Ihr liebt München? Dann solltet Ihr diese 5 Bücher lesen!

Ich lese eigentlich immer. Und ich wohne in München. München ist eine der größten Verlagsstädte der Welt, die lokale Buchhandelsszene ist höchst lebendig, es gibt ein großartiges Literaturhaus mitten in der Stadt und auch, wenn Gerüchte besagen, sämtliche einst hier ansässigen AutorInnen seien nach Berlin abgehauen: viele SchriftstellerInnen leben hier und lassen sich von der Stadt, den Menschen, der Isar, dem Grant, der Lebenslust, dem Viktualienmark, den Kirchenglocken, von Giesing, Bogenhausen und Schwabing, vom Südfriedhof, vom Dantebad, vom FC Bayern – und von wasweißichnochalles inspirieren. Hier meine fünf Buch-Favoriten für Neu-, Alt- und Immerwieder-MünchnerInnen. Es sind Bücher über München oder solche, die von MünchnerInnen geschrieben wurden. Ich finde, sie sagen viel über die Stadt aus. Viel Vergnügen

1. Dagmar Leupold: „Die Witwen“
Gerade erschienen im Verlag Jung und Jung, ist dieser Roman mein Liebling der Herbst-Saison 2016. Die Autorin lebt in München und kuratierte vor einigen Jahren das forum: autoren im Rahmen des Münchner Literaturfests. Ihr aktuelles Buch – führt die Leser weg von München, zunächst hinein in die Provinz in ein beschauliches Wein-Städtchen an der Mosel. Hier ist es schön, hier lebt man gut, hier kennt man sich – und hier ist es fad. Die vier „Witwen“ wollen weg. Dringend. Dagmar Leupolds Roman ist eine großartige Road-Novel, erzählt wird eine Reise ins Ungewisse, unternommen von vier Freundinnen, allesamt keine Witwen, allesamt schon leicht über die Lebensmitte hinaus und gemeinsam Sex-and-the-City-Quartett reloaded. Nur besser. Viel besser. Der einzige Mann an Bord – er wird per Annonce als Chauffeur akquiriert und verpflichtet – wird schnell viel mehr als ein Chauffeur: Beobachter und Kommentator, Beschützer und Privatgelehrter, Objekt der Begierde und geliebter Feind. Es ist eine Geschichte über Freundschaft, über das Aufbrechen, über Mut und Heimweh, über Männer und Frauen. Geschrieben in einer wunderbar schwingenden, klingenden Sprache, die sich bewegt wie der Lauf der Mosel.

2. Lion Feuchtwanger: „Erfolg“
DER München-Roman schlechthin! Lion Feuchtwanger, 1884 in München geboren, zog 1925 nach Berlin. Dort begann er die Arbeit an seinem großen Roman über seine Heimat – über das Land Bayern in den Jahren 1921 bis 1924. Der eigentliche Protagonist: das Land und seine Hauptstadt München. Wichtige Nebendarsteller: Figuren, die einerseits historischen Persönlichkeiten nachempfunden sind, andererseits „typisch“ bayerisch erscheinen: beim »Großkopfigen« angefangen über Kleinbürger, Schriftsteller, Ingenieure und Handwerker bis hin zu Königstreuen und Bauernführern, Künstlern und Fabrikanten. Dazu: die schwelenden politischen Verwicklungen der Zeit und die konkrete Bedrohung durch den Nationalsozialismus. „Erfolg“ ist Satire und Liebeserklärung zugleich. Und ein großartiges Münchenportrait, das auch heute noch zu stimmen scheint, an den Stammtischen, die es immer noch gibt – und immer geben wird.

3. Josef Bierbichler: „Mittelreich“
Ist vor einigen Jahren mit Pauken und Trompeten erschienen. Mittlerweile gibt es das Buch in der xten Auflage und als Bühnenversion in den Münchner Kammerspielen – eine bemühte und unnötige Umsetzung des wirklich großartigen literarischen Stoffes, übrigens. Bierbichler erzählt die Geschichte einer Wirtefamilie an einem See über mehrere Generationen hinweg. Es ist ein sprachgewaltiges Epos über Erbe und Last, Familie und Liebe, Missbrauch und Rache. Den See kann man als Würmsee identifizieren – die Geschichte jedoch sei nicht autobiographisch, betonte der Autor immer wieder, doch gab er auch zu, dass man nur über das schreiben könne, was man kennt. Und „seinen“ See kennt er, der Bierbichler, der See, der für die Münchner immer schon bedeutend war. Für die großstädtischen Sommerfrischler spätestens seit Ende des 19ten Jahrhunderts. Nach dem Zweiten Weltkrieg für Geflüchtete aus allen Regionen der Nation. Und aktuell für die vom Bierbichler gehassten Cabriofahrer, die dann bei ihm, beim „Fischmeister“ also, sitzen und schauen, „ob der Bierbichler auch irgendwo hockt“. Tut er meistens. Bockig. Meine Lieblingsszene im Roman: wie das Dach des Wirtshauses während eines großen Sturms davonfliegt und der Wirt, die Hauptfigur, beinah verzweifelt, bis seine Frau ihn schüttelt und anschreit und er rausrennt und schließlich draußen, auf dem Steg, über dem schwarzen Wasser mitten im Sturm eine Wagner-Arie schmettert. Groß. Ganz, ganz groß.

4. Oskar Maria Graf: „Das Leben meiner Mutter“
Erschienen 1940 zuerst in englischer Sprache, sechs Jahre später dann auf Deutsch, ist DER große autobiographische Roman des bayerischen Rebellen Oskar Maria Graf. Graf gehört zu den Hausheiligen des Münchner Literaturhauses, hier hat ihm die New Yorker Künstlerin Jenny Holzer Ende der 90er Jahre ein besonderes Denkmal gewidmet: In das Kaffeehaus im Erdgeschoss des Literaturhauses hat sie Zitate von Oskar Maria Graf gleichsam eingewoben, hat sie auf Tellern und in Tassen, auf den Rücklehnen der Bänke, in der Lauflichtsäule über der Bar und auf den Tischen auf der Terrasse verewigt. Und so passend ist diese Verbindung, war Oskar Maria Graf doch Bayer mit Leib und Seele, einer, der, nachdem er nach New York emigirierte, sich dort niederließ und dort starb, nie seine bayerische Heimat, seine Sprache oder gar seine Lederhose aufgegeben hat. Legendär das Foto von OM Graf auf der Fifth Avenue. The Big Apple. Häuser, himmelstürmend. Und mitten drin: Graf. Bauernschädel mit Lederhosen, stolz und ungebeugt und voller Heimweh. „Das Leben meiner Mutter“ ist die Geschichte seiner Familie, es ist ein großes literarisches Monument über Herkunft und Entwurzelung. Die Lektüre lohnt. Auch jetzt. Auch als Nichtbayer.

5. Joachim Meyerhoff: „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke!“ 
Der dritte Teil der Trilogie „Alle Toten fliegen hoch“ des Schauspielers Joachim Meyerhoff. Großartig. Witzig. Schräg. Und ungeheuer berührend. Meyerhoff, seit Jahren höchsterfolgreich und fest engagiert an der Wiener Burg, schreibt von seinen Jahren als Schauspielschüler an der Otto-Falckenberg-Schule in München. Für mich ganz persönlich steckt so vieles in diesem Buch, das ich kenne und liebe, sitze ich doch selbst oft zum Mittagessen in der Kantine mit den Kolleginnen und Kollegen aus der Technik oder vom Betriebsbüro, mit vergeistigten VolontärInnen und Löcher-in-die-Luft-starrenden Schauspielern, höre die Ansagen der Inspzienz, beobachte die nervösen Schauspielschüler. Wie Meyerhoff vom Elend des Anfangs berichtet, vom vermeintlichen Versagen, von der Peinlichkeit des eigenen Körpers, vom Rollenspiel (Effi Briest als Nilpferd! große Szene!) – und von seiner Zunge im Bauchnabel einer Schauspielschülerkollegin, das ist einfach wunderbar. Aber noch vie mehr als das sind die Beschreibungen der Großeltern, die in Nymphenburg lebten, den Enkel bei sich wohnen ließen und ihn eingebunden haben in ihre große Liebe und in ihre herrlich verschrobene, bürgerliche und zugleich vollkommen unangepasste Welt. Dieses Buch ist eine Liebeserklärung an München. An die Großeltern. An das Leben. Und an das große Abenteuer Theater!

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