet. Wenn die Bauarbeiter auf den Baustellen der Residenzstadt nichts verdienen konnten, wird die Not der Leute so groß, das Hunger und Elend sie dazu treiben, sogar Hunde zu schlachten oder sich durch Raub und Diebstahl Lebensmittel zu beschaffen. Straftaten werden mit Zuchthaus bestraft, das ebenfalls in der Au angesiedelt ist. Das ehemalige Paulaner-Kloster an der Ohlmüllerstraße ist zu Beginn des 19. Jahrhunderts ein straff geführtes Gefängnis und Arbeitslager, in dem die Häftlinge in Ketten und an Eisenkugeln geschmiedet, ihr Dasein fristen.

 

Wohnen am Paulanerplatz

Wohnen im Grünen mitten in der Stadt – am Paulanerplatz in der Au

Prekäre Zustände, wie man sie sich 200 Jahre später, angesichts der hübschen Au und seiner gepflegten Häuser nicht mehr vorstellen kann. Heute weist nichts mehr auf das Zuchthaus in der Au hin, man muss weder Witwen heiraten, noch tägliche Ausweiskontrollen auf sich nehmen und die Ehre der Auer muss auch keine mehr verteidigen. Was man heute allerdings durchaus gut gebrauchen kann, ist eine große Portion Glück bei der Wohnungssuche und ein gutes Einkommen, um sich eine schöne Wohnung mit Blick auf die Isar leisten zu können. Altbau finden Wohnungssuchende hier kaum noch. Der Krieg hat einen Großteil der alten Bausubstanz zerstört. Den fehlenden Wohnraum ersetzte man in der Nachkriegszeit durch günstige, schnell aufgebaute Genossenschaftswohnungen. Diese Wohnblöcke prägen auch heute noch das Straßenbild, wenn auch in renovierter Form. Denn viele von ihnen bekamen in den letzten Jahren einen frischen Anstrich,  hübsche Balkone und sind heute bei jungen Familien und Paaren sehr beliebt.

Karl Valentin: „Der Schrecken der Au“

Au - Zeppelinstraße

Karl Valentin wurde in der Zeppelinstraße geboren

Einer der bekanntesten Münchner wurde sogar in der Au geboren: Karl Valentin kam am 4. Juni 1882 als Valentin Ludwig Fey in der Zeppelinstraße 41 zur Welt und verbrachte seine Kindheit in der Au. Seine Eltern, die aus Sachsen und Hessen stammten, betrieben im Hinterhof des Wohnhauses die Möbelspedition „Falk und Fey“. Nach der Volksschule beginnt „der Fey-Bua“ eine Schreinerlehre in Haidhausen. Durch seine derben Streiche, Provokationen und Auseinandersetzungen mit der Gendarmerie handelte er sich bald den Spitznamen „Der Schrecken der Au“ ein. 1902 stirbt sein Vater und der 20-jährige übernimmt zusammen mit der Mutter die Spedition. 1906 geht das Geschäft bankrott und er zieht mit seiner Mutter nach Sachsen. Von 1908 bis 1943 kehrt er wieder in seine Heimatstadt zurück, konzentriert sich auf sein komisches Talent und entwickelt sich zum genialen Komiker. Als Erwachsener erzählt er in zahlreichen Kindheitserinnerungen von seinen oft grenzwertigen Streichen und Erlebnissen in der Au. Die letzten Lebensjahre, bis zu seinem Tod 1948, verbringt Karl Valentin in Planegg, wo er der bekannteste Auer begraben liegt.

Mariahilf Kirche und die Auer Dult

Am Mariahilfplatz

Grundschule am Mariahilfplatz

Das Herzen der Au schlägt am Mariahilfplatz mit seiner neugotischen Mariahilfkirche. Spüren kann man diesen Herzschlag, wenn am Mariahilfplatz „Auer Dult“ ist.  Vor gut 700 Jahren gab es in München zum ersten Mal eine „Dult“. 1310 wurde der Markt noch in der Innenstadt an der Neuhauser- und Kaufingerstraße abgehalten. Nach einigen Ortswechseln über die Jahrhunderte hinweg, findet der Jahrmarkt 1904 in der Au seinen festen Standort. Der Name „Dult“ leitet sich von dem lateinischen Begriff „indultum“ ab, was soviel wie „Erlaubnis“ bedeutet. Zu diesem genehmigten Markt traf sich damals eine bunte Mischung aus Anwohnern, Kirchenpilgern, fahrenden Händlern und Gauklern. Bis heute gilt die Auer Dult als größter Geschirrmarkt Westeuropas. Die kuriose Mischung aus Jahrmarktsbuden,  Geschirrverkäufern, Marktschreiern, Antiquitätenständen und Imbissbuden ist einzigartig und sehenswert. Dreimal im Jahr gibt es eine Dult: Die Mai-Dult

Mariahilfkirche und Mariahilfplatz

Mariahilfkirche und Mariahilfplatz

findet Ende April/ Anfang Mai statt, die Jakobidult Ende Juli/ Anfang August und Ende Oktober die Kirchweihdult. Jeder Jahrmarkt dauert neun Tage – von Samstag bis zum Sonntag der Folgewoche.

Ist gerade keine Dult, wirkt die Mariahilfkirche etwas verloren auf ihrem großen, leeren Platz. Nur mittwochs und samstags wird es etwas voller – dann ist Wochenmarkt, den die Anwohner gerne zum Einkaufen nutzen.

 

Handfeste Biertradition

Aufgrund der Lage am Isarhochufer war die Au ideal für Brauerein, die im Hang große Stollen für ihre Kühlkeller bauen konnten. Außerdem entsprang aus dem Berghang reichlich sauberes Quellwasser, das zum Bierbrauen ebenfalls notwendig war. So siedelten sich an der Hochstraße der Franziskaner-Keller an und die Paulaner Brauerei mit dem Wirtshaus am Nockherberg. Der Franziskaner-Keller an der Hochstraße, war zur Jahrhundertwende ein riesiger Gebäudekomplex und industrieller Großbetrieb, der im Zweiten Weltkrieg bis auf die Gaststätte komplett zerstört wurde. 1971 wurde auch die Gaststätte abgerissen und eine Wohnanlage errichtet.

Paulaner Brauerei

Traditionsstandort: Paulaner in der Au

Der Nockherbergkeller

Der Nockherbergkeller

Die letzte Brauerei, die ihren Hauptsitz noch in der Hochstraße hat, ist Paulaner. Bekannt ist das Wirtshaus mit dem großem Biergarten vor allem durch das Starkbierfest und den alljährlichen Salvatoranstich sowie durch das traditionelle „Politikerderblecken“. Zimperlich war man am Nockherberg noch nie. Herren, die vor 100 Jahren im Biergarten Zylinder trugen, wurde die „Salonröhre,“ wie die auffällige Kopfbedeckung damals spöttisch genannt wurde, von den Stammgästen kurzerhand platt geschlagen. Für Ortsunkundige, die diesen derben Brauch nicht kannten, hielten die Biergartenbediensteten sogar schlichte „Trinkhüte“ bereit, die man am Eingang ausleihen konnte. Als 1888 ein junger Mann einem älteren Herrn den Zylinder „flach klopfte“ kommt es zur Schlägerei, die sich auf den gesamten Biergarten ausweitete. 4000 Personen prügelten sich schlussendlich bei der legendären „Salvatorschlacht“, einer Massenrauferei, die die ganze Nacht über andauerte. Heute geht es in dem schönen, traditionsreichen Biergarten mit Saalettl und plätschernden Brunnen toleranter zu: Egal welche Kopfbedeckung die Leute heute tragen, jeder darf rein. Zum Glück: Denn wenn man vom Biergarten aus den Blick über die Stadt schweifen lässt, eine Brotzeit und eine frische Maß Bier vor sich hat, will man auch so schnell gar nicht mehr weg aus der Au.

Viele nützliche Infos und Serviceadressen für die Au finden sie hier bei muenchen.de 

Die Zitate stammen aus dem Buch: „In der Münchner Vorstadt Au“ von Hermann Wilhelm, Buchendorfer Verlag 2003

@Alle Fotos: Dagmar Fritz

 

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