Berg am Laim – das Aschenputtel im Münchner Osten

Wäre ich je nach Berg am Laim gekommen, wenn nicht mein Arbeitgeber hier seinen Sitz gehabt hätte? Ich glaube nicht. Hätte ich je den spröden Charme des Münchner Ostens kennengelernt ohne den täglichen Gang in den Verlag? Wohl kaum. Und schade wär’s gewesen! Berg am Laim ist nämlich viel besser als sein Ruf. Und viel facettenreicher. Von der Hektik des Gewerbegebiets südlich der S-Bahn-Trasse über das lauschige Villenviertel am Schüleinplatz hin zu ländlichen Gebieten bei der Kirche St. Michael – es ist das breite soziale und gesellschaftliche Spektrum, das das Viertel prägt wie kaum ein anderes in München.

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Das können jene, die auf der Berg am Laim- beziehungsweise der Kreillerstraße stadtauswärts hasten, freilich nicht wissen. Sie sehen abweisende Mietskasernen, gesichtslose Gewerbebauten, Garagen und Tankstellen, die die  Ausfallstraße säumen, welche eine tiefe Schneise mitten durch den 14. Stadtbezirk Münchens gräbt.

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Wer jedoch – wie ich – die Tram Linie 19 nach ihrer Fahrt durch die hoheitsvolle Maximilianstraße und das gemütliche Haidhausen an der Haltestelle „Schlüsselbergstraße“ verlässt und Richtung Norden geht, ist mittendrin in Berg am Laim. Und zwar da, wo der Stadtbezirk vielleicht am sperrigsten ist, im „Gewerbegebiet Neumarkter Straße“. Hier befinden sich die Verlagshäuser der alten und neuen Medien, Bertelsmann und Random House, Burda mit Tomorrow Focus, hier war auch der Standort von Gruner & Jahr. Im Hintergrund erhebt sich der elegante Tower der Süddeutschen Zeitung. Kleine und mittlere Industrie-Unternehmen neben Discountern und Drogeriemärkten. Das Togal-Werk mit dem markanten Logo in einer Nebenstraße. Unmittelbar daneben kleinere Gewerbe, unter anderen auch das älteste der Welt. Was noch? Ich zähle eine Tanzschule, eine Spielhalle, einen Anbieter von Selbstverteidigungskursen und einen für Begleitschutz. Eine Kinderkrippe. Ein islamisches Zentrum. Dazwischen ein Verein „Body of Christ for all Nations“. Ein Übersetzungsbüro, mehrere Werbeagenturen. Eine Praxis für schamanische Energiearbeit und eine für Thai-Massagen. Gelebte Vielfalt in tolerantem Miteinander. Bunt und international ist auch das Restaurantangebot in diesem Teil Berg am Laims. Fantastisches und ganz frisches asiatisches Essen zu kleinen Preisen gibt es im „Blue Ingwer“ an der Berg am Laim Straße. Wer es lieber indisch mag, geht ins „Satyan“ an der Ecke Berg am Laim Straße und Leuchtenbergring. Dazwischen ein Imbiss mit leckeren Falafel.
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In der Mittagspause gehen wir gern in Sergio Bolzans „Cantinetta“, die sich in der Neumarkter Straße hinter einer Autowerkstatt versteckt und essen Pasta und Piadine. Im Sommer sitzt man an langen Tafeln unter blühenden Obstbäumen und wähnt sich in der Emilia-Romagna. Von hier aus sind es nur ein paar Schritte weiter bis zum Ortsteil Baumkirchen. Spitz ragt der schlanke Turm von St. Stephan in den weiß-blauen Himmel. Die Kirche mit dem ummauerten Friedhof wurde bereits 870 urkundlich erwähnt. Früher mittelalterliches Wahrzeichen des Dorfes Baumkirchen, liegt der schöne alte Kirchhof nun eingezwängt zwischen Neumarkter und Baumkirchner Straße. Von der dörflichen Beschaulichkeit ist nichts übrig geblieben außer vielleicht der Sehnsucht, dem dicht bebauten Quartier wieder etwas mehr Gesicht zu verleihen. Die Errichtung des neuen Maibaums am Grünstreifen der Baumkirchner Straße markiert den ersten Schritt in diese Richtung.

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Spätestens mit der Eingemeindung der selbstständigen Gemeinde Berg am Laim im Jahr 1913 begann die rapide Umwandlung der einstigen Dörfer Baumkirchen, Echarding, Steinhausen und Zamdorf zu einem neuen Industriestandort vor den Toren Münchens. Die Verkehrsanbindung wurde ausgebaut, die Wohnsiedlungen verdichtet. Die Einwohner bekamen endlich Anschluss an Strom- und Gasversorgung und an die Münchner Kanalisation. Wo 1913 nur 2.770 Menschen wohnten, sind es hundert Jahre später mehr als 40.000. Dabei hatte Berg-am-Laim vorher schon große Bedeutung für den Münchner Stadtkern: Ziegel aus Berg am Laim (Laim=Lehm) waren im Mittelalter beim Bau der Innenstadt und der Frauenkirche sehr begehrt.

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Neben der feingliedrigen gotischen Stephans-Kirche prägt der  monumentale und raumgreifende Kirchenbau von St. Michael den südlichen Stadtbezirk. Das spätbarocke Meisterwerk des Kirchenbau-Meisters Johann Michael Fischer mit seiner weiß-gelben Fassade kann ich mir auch gut in Norditalien vorstellen. Ich betrete den  Kirchenraum. Stille. Über mir prachtvolle Gewölbefresken und Stuckaturen, wie Zuckerguss auf Marmor. Am linken Eingang auf Kinderaugenhöhe ein kleiner Schaukasten, in dem auf Knopfdruck  und unter Glockengeläut ein Holzengelchen aus der Kirche schwebt und ein Kindchen segnet. Um St. Michael herum ländlicher Friede. Großzügige Wiesen trennen das Kirchenareal von den Mietskasernen in der südlich gelegenen Gögginger Straße. Zur Landidylle passt das urige „Weiße Bräuhaus“ in der Baumkirchner Straße mit Kastanienbäumen im lauschigen Biergarten. Brotzeit und Bier, das unterliegt in Bayern keinem Modetrend. Ich kann kaum glauben, dass die hektische Kreillerstraße nur ein paar Schritte entfernt ist. Wenn jetzt vielleicht bald noch der Hachinger Bach seinen Weg aus der Untergrund-Verbannung ans Licht findet, könnte man Berg am Laim fast schon zum Naherholungsgebiet erklären.

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Berg am Laim verhält sich zu den schönen und stolzen Münchner Vierteln ein wenig wie das Grimmsche Aschenputtel zu ihren Stiefschwestern. Seine Schönheit erschließt sich nicht sofort. Aber es lohnt sich, zweimal hinzuschauen. Nie hätte ich erwartet, in Berg am Laim so sympathisch-gediegene Wohnviertel wie am Schülein- oder Überseeplatz zu finden, nur einen Katzensprung entfernt von den tristen Fassaden des sozialen Wohnungsbaus. Eigentlich hat Berg am Laim alle Voraussetzungen, ein wirklich lebendiges und attraktives Stadtviertel zu werden. Ich frage mich, wann das Aschenputtel sich endlich zur selbstbewussten Prinzessin mausert.

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Herzlichen Dank an Michael Schnitzenbaumer für die schönen Fotos in diesem Beitrag.

Alle Fotos: © Michael Schnitzenbaumer, München

9 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Ach mei, mein Berg am Laim. Seit ein paar Jahren wohn ich jetzt mit meiner Frau und den Kinden im „anderen Laim“ und muss sagen, ich vermisse meine alte Gegend. Das gute ist nur, dass ich mit der 19er quer durch die Stadt fahren kann und dann „zu Hause“ bin.

    • Ja, mittlerweile kann ich das verstehen. Ist schon ein besonderes, raues Flair hier, an das man sich erstmal gewöhnen muss. Aber dann kann man sich prächtig anfreunden mit BaL.

  2. Wow! So schöne Fotos, In München gibt es doch überall schöne Ecken, wenn man den richtigen Blick dafür hat. Sehr schön ;=)))

    • Ja, finde ich auch! Manchmal muss man eben zweimal hinschauen, wenn sich die Schönheit nicht auf den ersten Blick erschließt.

  3. „Eigentlich hat Berg am Laim alle Voraussetzungen, ein wirklich lebendiges und attraktives Stadtviertel zu werden. Ich frage mich, wann das Aschenputtel sich endlich zur selbstbewussten Prinzessin mausert“…. Dieser Satz im eigentlich sehr gut geschriebenen Artikel hat mir dann doch wieder zu Denken gegeben: JA KLAR! Es wird so sein! Berg am Laim wird sich schon bald von einem Aschenputtel zu einer selbstbewussten Prinzessin mausern, um es mit diesen Worten auszudrücken – so wie alle Münchner Stadtviertel es nach und nach getan haben und noch immer tun. Aber was bedeutet das in WAHRHEIT? Spätestens dann werden die Heuschrecken auch über Berg am Laim herfallen, so wie sie es schon in so vielen Münchner Stadtvierteln getan haben! Und spätestens dann kostet auch in Berg am Laim eine neu vermietete 100qm-4Zi-Wohnung auf einmal € 2000 Miete. Diese Entwicklung kann man übrigens am Übergang von Baumkirchen nach Zamdorf schon sehr gut beobachten. Die Firma Patrizia, eine der übelsten Heuschrecken am Wohnungsmarkt, errichtet dort demnächst ein komplett neues Wohnareal, und das sind dann ganz bestimmt keine tristen Sozialbauten! Was soll denn aus München werden in Zukunft? Eine Stadt mit 1,3 Millionen Millionären??? Auf Italienisch gibt es ja keinen Unterschied zwischen Monaco und Monaco!! Stoppt diesen Wahnsinn endlich!!!! So trist ist Berg am Laim gar nicht. Es ist Heimat vieler Menschen, die eben NICHT über überdurchschnittliche Einkommen verfügen und sich in diesem Viertel gerade deswegen wohl fühlen!!! Auch das braucht es in dieser Stadt!! Liebe Grüße…, ein Ramersdorfer, der Berg am Laim gut kennt und dessen Viertel ein ähnliches Schicksal erwartet……

    • Sie haben völlig Recht. Auch ich fände es schrecklich, wenn BaL / Ramersdorf /… eines Tages genauso gentrifiziert würden, wie wir es in vergleichbaren Vierteln anderer Großstädte erleben. Viele Grüße, Silke Baß-Spitznagel

  4. Naja, ich bin in bal aufgewachsen, meine Eltern wohnen immer noch dort. Ganz ehrlich, ich würd für kein Geld mehr dort hinziehen wollen. Logischerweise kenne ich dieses Stadtviertel sehr gut und schön ist es einfach nicht, nichts halbes und nichts ganzes. Ich bin froh nun im hübschen Süden von München wohnen zu können.

  5. Vielen Dank für diese Außensicht auf das Viertel, in dem ich geboren und aufgewachsen bin. Ich lebe seit zwanzig Jahren in Pasing, bin aber noch oft in Berg am Laim, Fmilie besuchen. Sie haben die beiden Seiten von Berg am Laim sehr gut erfasst. Es hat bürgerliche Winkel und leider gibt es viele unansehnliche Straßen und Häuser. Auch die Bilder gefallen mir gut, besonders der Maibaum an der Baumkirchner Straße. Vielen Dank! Ich hoffe, bald ist Pasing dran!

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