Alle Jahre wieder: Mein Date mit „Hänsel und Gretel“

Als ich 1987 nach München zog, war sie bereits ein Klassiker: die „Hänsel und Gretel“-Inszenierung an der Bayerischen Staatsoper. Damals kaufte ich mir an der Abendkasse eine Studentenkarte und saß daraufhin für ein paar Mark im Parkett. Die Inszenierung stammte aus dem Jahr 1965 und war damit drei Jahre älter als ich selbst. Was bedeutete: die Kulissen wackelten, manchmal fielen die Lebkuchen vom Hexenhaus hinunter oder der Gartenzaun kippte um.

Alle Jahre wieder: Mein Date mit "Hänsel und Gretel": Bayerische Staatsoper mit Denkmal König Maximilian I. JosephDie Kostüme sahen schon damals aus wie aus einem tschechischen Kinderfilm der Nachkriegszeit. Kurzum: Es war einfach entzückend. Weshalb ich jedes Jahr wiederkam. Stets kaufte ich mir an der Abendkasse ein Studententicket und saß immer irgendwo anders. Super waren die Plätze im Parkett ab etwa Reihe 8 bis 10. In den hinteren Reihen auf den Rängen konnte man allerdings schon mal das Gefühl bekommen, in einer Art Sardinenbüchse zu hocken; auch die Musik klang dort eher dumpf. Irgendwann hatte ich mein Studium beendet, doch dann arbeitete ich glücklicherweise an der Staatsoper und redete mir ein, es sei quasi aus dienstlichen Gründen erforderlich, weiterhin in der Vorweihnachtszeit in „Hänsel und Gretel“ zu gehen.

Eines Tages allerdings endete der Job, ich wurde zum normalen Ticket-Käufer – und lernte im neuen Jahrtausend eine völlig neue Perspektive auf „Hänsel und Gretel“ kennen: die vom Stehplatz in der Galerie. Der kostet zwar nur so viel wie ein Kinoticket, hat aber natürlich einen heftigen Nachteil: Man muss in der Regel auch wirklich stehen. Doch die Galerie hat auch einen sagenhaften Vorteil: Nirgendwo ist die Akustik besser als ganz oben, hinterm Kronleuchter. Nur gute Augen muss man natürlich mitbringen. Oder ein Opernglas. In diesen Tagen werden nun die alte Pappmaché-Bühnenbilder zum allerletzten Mal aus dem Fundus geholt.

Nach Weihnachten lässt die Oper die fast 50 Jahre alten Kulissen verschrotten, und demnächst gibt’s dann eine neue Inszenierung zu sehen. Die wird, wie sich das für das 21. Jahrhundert gehört, sicher bonbonbunt und total hip ausfallen. Ich denke mal, Hänsel hat dann vermutlich statt Brotkrumen ein Navi für den Weg aus dem Wald. Aber das ist schon okay so. Ich selber habe mich seit 1987 ja schließlich auch ein bisschen verändert.

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